Finanzen Hilfe, die nicht ankommt - kleine Unternehmen in der Pandemie

Gastronomen und Einzelhändler sind bekannte Opfer der Pandemie. Aber es gibt auch leidtragende Unternehmer in Branchen, die nicht so sehr im Fokus stehen. So fühlt sich auch der soloselbstständige Dentaltechniker Volker Schmidt von der Politik vergessen.

Ein Zahntechniker zeigt 2013 ein Gebißmodell eines Patienten zur Kieferrelationsbestimmung des Unterkiefers.
Auch Zahntechniker sind von der Krise betroffen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Der Frust ist groß bei Volker Schmidt: Der Nordsachse hat ein Dentallabor und macht seit Pandemiezeiten ein dickes Umsatzminus - 50 Prozent weniger nehme er ein, sagt der Zahntechniker. Dabei klingt sein Job erstmal krisensicher. Denn wird nicht immer Zahnersatz gebraucht? Ganz so ist es nicht: "Durch Kurzarbeit in den Zahnarztpraxen wurden weniger zahntechnische Produkte wie Implantate bestellt." Außerdem sitze bei den Patienten das Geld nicht mehr so locker. "Zahnarztbesuche werden häufiger aufgeschoben," bedauert der Unternehmer.

Zu seinem Glück, wie Schmidt sagt, hat er keine Mitarbeiter, für die er Verantwortung trägt. Er ist seit 2011 soloselbstständig - damit aber auch mit seinen Sorgen allein. Denn das mit den viel zitierten Wirtschaftshilfen funktioniere für ihn nicht. "Von meinem gesamten Umsatzverlust, etwa 45.000 Euro, habe ich bisher 1.000 Euro aus der Überbrückungshilfe II bekommen." Ein Bruchteil also. Was bei der Schlussabrechnung möglicherweise noch dazu komme, sei völlig unklar. Seine Fixkosten seien als Einzelunternehmer so gering, dass auch die am Ende ausgezahlte Summe niedrig ausfallen werde. "Diese Art der Hilfe lohnt sich nur für größere Unternehmen", bilanziert Schmidt.

Die Kriterien für die Überbrückungshilfen sind außerdem so hoch angesetzt - zum Beispiel Umsatzeinbrüche von mindestens 50 Prozent – dass sie für kleine Unternehmen ohnehin schon das Ende bedeuten.

Volker Schmidt Zahntechniker

Es geht an die Altersrücklagen

November- und Dezemberhilfen, die ein Umsatzminus ausgleichen sollen, kommen für seinen kleinen Betrieb nicht in Frage, da er nicht zu den Branchen zählt, die von pandemiebedingten Geschäftsschließungen betroffen waren. "Momentan halte ich mich damit über Wasser, indem ich meine Altersvorsorge anreiße. Und ich habe mir Geld geborgt."

November- und Dezemberhilfen kann ich nicht beantragen. Das kommt nur bestimmten Branchen zugute – wie Gastronomie und Einzelhandel, die ja von Schließungen betroffen waren.

Volker Schmidt Zahntechniker

Seine letzte Hoffnung ist nun die sogenannte Neustarthilfe von maximal 7.500 Euro. Sie soll unbürokratisch kleinen Unternehmen zugute kommen, die kaum von Überbrückungshilfen profitieren. "Aber die muss natürlich auch zurückgezahlt werden, wenn der Umsatz sich wieder einigermaßen erholt."

Ob Schmidt mit der Neustarthilfe am Ende überhaupt wirklich besser kommen wird als mit der Überbrückungshilfe III, ist unklar. Steuerberater Christian Hoppe sieht hier ein Problem: Wer Neustarthilfe beantragen will, darf die Überbrückungshilfe nicht beantragen. Dazu sei sogar eine eidesstattliche Erklärung im Antrag integriert. Da die Neustarthilfe ohne Steuerberater beantragt werden muss, sei es für kleine Unternehmer nicht abschätzbar, welche Maßnahme sich mehr lohnt, so Hoppe. Es bleibe ein Ratespiel.

Steuerberater: Therapeut und Bürokratie-Beackerer

Finanzexperte Hoppe kann Schmidts Problemlage verstehen. Aus seiner Sicht sind bis zur nachgebesserten Überbrückungshilfe III vor allem kleine Unternehmen und Soloselbstständige durchs Raster gefallen. "Künstler und kleine Unternehmen hatten kein Hilfsprogramm, das auf sie zutraf. Die standen mit dem Rücken zur Wand." In der Dresdener Kanzlei sei es häufig wie in einer Seelsorge zugegangen, so Hoppe zu MDR SACHSEN.

Kummerkasten ist ein negativ belegter Begriff, aber so war es. Es war wichtig, Menschen, die wir über viele Jahre kennen, moralische Unterstützung zu geben und zuzuhören.

Christian Hoppe Steuerberater
Ein Mann im blauen Hemd sitzt vor Laptop und Büchern beim Arbeiten
Anträge auf Wirtschaftshilfen im Akkord - Steuerberater Christian Hoppe macht das gerade jeden Tag. Bildrechte: Jonas Nefzger

Noch immer gibt es viele Probleme. Die Antragsdauer ist eines davon. "Eine wirklich effiziente Abarbeitung der Hilfsanträge ist nicht möglich. (...) Dass die Antragsverfahren, wie Sie sagen, 'recht bürokratisch' sind, ist eine massive Untertreibung", so Hoppe. Es gehe schon damit los, dass bereits bei Vorgänger-Anträgen angegebene Stammdaten immer wieder neu eingegeben werden müssten. Eine Arbeit von Stunden. Pro neue Maßnahme gebe es etwa 50 Seiten FAQ, also Regelwerke, durchzuarbeiten. Diese werden aber immer wieder zum Beispiel wegen EU-Recht abgeändert. Das kann für bereits gestellte Anträge schwierig sein. "Die werden dann hinfällig und im schlimmsten Fall müssen Hilfsgelder zurückgezahlt werden."

Lange FAQ, die Fragen offen lassen

Auch seitenlange FAQ lassen zentrale Fragen unbeantwortet, meint Hoppe: "Die darin fixierten Kriterien sind einerseits kleinteilig, um viele Eventualitäten abzudecken, so zum Beispiel die Auflistung der anrechenbaren Kosten. Andererseits sind wichtige Punkte schwammig formuliert." Ob ein freier Schauspieler, der mittelbar durch eine Theaterschließung betroffen war, Anspruch auf Novemberhilfe hat, musste Hoppe beispielsweise über eine Hilfs-Hotline des Bundeswirtschaftsministeriums erfragen. Mittlerweile sei man dort ganz gut aufgestellt. "Aber es bleibt nur ein Telefonat und hat für mich nichts so Absicherndes wie eine Schwarz-auf-Weiß-Regel."

Überbrückungshilfen lieber anders

Generell hält Hoppe die Kriterien zum Beispiel für die Umsatzeinbrüche für einigermaßen gerecht. Allerdings habe der Bund die Überbrückungs-Programme komplizierter gemacht als nötig. "Sie sind kostenorientiert. Das macht alles so schwerfällig und bürokratisch. Einfacher wäre eine einnahmebasierte Hilfe gewesen." Dieser Meinung sind nach MDR-Informationen auch viele Unternehmer. Bei der Überbrückungshilfe III kommt nach Hoppe noch ein großer Nachteil hinzu: "Dass die Überbrückungshilfe komplett zurückgezahlt werden muss, wenn das Unternehmen im Förderzeitraum pleite geht, ist ein zusätzlicher Druck. Wie ein Damoklesschwert. Manche verzichten deswegen lieber darauf. Am Ende sind es potenzielle Extra-Schulden."

Neustarthilfe Die Neustarthilfe ist ein Liquiditätsvorschuss von maximal 7.500 Euro. Mit ihr sollen Soloselbstständige in allen Wirtschaftszweigen unterstützt werden. Selbstständige, die im Zeitraum Januar bis Juni 2021 hohe Umsatzeinbußen verzeichnen, gleichzeitig aber nur geringe betriebliche Fixkosten haben, sollen profitieren. Eine Fixkostenerstattung im Rahmen der Überbrückungshilfe III ist für sie wenig hilfreich.

Es gibt eine Endabrechnung nach Ablauf des Förderzeitraums. Das Bundeswirtschaftsministerium schreibt: "Sollte der Umsatz während der sechsmonatigen Laufzeit bei mehr als 40 Prozent des sechsmonatigen Referenzumsatzes liegen, sind die Vorschusszahlungen anteilig zurückzuzahlen. Liegt der erzielte Umsatz bei 90 Prozent oder mehr, so ist die Neustarthilfe vollständig zurückzuzahlen. Zur Bekämpfung von Subventionsbetrug finden stichprobenhaft Nachprüfungen statt."

IHK fordert Vorleistung vom Land und der SAB

Angesichts der noch immer nicht vollständig erfolgten Auszahlung von November- und Dezemberhilfen appelliert die Industrie- und Handelskammer Dresden, dass nun der Freistaat und die Sächsische Aufbaubank gezielt einspringen sollen. Man müsse in Vorleistung gehen. Ansonsten würden sich Hunderte Betroffene trotz korrekter Antragsstellung "mit jedem weiteren Tag, der ohne Geldeingang vergeht, einer akut näher rückenden Existenzgefährdung gegenüber sehen".

Wirtschaftsminister Martin Dulig konterte im Gespräch mit MDR SACHSEN. Er sei über die Forderung der IHK sehr verwundert: "Sie sitzen ja regelmäßig mit uns am Tisch, wenn wir über Corona-Hilfen verhandeln und die Maßnahmen besprechen. Sie wissen genau, dass wir als Freistaat Sachsen bereit waren, in die Vorfinanzierung zu gehen und der Bund uns das untersagt hat." Am Freitag reichte Dulig schließlich den aktuellen Stand der November- und Dezemberhilfen durch:

Martin Dulig
Bildrechte: dpa

Die SAB macht Tempo, arbeitet die vielen Anträge auch am Wochenende ab. Eine Auszahlungsquote von annähernd 100 Prozent werden wir aber zumindest vorerst nicht erreichen, weil u.a. wöchentlich hunderte neue Anträge eingehen und die Antragsfrist erst Ende April endet.

Martin Dulig Wirtschaftsminister Sachsen

Stand der Auszahlung von November- und Dezemberhilfen Stand 26. Februar 2021 sind in Sachsen 139 Millionen Euro an Novemberhilfen und 137 Millionen Euro an Dezemberhilfen ausgezahlt worden - in Abschlägen oder vollständigen Auszahlungen. Laut sächsischem Wirtschaftsministerium sind 89 Prozent der Anträge auf Novemberhilfe und 77 Prozent der Anträge auf Dezemberhilfe abschließend bearbeitet worden.

Bei der Überbrückungshilfe III sind von der Sächsischen Aufbaubank bisher 31 Millionen Euro ausgezahlt worden. Wirtschaftsminister Martin Dulig forderte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf, die "vollen Summen" schnellstmöglich auszuzahlen. "Gerade hier in Sachsen haben unsere kleinen und mittelgroßen Unternehmen nicht die finanziellen Polster, um noch länger allein die Kosten tragen zu können", so Dulig.

Quelle: MDR/st; Anm. d. Red.: Name des Unternehmers auf seinen Wunsch geändert

Dieses Thema im Programm MDR SACHSENSPIEGEL | 24.02.2021 | 19:00 Uhr

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