Impf-Spezial Virus-Experten raten allen Sachsen zu Geduld und Solidarität

Seit acht Wochen wird in Sachsen gegen das Coronavirus geimpft. Täglich ergeben sich neue Fragen: Wer ist wann dran, warum? Warum nicht? Welcher Stoff wird verimpft und wie wirkt dieser? MDR SACHSEN hat Hörerinnen und Hörer gefragt, was sie alles übers Impfen wissen wollen. Hunderte Fragen erreichten die Redaktion. Im Impf-Spezial antworten der Virologe Prof. Uwe Liebert und der Infektiologe und Immunologe Prof. Dr. Michael Borte. Er ist Mitglied der sächsischen Impfkommission.

Am Universitätsklinikum Leipzig bereiten Pharmaziestudentinnen in einer extra eingerichteten Impfambulanz aus einer Ampulle Impfstoff gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2 von Biontech/Pfizer Spritzen für die Impfung von besonders gefährdetem medizinischen Personal vor
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Wie wirken die Impfstoffe im Körper?

Virologe Prof. Uwe Liebert stellte zuerst klar, dass die Impfstoffe "nicht das menschliche genetische Erbgut verändern und auch kein infektiöses Material in den Körper kommt", auch nicht als abgeschwächte Infektionen.

Prinzipiell gebe zwei verschiedene Arten bei Impfungen auf das Coronavirus einzuwirken. Entweder werden Erbinformationen für einen Teil des Virus gespritzt (mRNA). Diese mRNA werden im Zellkörper, nicht im Zellkern, betonte Liebert, in Eiweißkörper übersetzt. Diese Eiweißkörper regten das körpereigene Abwehrsystem und auch die Bildung von T-Zellen an (Biontec, Moderna).

Bei der zweiten Möglichkeit werden, in einen Vektor verpackt, Bestandteile des Virus in den Körper gebracht. Diese Bestandteile bilden ebenfalls Eiweißkörper und regen die Antikörperbildung und Bildung von T-Zellen an, erklärte Liebert (Astrazeneca).

Können Allergiker geimpft werden?

Die Art der Allergie könne durchaus für das Impfen eine Rolle spielen, sagte der Infektiologe und Immunologe Prof. Dr. Michael Borte. Wer nach einer Impfung jemals einen anaphylaktischen Schock erlebt habe, sollte mit seinem Arzt die Corona-Impfung diskutieren. "Alle anderen Allergiker sollten sich nicht von einer Impfung abhalten lassen", sagte Borte. Sein Tipp: Vor der Impfung mit dem Arzt über die Allergien sprechen und nach der Impfung statt 15 Minuten lieber 30 Minuten warten, ob Symptome auftreten.

Prof. Michael Borte im Interview
Prof. Dr. Michael Borte rät allen chronisch und akut Kranken, mit ihrem behandelnden Arzt zu sprechen, ob und wann eine Corona-Impfung machbar ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gab es schon Tote durch Corona-Impfungen?

Sind durch die Impfungen gegen Corona schon Todesfälle bekannt? Ich habe gehört, dass viele ältere Menschen in einem Pflegeheim in Sachsen nach der Impfung daran verstorben sein sollen.

Peter Müller Hörer aus Heidenau

So etwas werde immer wieder kolportiert, meinte Mediziner Prof. Dr. Liebert. Verstorbene in Pflegeheimen seien oftmals hochbetagt und vorerkrankt gewesen. "Man muss sich die Fälle genau ansehen. Ursächlich für einen Todesfall ist die Impfung nach meiner Kenntnis auf keinen Fall", sagte Uwe Liebert.

Virologe Prof. Uwe Liebert und der Infektiologe und Immunologe Dr. Michael Borte, Mitglied der sächsischen Impfkommision. (v.l.) 35 min
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Jetzt wird geimpft! Aber womit? Und von wem? Und wer ist wann dran? Wie sicher sind die Impfstoffe? MDR SACHSEN hat nachgefragt, bei einem Virologen und einem Infektiologen. Hier hören Sie die Fragen und Antworten.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Do 25.02.2021 17:10Uhr 35:02 min

https://www.mdr.de/sachsenradio/corona-impfen-sachsen-fragen-experten-antworten-100.html

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Wie immun ist man als Corona-Genesener?

Bei der Immunität sei das letzte Wort noch nicht gesprochen, urteilte Prof. Liebert. Nach bisherigem Wissenstand gingen Mediziner davon aus, dass Menschen, die geimpft sind oder eine Corona-Infektion durchgemacht haben, wahrscheinlich nicht jahrelang immun sind. "Es liegt wahrscheinlich nur im Bereich von Monaten. Wenn also jemand vor sechs Monaten Covid-19-infiziert war, halte ich es für sinnvoll, sich impfen zu lassen. Man hat auch besseren Schutz vor Mutationen", riet Prof. Dr. Uwe Liebert.

Manche MDR-Hörer berichteten, dass sie sich nach der Erstimpfung mit Corona infiziert hatten. Wie lange muss man warten, bis man die zweite Impfung bekommen kann, wollten sie wissen. 14 Tage nach Symptomfreiheit kann die zweite Corona-Impfung erfolgen, sagte Dr. Michael Borte von der sächsischen Impfkommission.

Prof. Uwe Gerd Liebert
Virologe Prof. Uwe Liebert sagt, Rechtshänder sollten sich bei der Corona-Impfung die Spritze in den linken Arm setzen lassen. Wer bei Impfungen längere Zeit Schmerzen im Arm hat, sollte abklären, ob nicht Blutgerinnungsstörungen als Ursache dafür in Frage kämen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ist man nach der Impfung immun gegen Corona?

Das sei schwierig zu beantworten, meinte Prof. Borte. Es deute einiges darauf hin, dass man jedes Jahr neu gegen das Coronavirus geimpft werden muss, ähnlich wie bei der Influenza. Um auf die Veränderungen des Influenza-Virus zu reagieren, müssten auch jedes Jahr neue Impfstoffkompositionen hergestellt und verimpft werden.

Auch Virologe Prof. Liebert meinte, die Immunitätsfrage sei noch nicht richtig verifiziert. "Wir gehen davon aus, dass bei einer erneuten Infektion sehr viel weniger Viruslast entsteht und man selber auch nicht mehr so viele ansteckt."

Liebert zog ebenfalls Parallelen zur Geschichte der Virusgrippe. Bei der Virusgrippe 1919/1920 hatte es sehr viele Opfer gegeben. Influenza sei immer noch gefürchtet. Aber: "Wir haben eine Impfung und die Bevölkerung ist zumindest teilimmunisiert."

Kann man sich nach überstandener Corona-Infektion noch anstecken?

"Es ist nicht sonderlich häufig, dass man sich zwei Mal infiziert. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen", meinte Virologe Liebert. Er berichtete von 20 bis 30 Menschen, die als Corona-Genesene galten und sich dann nachweislich mit der britischen Virusmutante ansteckten - "zum Teil auch mit richtig schweren Verläufen", so Liebert.

Dürfen sich Geimpfte untereinander wieder "normal" verhalten?

Bei uns sind auf Arbeit fast alle geimpft. Darf man sich wieder den Aufenthaltsraum teilen? Meine Oma und Opa sind auch bald das zweite Mal geimpft. Darf ich sie wieder in die Arme schließen? Was ist möglich und womit sollte man sich noch zurückhalten?

Denise Gloge MDR SACHSEN-Hörerin aus Dresden

Solange es noch nicht genug Impfstoff im Land gibt und noch nicht genug Menschen geimpft sind, rät Mediziner Prof. Borte zu Solidarität. Auch Corona-Genesene und Geimpfte sollten weiter Abstand halten, lüften, die Hygieneregeln befolgen und Masken tragen.

Das sind wir allen schuldig, die noch nicht geimpft werden konnten oder wegen schwerer Erkrankungen nicht geimpft werden können.

Michael Borte Mitglied in der sächsischen Impfkommission

Warum ist der Impfstoff Astrazeneca so in Verruf geraten?

Hier waren sich der Virologe und der Infektiologe einig, dass es sich aus ihrer Sicht "um einen hervorragenden Impfstoff" handelt. Bei der Zulassung des Impfstoffes sei die Datenlage schlechter gewesen als bei Konkurrenzprodukten. Astrazeneca war bei Studien bei weniger Menschen über 65 Jahren getestet worden. Zudem sei bezweifelt worden, ob der Impfstoff auch gegen die südafrikanische Mutation schütze.

Ich wäre sehr froh, wenn ich den Astrazeneca-Impfstoff bekommen würde. Ich würde den sofort annehmen.

Uwe Liebert Virologe

"Aus Vorsichtsgründen hat Deutschland gesagt, man wolle erst Daten abwarten und den Impfstoff zunächst nur für Menschen bis 64 Jahre zulassen", sagte Virologe Liebert. Er fügte hinzu, dass Astrazeneca gegen Mutationen schütze und die Wirksamkeit belegt wurde.

Prof. Dr. Michael Borte verwies auf haftungsrechtliche Gründe, bei der Entscheidung, erst noch Daten für die Anwendung bei über 65-Jährigen Astrazeneca-Geimpften abzuwarten.

Virologe Prof. Uwe Liebert und der Infektiologe und Immunologe Dr. Michael Borte, Mitglied der sächsischen Impfkommision. (v.l.) 35 min
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Jetzt wird geimpft! Aber womit? Und von wem? Und wer ist wann dran? Wie sicher sind die Impfstoffe? MDR SACHSEN hat nachgefragt, bei einem Virologen und einem Infektiologen. Hier hören Sie die Fragen und Antworten.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Do 25.02.2021 17:10Uhr 35:02 min

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Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN Impf-Spezial von MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.02.2021 | ab 15:05 Uhr im Programm

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