Umgang mit Streit Komm schon: Wenn Freunde auf Corona-Regeln pfeifen

Die Zahl der Corona-Genesenen und Geimpften wächst. MDR-Nutzer berichten auch immer häufiger über sich oder Mitmenschen, die keine Lust mehr auf Kontaktbeschränkungen haben und bewusst die Regeln brechen. Warum tun sie das? Was bedeutet das für unser Zusammenleben und Freundschaften?

Partygirls mit Cocktail
In der Corona-Krise wirkt dieses Foto wie aus einer fernen Welt: lockere Cocktailrunde mit Freundinnen in einem Restaurant. Was tun, wenn sich die Clique trotz der Corona-Verbote wie früher treffen will? Bildrechte: dpa

Seit nunmehr einem Jahr müssen die Sachsen Kontakte beschränken, Abstand halten und Hygieneregeln befolgen. Die Bestimmungen sind bekannt. Trotzdem rückt die Polizei immer wieder zu Großkontrollen mit Ordnungsämtern aus und ahndet Verstöße gegen die Corona-Schutzregeln - zuletzt am Donnerstag in den Leipziger Parks. Dort wurden 43 Bußgelder verhängt, weil die Menschen keine Masken trugen oder das Alkoholverbot ignorierten. Einen Tag zuvor löste die Bundespolizei ein illegales Sonnenbaden mit 30 Leuten in Leipzig auf. Zwei Beispiele von mehreren Tausend Verstößen.

Warum fällt es so schwer, sich an die Regeln zu halten?

Jeder Mensch lernt in seiner Kindheit und Jugend die Regeln des sozialen Zusammenlebens und verinnerlicht sie so, dass sie Teil seines unbewussten Handelns sind, erklärt der Soziologieprofessor und Leiter des Instituts für Soziologie an der Leipziger Universität, Prof. Dr. Holger Lengfeld. "Seit einem Jahr setzen die Corona-Regeln aber unsere verinnerlichten Regeln außer Kraft. Sie sind keine Gewohnheit und auch nicht unbewusst bekannt." Abstand halten, Freunde und Familie nicht umarmen, sich erst gar nicht treffen - das alles seien Regeln, die dem alten Leben vor Corona widersprächen.

Ein Mann mit Brille und Bart blickt in die Kamera. Es ist der geschäftsführende Direktor des Instituts für Soziologie und Professor für Soziologoie, Prof. Dr. Holger Lengfeld von de rUniversität Leipzig.
Prof. Dr. Holger Lengfeld von der Universität Leipzig sagt: "Die Corona-Krise stellt den sozialen Frieden auf die Probe." Bildrechte: Swen Reichhold / Universität Leipzig

Laut Lengfeld wollen sich diejenigen, die sich durch das Virus bedroht fühlen, auch schützen und halten sich an die Regeln. Jene setzen weiterhin Masken auf, treffen sich nicht mit Freunden, auch, wenn die schon zum zweiten Mal zur Garagenparty eingeladen haben oder die Eltern in unerlaubt großer Runde Geburtstag feiern wollen.

Soziale Ermüdung

Der Mensch ist nun mal ein 'Herdentier'. Und jetzt drücke ich Euch alle ganz fest.

Angelique Fleischer Facebook-Nutzerin

Zugleich beobachtet der Leipziger Wissenschaftler eine Art "soziale Ermüdung" in Sachsen. Schon im April 2020 erwartete der Sozialwissenschaftler mehr Verstöße gegen die Corona-Einschränkungen, je länger diese andauern. "Die Menschen wollen ihr altes Leben zurück. Ihnen fehlen die sozialen Kontakte. Die Bedrohung durch Corona bleibt auch für viele abstrakt. Sie sind nicht direkt oder in ihrem Alltag betroffen. Sie erleben auch keine direkten Belastungen durch die Folgen der Pandemie. Das Bedrohungsgefühl sinkt", sagt Lengfeld. Zudem wirke die Möglichkeit des Impfens wie ein Licht am Ende des Tunnels.

Viele Menschen, die sich nicht als Corona-Leugner sehen, wollten wieder Kontakte haben, träfen sich heimlich oder draußen. "Sie wollen der Gesellschaft keinen Schaden zufügen und betrachten sich auch nicht als unsolidarisch", so Lengfeld. Diskussionen seien trotzdem absehbar, wenn Freunde oder Familienangehörige die Corona-Regeln weiterhin befolgen wollen.

Reste einer Raveparty
Reste eines Raver-Fests, das die Polizei auflöste. 200 Menschen hatten in München illegal gefeiert. (Archivbild) Bildrechte: dpa

So wirkt Corona-Streit auf Feundeskreise und Familien

Ich hatte ein Streitgespräch mit meinem Sohn, der die Maßnahmen und Handlungsweisen der Regierung sehr kritisch sieht. Nach kurzer Diskussion wurde das Gespräch um des Friedens willen abgebrochen. Jeder bleibt bei seinen Einstellungen. Das belastet das Familienleben. Ich bin froh, dass ich mit meiner Frau eine gemeinsame Haltung gefunden habe und wir uns einig sind.

Volker Zöge MDR-Zuschauer

Soziologe Lengfeld hat dazu eine These und unterscheidet zwischen zwei sozialen Beziehungstypen: lockere Bekannten- und Freundeskreise wie Kegelgruppen, Sportfreunde oder Bekannte auf der einen Seite und Familie und enge Freunde auf der anderen. Streitet man sich mit seinen Vereinsfreunden oder loseren Bekannten über den Umgang mit der Coronakrise, "geht es um viel. Wenn man selbst Bedrohungsgefühle hat, geht es um die eigene Gesundheit. Dann gibt es Vorwürfe, man zieht sich zurück". Holger Lengfeld vermutet, dass viele lockere Freundschaften die Krise nicht überstehen werden. Aber das müsse erst noch erforscht werden.

Wenn man sich an die Corona-Regeln halten will und sein Gegenüber nicht, steckt man in einem Dilemma. Da kommt keiner ungeschoren davon. Das Beste ist, jeder erzeugt Verständnis für seine Lage, in dem er seine Situation beschreibt. Man sollte das beidseitig akzeptieren und gelassen hinnehmen.

Holger Lengfeld Geschäftsführender Direktor und Professor für Soziologie, Universität Leipzig

In Familien, Partnerschaften oder bei engen Freunden fühlten die Menschen eine wechselseitige Zuneigung und sich gegenseitig verpflichtet. "Da wird man bei Corona-Diskussionen eher Wege zum Ausgleich finden oder von vornherein ähnliche Meinungen vertreten", vermutet der Soziologieprofessor.

Volker Zöge und seine Frau
MDR-Zuschauer Volker Zöge hatte zu Weihnachten Familienkrach mit seinem Sohn wegen der Corona-Maßnahmen. Seine Ehefrau und er sind sich bei dem Thema einig, sagte er bei der Umfrage MDRfragt. Bildrechte: Volker Zöge

Was sollten Corona-Genesene und Geimpfte tun?

Können sich Geimpfte untereinander wieder einigermaßen 'normal' verhalten? Bei uns sind auf Arbeit fast alle geimpft. Meine Oma und Opa sind auch bald das zweite Mal geimpft. Darf ich sie wieder in die Arme schließen?

Denise Gloge aus Dresden

Solange es noch nicht genug Impfstoff im Land gibt und noch nicht genug Menschen geimpft werden können, rät der Infektiologe Prof. Dr. Michael Borte zu Vorsicht und Solidarität. Auch Corona-Genesene und Geimpfte sollten weiter Abstand halten, lüften, die Hygieneregeln befolgen und Masken tragen. "Das sind wir allen schuldig, die noch nicht geimpft werden konnten oder wegen schwerer Erkrankungen nicht geimpft werden können", sagte Borte, der auch Mitglied der sächsischen Impfkommission ist. Und: Man wisse auch nicht, ob es wirklich nach einer Impfung keinerlei Ausbrüche einer erneuten Covid19-Infektion gebe.

Es ist vernünftig und auch angemessen, dass man auf Sicht - zumindestens bis Ende des Sommers - die Masken weiter trägt und die Hygieneregeln einhält. Daran führt gar kein Weg vorbei. Was danach ist, wird man sehen.

Prof. Uwe Liebert Virologe

Bierflaschen mit Händen
Bierrunden zum Angrillen, Garagenpartys und Feten in der Gartensparte: Sachsens Polizeibehörden haben schon an vielen Domizilen Corona-Bußgelder verteilt. Bildrechte: dpa

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 24.02.2021 | 15:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig

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