Unterricht und Technik Digitalisierungsbremsen in Sachsens Schulen?

Das Schuljahr war für Schüler, Eltern und Lehrer bislang herausfordernd. Über Probleme mit der Lernplattform Lernsax, Aufgabendruck und Ärger beim Homeschooling hat MDR SACHSEN oft berichtet. Aber wie steht es um die Digitalkompetenz bei Lehrerinnen und Lehrer? Was erwarten die von ihrem Dienstherren? Und: Welche Schlussfolgerungen zieht das Kultusministerium?

Ein Schüler nimmt am Geografieunterricht mit Hilfe eines Laptops teil.
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Nach einem Jahr digitalem Unterricht sieht sich Sachsens Kultusministerium "zwar einen guten Schritt vorangekommen, aber noch längst nicht dort angekommen, wo digitaler Unterricht für alle selbstverständlich läuft", sagt Referentin Susann Meerheim. Die Ausstattung der Schulen und die Umsetzung des digitalen Unterrichts sei ein Prozess. Mit einer insgesamt verbesserten Situation an allen Schulen könne bis 2024 gerechnet werden, dem Ende des Förderprogramms "Digitalpakt Schule".

Fazit 1: Häusliches Lernen ist keine Alternative

Mittlerweile sei klar geworden, dass "das häusliche Lernen, wird es auch noch so gut umgesetzt, keine Alternative zum Präsenzunterricht ist", so Meerheim. Der Lernerfolg hänge maßgeblich vom direkten Kontakt des Lehrers mit den Schülern ab.

Das häusliche Lernen ist hauptsächlich durch das Selbstlernen geprägt und dies ist gerade in den unteren Jahrgängen noch nicht ausreichend vorhanden. Doch auch ältere Jahrgänge haben ihre Probleme, um ihren Tagesablauf und das Selbstlernen richtig zu strukturieren.

Susann Meerheim Sächsisches Kultusministerium

Problem: Lehrer als Digitalisierungsbremsen?

Seit Jahresanfang haben Hunderte Eltern, aber auch Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonal an MDR SACHSEN geschrieben und darüber berichtet, welche Erfahrungen sie mit Lehrerinnen und Lehrern gemacht haben, die nicht erreichbar waren und teilweise auch als "Digitalisierungsbremsen" auftraten. Kritik entzündete sich bei vielen an der technischen Erreichbarkeit und daran, dass digitale Möglichkeiten gar nicht erst genutzt wurden.

Teilweise sind einige aktive Lehrer dabei, die ihre Unterstützung durch Videokonferenzen anbieten. Leider haben wir aber auch das Gegenteil derer, die sich hinter fehlender technischer Ausrüstung verstecken.

Jenny Lieffertz Mutter aus Leipzig

Mutter Angelika Partenfelder aus Eibenstock hat drei Schulkinder zuhause. Für zwei davon habe es in den Homeschooling-Wochen "keine einzige Videokonferenz gegeben, obwohl die notwendige technische Ausrüstung in der Schule zur Verfügung steht".

Alles in allem sind wir weit von einem funktionierenden Digitalunterricht entfernt. Es fehlt seitens der Lehrer am Wollen (und Können), diese zum Wohle der Kinder einzusetzen.

Angelika Partenfelder Mutter aus Eibenstock

Grit Fischer aus Zwickau berichtet, sie sei schwer entsetzt, dass es vielen Lehren egal sei, was aus ihren Schülern werde. "Wie aus einem Dornröschenschlaf mussten wir Lehrer wecken", ärgert sie sich. Zwar seien es mit Sicherheit nicht alle, aber: "Es sind sehr viele Lehrer. Ich selber bin Ausbilder und kann das Handeln vieler Lehrer nicht verstehen."

Ich habe seit Anfang Januar mehr Online-Unterricht gefordert. Immer wieder kamen mir Ausreden entgegen, auch vom Kultusministerium.

Grit Fischer Mutter aus Zwickau

Ein Schild mit der Aufschrift 'Zuhause ist da, wo man WLAN hat'
Was nützen Schülern Leih-Laptops, wenn sie zuhause kein W-Lan haben oder über Funk ins Internet gehen, fragt sich der Vorsitzende des sächsischen Schulleitungsverbands, Michael Ufert. Er verlangt den Breitbandausbau, damit die Technik für Schüler und Schule gut funktioniert. Bildrechte: dpa

Fazit 2: Arbeitsblätter einstellen reicht nicht

Dazu stellt das Kultusministerium fest: "Seit dem Frühjahr 2020 haben Schulen, Schüler sowie ihre Eltern unterschiedliche Erfahrungen mit der häuslichen Lernzeit gemacht. Wir haben von Anfang an klar kommuniziert, dass allein das Einstellen von Arbeitsblättern nicht ausreichend ist und eine Kommunikation zwischen dem Lehrer und den Schülern stattfinden muss. Leider hat das nicht überall funktioniert."

Sehr verehrtes sächsisches Kultusministerium, gibt es Licht am Ende des digitalen Bildungstunnels im Land der Dichter, Denker und Ingenieure? Ist das Maßnahmenpaket zum Ausgleich der pandemiebedingten Nachteile erstrebenswert oder sollten wir nicht darüber nachdenken, dass es endlich haltbare Konzepte gibt, die derartige Nachteile erst gar nicht entstehen lassen.

Berit Hamann Lehrerin aus Dresden

Die Pandemie habe vielen Schule einen Schub ins neue digitale Zeitalter verschafft, digitale Medien in den Unterricht konsequent mit einzubeziehen. "Diesen positiven Antrieb werden wir weiter nutzen", stellte Referentin Meerheim in Aussicht. Im Übrigen seien die digitalen Medien Bestandteil der Lehrerausbildung in Sachsen. "Darüber hinaus haben Lehrkräfte die Pflicht zur Fortbildung. Das ist gesetzlich im Schulgesetz verankert", erklärt Kultusreferentin Meerheim.

Fazit 3: Fortbildungen für Lehrerschaft

Lehrerinnen und Lehrer müssten zur Fortbildung bereit sein, sagt auch der Vorsitzende des sächsischen Schulleitungsverbandes, Michael Ufert, MDR SACHSEN. Er hat im vergangenen Jahr bei Lehrern und ihrem Umgang mit Technik "die komplette Spannweite erlebt: Kollegen kurz vor der Rente, die über sich hinausgewachsen sind, aber auch junge Lehrer, die wir anschubsen mussten."

Für Fortbildungen könnten sich Schulen Experten einladen und pädagogische Tage organisieren. "Dann können alle gemeinsam üben und Standards absprechen", sagt Ufert.

Seit der Einführung des Systems (Lernsax, Anm. d. Red.) gab es keine Weiterbildung, auch nicht Webinare seitens des Kultus. Für die Lehrer ist das sehr ungünstig. [...] Gerade die älteren Lehrer hatten keinen Computerunterricht während des Studiums. Weiterbildung in dieser Richtung? Fehlanzeige. Oft müssen die Ehepartner und Kinder als IT-Berater einspringen.

Astrid Kähler Lehrerin in Sachsen

Fazit 4: Drei technische Grundvoraussetzungen

Schulleiter und Verbandsvertreter Ufert verweist darauf, dass Lehrer immer noch keine Dienst-Laptops haben und es auch nicht genüge, bedürftige Schüler mit Laptops auszustatten. Damit Unterricht digital gut funktionieren kann, ist aus Sicht des Schulleitungsverbandes das elementar:

  • Schulen, Schüler und Lehrpersonal benötigen die technischen Geräte.
  • Breitband müsse flächendeckend vorhanden sein.
  • Lernplattformen und Videokonferenzsysteme müssen funktionieren.

Fazit 5: Realität schlägt Wünsche

Eine nennenswerte Unterstützung der Lehrerschaft durch die Kultusbehörden bei der Bewältigung des digital gestützten Unterrichts kann ich nicht erkennen. Online-Weiterbildungen in digitalen Didaktiken oder im Umgang mit entsprechenden Tools und nicht zu vergessen: die Bereitstellung der lange versprochenen Dienst-Laptops für Lehrer - alles Fehlanzeige. (...) ein Armutszeugnis.

Silke Fengler Lehrerin aus Zwickau

Es gehöre zum Lehrerberuf selbstverständlich dazu, z. B. eine E-Mailadresse zu haben, ansprechbar zu sein und Rückkopplungsmöglichkeiten zu geben, sagt Susanne Meerheim vom Kultusministerium. "Natürlich ist das ein Quantensprung im Lehrersein – besonders für die ältere Generation." Das Kultus biete gezielt Fortbildungen zum digitalen Unterrichten an. "Durch Corona haben wir den Katalog an Fortbildungsmöglichkeiten noch einmal deutlich erweitert. Wir wollen auch Pädagogen, die hier ganz am Anfang stehen, niederschwellig an digitale Medien heranführen."

Wir müssen realistisch sein. Es wird und muss auch nicht gelingen, die gesamte Lehrerschaft digital fit zu machen. Es sollte eine gesunde Mischung geben, die Raum lässt für verschiedene digitale Kompetenzgrade.

Susann Meerheim Referentin im sächsischen Kultusministerium

Schulen müssen Erreichbarkeit herstellen

Zur Kritik, dass Lehrer für Eltern nicht erreichbar waren, sagt Schulleitungsverbandsvorsitzender Ufert, dass die Schulen die dienstliche Erreichbarkeit des Personals herstellen müssen.

Und was tun, wenn Lehrer sich der neuen Technik beharrlich verweigern? "Pflichtverletzungen der Lehrer bei ihren Aufgaben im Rahmen des häusliches Lernens führten zum Personalgespräch. Bei weiterer Verweigerungshaltung kann es eine Abmahnung geben", erklärt das Kultusministerium dazu.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR | 01.01.2021 | 00:01 Uhr

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