Fakt ist! Kretschmer kündigt Ausbau der Impfkapazitäten in Sachsen an

Weil die Corona-Lage dramatisch ist, wollen sich viele Menschen in Sachsen impfen lassen. Gleichzeitig sind aber seit fast zwei Monaten die Impfzentren geschlossen. Angebot und Nachfrage finden deshalb beim Impfen nicht so recht zueinander. Was nun zu tun ist und ob eine Impfpflicht die Situation verbessern würde - das war diese Woche Thema bei "Fakt ist!" im MDR FERNSEHEN.

Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen
Ministerpräsident Michael Kretschmer Bildrechte: dpa

Seit Wochen bilden sich wegen der Boosterimpfungen an vielen Impf-Stellen in Sachsen lange Schlangen. Die Landesregierung will jetzt darauf reagieren und die Impfkapazitäten ausbauen. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte in der MDR-Sendung "Fakt ist!":

Es wird einen spürbaren Zuwachs an Impfstellen und Impfpersonal geben. Die Impfstellen werden zwar nicht dieselben sein wie die vorherigen Impfzentren, aber es wird viele Impf-Möglichkeiten geben.

Michael Kretschmer Sächsischer Ministerpräsident

Man stelle dazu den Großstädten zusätzlich vier Millionen Euro und den Landkreisen zwei Millionen Euro zur Verfügung, sagte Kretschmer, der auch auf die Verdopplung der mobilen Impfteams des DRK verwies. Auf die Frage, warum man die bis Ende September bestehenden Impfzentren nicht aufgelassen habe, sagte Kretschmer: "Es gab keine Nachfrage mehr. Die Impfzentren waren im Sommer leer."

Deutliche Worte fand in der Gesprächsrunde auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD):

OBM Leipzig, Burkhard Jung
Bildrechte: dpa

Die Boosterimpfungen sind verpennt worden. Es war ein Fehler, die Impfzentren nicht durchzufinanzieren.

Burkhard Jung Leipziger Oberbürgermeister

RKI legt bei Prognose Punktlandung hin

Dabei übte er auch Kritik am amtierenden Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): "Ich habe im Mai mit ihm über die Booster-Impfungen geredet. Doch da hieß es nur, da müsse man mal schauen", sagte Jung. Zumindest an der Erkenntnis kann es laut dem Virologen Frank T. Hufert spätestens ab dem 8. Juli nicht gefehlt haben. Er verwies auf eine Vorhersage des Robert-Koch-Institutes (RKI), die an diesem Tag veröffentlicht wurde: "Das RKI hat fast eine Punktlandung hingelegt. In der Vorhersage stand detailliert drin, bei welcher Impfquote welche Fallzahlen zu erwarten sind", sagte Hufert.

Impfungen in der Straßenbahn und im Supermarkt

Burkhard Jung kündigte für seine Stadt ab Dezember eine Verdopplung der Impfangebote an. Diese sollen möglichst niederschwellig sein: "Es ist vorstellbar, auch in der Straßenbahn oder im Supermarkt zu impfen. Wir haben darüber hinaus die Zusage der KV Sachsen, dass die Hausärzte in noch größerem Maße mitmachen. Hinzu kommen die mobilen Impf-Teams und außerdem darf in Krankenhäusern geimpft werden."

Dass man damit jeden erreicht, glaubt Frank T. Hufert trotz der dramatischen Situation nicht:

Professor Frank Hufert
Bildrechte: dpa

Es gibt Menschen, die in ihrer Blase leben. Bei denen geht es mehr um Glauben als um Wissen. Die werden immer sagen: Das ist doch alles getürkt.

Frank T. Hufert Virologe

Hufert: Impfgegner sind nicht nur sozial Schwache

Dem Argument, dass das alles sozial schwache Menschen seien, die zudem überwiegend die AfD wählten, widersprach er: "Da müssen sie nur nach Freiburg im Breisgau in manch gutbürgerliche Stadtviertel schauen. Dort werden heute noch Masernpartys gefeiert." Von dem Phänomen, sich lieber anzustecken, als sich impfen zu lassen, berichtete auch das Mitglied des Deutschen Ethikrates, Andreas Lob-Hüdepohl. Im Berliner Viertel Prenzlauer Berg sei das ähnlich, sagte der Theologe.

Kritik an Kommunikation über Impfstoffe

Der Schneeberger Bürgermeister Ingo Seifert (Freie Wähler) sieht das Problem in der seiner Meinung nach unzureichenden Kommunikation der Politik. "Bestes Beispiel ist der Impfstoff von Astrazeneca. Da wurde erst gesagt, den sollen nur die Älteren über 60 bekommen. Dann hieß es plötzlich: Er soll nur an die Jüngeren bis 60 Jahre verimpft werden", erklärte Seifert und fügte an: "Das Vertrauen in die Impfstoffe ist weg." Die Impfquote im Erzgebirge liegt nach Angaben des Sozialministeriums derzeit bei den vollständig Geimpften (zwei Impfungen) bei 44,8 Prozent. Das ist der niedrigste Wert in Sachsen.

Kündigt das Pflegepersonal bei Impfpflicht?

Seifert zufolge hätten viele Menschen aus seiner Stadt mit ihren Hausärzten gesprochen und die hätten am Anfang dazu geraten, erstmal mit der Impfung zu warten. "Diese Expertise der Hausärzte wurde dann vor allem durch die Äußerungen aus der Bundespolitik in Frage gestellt", sagte der Bürgermeister. Er plädiere für eine kommunikative Zäsur und dafür, nicht mehr Begriffe wie "Pandemie der Ungeimpften" zu verwenden. Das spalte nur, so Seifert, der auch klarmachte, was es in seiner Region bedeuten würde, wenn eine gesetzliche Pflicht zur Impfung kommen würde:

Ingo Seifert (Freie Wähler), Bürgermeister Schneeberg
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den Krankenhäusern könnte eine Impfpflicht zu einer Kündigungswelle beim Pflegepersonal führen.

Ingo Seifert Schneeberger Bürgermeister

Andreas Lob-Hüdepohl sah das anders: "Die Erfahrungen aus Frankreich und Italien zeigen, dass sich nur etwa 0,1 Prozent der Arbeitnehmer verabschieden." Dennoch meinte er, dass es grundsätzlich besser sei, die Menschen zu überzeugen, anstatt sie zum Impfen zu verpflichten.

Kretschmer: Ampel plant Impfpflicht für bestimmte Bereiche

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sagte, dass ihm das auch lieber sei. Aus der Ampelkoalition in Berlin habe er aber Signale vernommen, dass wohl eine Impfpflicht für einzelne Bereiche wie den Gesundheitsbereich sowie für Schulen und Kitas kommen werde. Burkhard Jung begrüßte das ausdrücklich: "Es kann doch nicht sein, dass ich mein 3-Jähriges Kind in die Kita bringe und dann ist das Personal dort nicht geimpft", argumentierte das Leipziger Stadtoberhaupt.

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 22. November 2021 | 20:15 Uhr

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