Covid-19 Zwischen Vollschutz und Überlastung: Eine Pflegefachkraft erzählt von der Corona-Station

Pflegefachkräfte auf den Stationen für Covid-19-Patienten müssen mit vielen Schwierigkeiten kämpfen. Doch was genau passiert zurzeit in den sächsischen Kliniken? Eine Pflegefachkraft hat mit MDR SACHSEN über ihre Erfahrungen gesprochen.

Eine Mitarbeiterin der Pflege in Schutzausrüstung betreut einen Corona-Patienten.
Die Pflege von Covid-19-Patienten ist wesentlich aufwendiger als die Pflege von anderen Patienten. Doch am schlimmsten sei es beim Sterben zusehen zu müssen, so eine betroffene Pflegefachkraft. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Mareike Schneider* (Name von der Redaktion geändert) arbeitet als Pflegefachkraft in einer sächsischen Klinik. Anfang November wurde sie auf eine kurzfristig eingerichtete Infektionsstation für Covid-19-Patienten versetzt. Neben der Angst vor der eigenen Ansteckung und dem Zulauf schwer kranker Patienten und Patientinnen, mussten sie und ihre Kollegen auch noch eine Stationsstruktur aufbauen. "In der Anfangsphase haben sich viele Schwestern mit Covid angesteckt", erzählt sie. "Im Dezember gab es eine zweite Infektionswelle beim Personal unserer Station." Personal habe an allen Ecken und Enden gefehlt.

Der Klinik will sie keinen Vorwurf machen. Es sei schnell ein Testkonzept erstellt worden. Aber die Dynamik war aufgrund der steigenden Zahlen kaum beherrschbar. "Die Patienten kamen krank, aber ansprechbar und am nächsten Tag waren sie einfach tot", erzählt Schneider. Das sei für das Klinikpersonal, egal ob Pfleger, Ärzte oder Therapeuten auf Dauer unerträglich.

Auf der Infektionsstation sind von November bis Februar so viele Menschen gestorben, das war nicht erträglich.

Mareike Schneider

Vor allem das Personal, das bis dahin kaum mit Tod und Sterben zu tun hatte, sei komplett überfordert gewesen. Manche Kollegen und Kolleginnen seien mit Angststörungen krank geschrieben worden. "Schlafstörungen waren an der Tagesordnung", so Schneider, "ein inneres Abstumpfen, um irgendwie weiter zu funktionieren."

Die aktuelle Lage am Klinikum Chemnitz Das Klinikum Chemnitz richtet sich nach eigenen Aussagen auf schwere Zeiten ein. Der Schweregrad der dritten Welle der Corona-Pandemie werde den der zweiten Welle bei Weitem übersteigen, so Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin.

Das OP-Geschehen wurde deshalb auf etwa 50 Prozent reduziert – wie Weihnachten 2020 zum Höhepunkt der zweiten Welle.

"Mitarbeiter aus weniger belasteten Bereichen unterstützen und entlasten Kollegen in ausdauernd hochbelasteten Bereichen", so das Klinikum in einer Pressemitteilung.

Traumatische Erlebnisse für das Klinikpersonal

Ihr persönlicher Zusammenbruch kam bei einer Frau, die aufgrund einer anderen Krankheit im Krankenhaus war, erzählt Schneider. Sie sei von einer Mitpatientin mit Covid-19 angesteckt worden. "Die Mutter hätte ihr jüngstes Kind noch bis zum Erwachsenenalter begleiten können", so Schneider. "Hat sie aber nicht, weil Politik und Gesellschaft versagt haben." Jeder habe sein eigenes traumatisches Erlebnis mit einem Covid-19-Patienten. Schneider ist sich sicher, dass die Auswirkungen beim Personal noch jahrelang zu spüren sein werden.

Manchmal haben wir die Patienten tot im Bett gefunden. Wir haben das Sterben nicht einmal mitbekommen.

Mareike Schneider

Bei der direkten Versorgung von Covid-19-Patienten sei der Umgang mit der Schutzausrüstung sehr anstrengend. Schneider muss vorher genau überlegen, was sie braucht. "Wenn ich einmal im Vollschutz bei den Patienten bin, kann ich nicht einfach so etwas holen", erzählt sie. "Alles, was aus dem Patientenzimmer kommt, muss desinfiziert werden. Ich auch."

Die aktuelle Lage am Universitätsklinikum Dresden Die Belastung auf der Covid-Intensivstation sei ungebrochen hoch, teilte das Universitätsklinikum Dresden auf Anfrage mit.

"Die Versorgung der Patienten ist körperlich anstrengend und hochkomplex. Zwar sind die Patientenzahlen im Vergleich zum Dezember gesunken. Von einem Durchschnaufen bei dem Personal, das die Covid-Patienten betreut, ist jedoch keine Rede."

Acht Stunden lang FFP2-Masken tragen, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Ausschlag, das sei der Stationsalltag. Außerdem könne sie die Patienten nicht mehr mit der Qualität versorgen, die sie gewohnt sei. "Und die Schicksale der Patienten. Keine individuelle Sterbebegleitung, keine Familie, die trösten kann", so Schneider. Das bleibe alles nebenbei an ihr hängen. "Dazu das ständige Bimmeln der Überwachung und eigentlich habe ich gar keine Zeit", sagt sie.

MDR THÜRINGEN Reporterin Cornelia Hartmann in Schutzausrüstung
Den Vollschutz für den Umgang mit Covid-19-Patienten anzulegen dauert Zeit. Daher muss jeder Gang in ein Patientenzimmer genau geplant sein. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Steigende Infektionszahlen und Bettenbelegung

Die Infektionszahlen steigen weiter und die Krankenhäuser nehmen wieder viele Covid-19-Patienten auf. Laut Schneider ist die Situation ähnlich wie in der zweiten Welle, aber schlimmer. "Die Patienten sind jünger und sterben nicht so schnell wie die Alten", sagt sie. "Sie kämpfen länger um ihr Leben." Die Zahlen seien schon seit über zwei Wochen besorgniserregend. Belastend sei vor allem das Alter der Patienten. "Sie sind jetzt im Alter unserer Eltern oder in unserem eigenen Alter", so Schneider. "Das macht das Abgrenzen von den Schicksalen noch schwieriger."

Und dann gehe ich nach Hause und Menschen ohne Abstand und ohne Masken kommen mir entgegen. Beim Einkaufen auch. Das ist kaum zu ertragen.

Mareike Schneider

Ihr fehlt eine Reaktion, um die Zahlen zu senken. "Es werden mehr und nichts passiert." Das hinterlasse ein Gefühl von Resignation und Hilflosigkeit, aber auch von Wut. Schneider wünscht sich einen harten Lockdown, um die Situation in den Griff zu bekommen. "Von der Gesellschaft würde ich mir mehr Solidarität für das Personal und die Betroffenen wünschen", sagt sie.

Quelle: MDR/al

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