Corona-Lage eskaliert Sachsens Krankenhauskoordinator fordert sofortigen Lockdown

Die Corona-Lage in Sachsen spitzt sich immer weiter zu. Mittlerweile ist in Sachsens Kliniken die Überlastungsstufe erreicht. Aus diesem Grund veranstaltete Ministerpräsident Michael Kretschmer am Mittwoch eine Videokonferenz mit medizinischen Experten, Wissenschaftlern sowie Vertreterinnen und Vertretern gesellschaftlicher Gruppen. Sachsens Krankenhauskoordinator richtete einen dramatischen Appell an die Runde. Ohne sofortigen Lockdown droht demnach der Kontrollverlust.

Ein Facharzt und eine Intensivpflegerin (r) intubieren einen Covid-19-Patienten auf der Intensivstation der Leipziger Uniklinik
Sachsens Krankenhauspersonal arbeitet am Limit - die Überlastungsgrenze ist erreicht. Michael Albrecht, Krankenhauskoordinator für Sachsen und Klinikchef im Dresdner Universitätsklinikum, fordert von Ministerpräsident Kretschmer "einen totalen Lockdown für 14 Tage". Bildrechte: dpa

Angesichts der dramatischen Corona-Situation in Sachsen fordert der sächsische Krankenhauskoordinator Michael Albrecht einen sofortigen Lockdown. "Wir sehen, dass die bisherigen Maßnahmen nichts gebracht haben. Es gibt bei den Patientenzahlen keine Abschwächung." Deshalb appellierte Albrecht eindringlich und im Namen aller sächsischen Klinikchefs an Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer:

Machen Sie jetzt einen totalen Lockdown für 14 Tage!

Michael Albrecht Klinikkoordinator Sachsen

Albrecht: extrem hohe Fallzahlen, Lage in Sachsen außer Kontrolle

Die Fallzahlen explodierten, darauf wies Albrecht bereits Anfang November in einem Forum hin. Es sei absehbar, dass in Sachsen in zwei Wochen etwa 2.800 Patienten auf Normalstationen und mehr als 550 Menschen intensivmedizinisch versorgt werden müssten. Kretschmer und Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) hatten als Vertreter der Landesregierung zu der virtuellen Runde am Mittwochabend eingeladen. Die Wissenschaftler und Mediziner in der Runde warnten eindringlich vor der Entwicklung.

Wenn ich jetzt auf unsere Prognosen schaue für die nächsten zwei Wochen: Die Dynamik ist ungebremst!

Michael Albrecht Klinikkoordinator in Sachsen

Die Teams in den Kliniken seien erschöpft und haben laut Albrecht Angst vor einer Situation wie Weihnachten 2020. "Wir haben in Sachsen mit der Impfung nicht erreicht, was wir wollten - aber keine Frage, wir müssen weitermachen", sagte er. Zu viele Sachsen seien ungeimpft, also müsse es Kontaktbeschränkungen geben.

Wieler: Bars und Klubs sind Hotspots

Mit Nachdruck forderte das auch Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Institutes (RKI). Der RKI-Chef sagte:

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, beantwortet während einer Pressekonferenz zur Impfkampagne gegen Corona Fragen von Journalisten.
Lothar Wieler | Präsident des Robert-Koch-Instituts Bildrechte: dpa

Wir hatten gestern 52.826 Corona-Fälle in Deutschland. 0,8 Prozent davon werden sterben. Das steht fest. Daran ist nichts mehr zu ändern. Das sind jeden Tag 400 Menschen.

Das bedeutet heruntergerechnet für Sachsen laut Immunologe und Infektiologe Michael Meyer-Hermann etwa 100 Tote, die es aufgrund der heutigen Neuinfektionen geben wird. Er und RKI-Chef Wieler bekräftigten, wie wichtig schnelle Kontaktbeschränkungen seien. Wieler führte aus: "Allein mit Impfungen kommen wir von den Zahlen nicht runter. Das dauert zu lange. Wir müssen schnellstmöglich die Kontakte einschränken. Vor allem Clubs und Bars, die Hotspots sind, sollten geschlossen werden." Gleiches gelte für Großveranstaltungen.

Ich habe keine Toleranz mehr dafür. Es herrscht eine Notlage in unserem Land. Wer das nicht sieht, macht einen großen Fehler.

Lothar Wieler Präsident des Robert-Koch-Institutes

Wieler betonte mehrfach, wie oft die Wissenschaftler gewarnt haben und sagte resigniert: "Das Kind ist in den Brunnen gefallen" und mahnte nicht nur mit Blick auf Sachsen:

Wir werden ein schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern.

Lothar Wieler Präsident des Robert-Koch-Institutes

Kaum noch Kapazitäten für Notfälle

Welche Folgen die überlasteten Krankenhäuser für jeden Bürger haben, verdeutlichte Christoph Lübbert, Chefarzt der Klinik für Infektiologie und Tropenmedizin am Klinikum St. Georg in Leipzig: "Die Bevölkerung kennt sowas nicht. Wenn jemand im Moment einen Herzinfarkt oder einen Verkehrsunfall hat, ist es aufgrund der Corona-Lage in den Krankenhäusern nicht sicher, dass er wohnortnah versorgt werden kann."

Eingeschränkte Chirurgie wegen Corona

Ähnliches berichtete der Bautzener Chefarzt Matthias Linke: "Das ist für uns wie ein Déjà-vu, nur mit noch höheren Zahlen. Aufgrund der Corona-Lage mussten wir bereits unsere Tumorchirurgie einschränken. Außerdem waren wir gezwungen, unsere Nicht-Covid-Patienten auf unsere internistische Intensivstation zu verlegen, was aber dort wiederum die Kapazitäten verringert, wenn jemand beispielsweise einen Herzinfarkt hat." Linke selbst war schwer an Corona erkrankt und dankte mit emotionalen Worten den Ärzteteams und Klinikkoordinator Michael Albrecht. Sie alle ermöglichten seine Rettung.

Medizinisches Personal an Belastungsgrenze

Diese und ähnliche Rettungsaktionen des Vorjahres waren jedoch kräftezehrend. Sowohl Matthias Linke als auch Michael Albrecht betonten daher, dass das Hauptproblem gegenwärtig nicht der Mangel an Intensivbetten, sondern der Mangel an Personal sei. Der Ärztliche Direktor des Pirnaer Klinikums, Steffen Schön, erzählte in diesem Zusammenhang, dass sich auch an seinem Haus manche Pflegekräfte aufgrund der Strapazen einen neuen Beruf gesucht hätten.

"Wir müssen schnell handeln", mahnte ebenfalls der Landes-Chef der sächsischen Hausärzte, Torben Ostendorf. Die Hausarztpraxen seien an der Belastungsgrenze angelangt. Drei Patientengruppen kommen laut Ostendorf parallel in die Praxen: chronisch kranke Patienten, Menschen mit Covid-Verdacht, die Tests bräuchten und Covid-Patienten selbst und außerdem Menschen, die Erst-, Zweit- und Drittimpfungen wollten.

Wir sind der Schutzwall der Krankenhäuser.

Torben Ostendorf Landes-Chef der sächsischen Hausärzte

Das bringe die Praxen an den Rand der Handlungsfähigkeit. Ostendorf rechnet damit, dass auch das Praxispersonal vielerorts erkrankt und temporär ausfällt. Seine Forderungen an Sachsens Landespolitik: "maximale Kontaktbeschränkungen - und zwar jetzt und wir brauchen eine Steigerung der Impfquote".

Köpping erteilt 1G eine Absage

In der Debatte bezog Sozialministerin Petra Köpping auch Position zu der immer wieder aufkommenden Forderung, auf ein 1G-Modell zu setzen, sprich überall in der Gesellschaft zu testen:

Petra Köpping
Bildrechte: dpa

Ich halte 1G für nicht verantwortbar. Das würde bedeuten, dass man an jeder Stelle kontrollieren muss. Aber das ist technisch praktisch nicht machbar.

Petra Köpping sächsische Sozialministerin

Die Ministerin verdeutlichte auch, welche Folgen 1G für den Kampf gegen die Pandemie hätte. "Wir würden die Pandemie dann nur vor uns herschieben und wären im nächsten Winter in der gleichen Situation." Allerdings wies Christoph Lübbert darauf hin, dass auch das Impfen nur funktioniert, wenn man die Impfgegner mit ins Boot holt: "Erst wenn 90 Prozent der Bevölkerung immunisiert sind, lässt sich das Infektionsgeschehen kontrollieren." Gelinge es nicht, die Menschen mit einer ablehnenden Haltung einzuhegen, gehe nächstes Jahr alles von vorne los, erklärte Lübbert.

RKI-Chef Wieler fordert Impfungen in Apotheken

Die Frage stand im Raum, warum die Corona-Zahlen in diesem Jahr erheblich höher sind als 2020, obwohl damals in Deutschland fast niemand geimpft war und heute immerhin reichlich die Hälfte der Sachsen. RKI-Chef Lothar Wieler nannte drei Hauptgründe für das hohe Infektionsgeschehen.

Wir hatten letztes Jahr deutlich mehr kontaktbeschränkende Maßnahmen. Außerdem sind immer noch zu viele Menschen noch nicht geimpft. Wir müssen deutlich höhere Impfquoten haben. Dritter Grund: Die Delta-Variante ist deutlich ansteckender.

Lothar Wieler Präsident des Robert-Koch-Instituts

Wieler sagte, die Politik sei davon ausgegangen, dass die Kontaktbeschränkungen reichten. Diese Annahme sei, so der RKI-Chef, "wissenschaftlich fundiert falsch gewesen". Des Weiteren sei die zweifache Impfung kein absoluter Schutz und lasse irgendwann nach. Darauf sei hingewiesen worden.

Um aktuell mehr Fahrt in die Impfkampagne zu bekommen, spricht sich der RKI-Chef dafür aus, auch in Apotheken zu impfen. Zugleich plädierte Wieler für die konsequente Umsetzung der 2G-Regeln (geimpft und genesen). "Wir dürfen denen, die sich nicht impfen lassen, wirklich nicht die Chance geben, die Impfung zu umgehen, zum Beispiel, indem sie sich freitesten lassen."

TeamSportSachsen will Boosterimpfungen unterstützen

Einen Beitrag zur Beschleunigung der Impfkampagne möchte auch die Initiative "TeamSportSachsen" leisten. Nach Angaben von Sprecher Karsten Günther hat sie angeboten, mit den 30 Vereinen des Verbandes in Sachsen und den bis zu zwei Millionen Anhängern, die diese laut Günther erreichen, die Impfkampagne des Freistaates zu unterstützen. Sachsen komme mit dem Impfen nicht hinterher, die Impfzentren seien geschlossen, stellte Günther fest. "Angebot und Nachfrage vom Impfen kommen gerade nicht zusammen", resümierte er.

Neuer Lockdown für Sachsen?

Ministerpräsident Kretschmer hat inzwischen einen "harten und klaren Wellenbrecher" angekündigt. Das Wort Lockdown vermied er dabei am Donnerstag in seiner Regierungserklärung im Landtag. Es gelte auch noch die Beschlussfassung im Bundestag und im Bundesrat abzuwarten. Der Bundestag will am Donnerstag über ein neues Infektionsschutzgesetz entscheiden.

Quelle: MDR/sth/sw/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 18. November 2021 | 19:00 Uhr

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