Corona-Pandemie Boostern mit Hindernissen - Sachsens Ärztevertreter für Priorisierung

Die Impfnachfrage in Sachsen bleibt hoch - vor allem nach Auffrischungsimpfungen. Doch weil die Impfstellen erst wieder aufgebaut werden, kommt es zu langen Warteschlangen. Ärzte und Politiker appellieren an die Vernunft der Bürger. Dabei gibt es viele ganz praktische und technische Probleme. Und allerhand Schuldzuweisungen.

Menschen stehen vor einem Impfzentrum im Stadtteil Grünau in einer Warteschlange.
Auch in Leipzig-Grünau war der Andrang zum Impfen zuletzt groß. Bildrechte: dpa

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KV Sachsen) hat sich angesichts des großen Andrangs bei den Corona-Auffrischungsimpfungen für eine erneute Priorisierung beim Impfen ausgesprochen. Vorsitzender Klaus Heckemann sagte MDR SACHSEN, jetzt sollten vor allem über 80-Jährige, Vorerkrankte und mit Astrazeneca sowie mit Johnson&Johnson Immunisierte ihre dritte Impfung erhalten. Menschen unter 60 Jahren sollten dagegen noch abwarten, sagte Heckemann.

Klaus Heckemann, Kassenärztliche Vereinigung, im Interview
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich kann nicht mit einer Kapazität, die in keinem Fall größer ist als im Hochbetrieb im Juni, die gleiche Zahl an Menschen, die innerhalb von einem halben Jahr zwei Impfungen bekommen haben, jetzt innerhalb von sechs Wochen zum dritten Mal impfen.

Klaus Heckemann Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen

Auch der Präsident der Landesärztekammer, Erik Bodendieck, hatte die Bürger am Montag im MDR gebeten, Risikopatienten beim Impfen den Vortritt zu lassen.

Heckemann: Gesundheitsminister Spahn mitverantwortlich für Impfprobleme

Heckemann macht für den großen Andrang in den Impfzentren auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mitverantwortlich. Spahn habe am 28. Oktober eine Boosterimpfung bekommen - vier Monate nach der Zweitimpfung: "Er hat dann getwittert, dass das jetzt jeder bekommen sollte und die sechs Monate auch nicht mehr nötig sind", so Heckemann.

Auch Spahns Kommunikation zur Rationienung des Biontech-Impfstoffs am vergangenen Wochenende habe zu großer Verunsicherung in der Bevölkerung geführt. "Die nun wieder abzubauen, das geschieht nur in den Arztpraxen. Da kann ich mir vorstellen, dass der eine oder andere sagt: 'Dazu habe ich jetzt keine Lust'". Die KV Sachsen fordert deshalb den Rücktritt von Gesundheitsminister Spahn. Außerdem sollten die wöchentlich abrufbaren Biontech-Impfdosen für alle Arztpraxen noch aufgestockt werden, "um den bereits entstandenen Schaden für die Impfkampagne einzudämmen".

Kassenärzteverband peilt 200.000 Impfungen pro Woche an

Heckemann ist dennoch optimistisch, dass die niedergelassenen Ärtztinnen und Ärzte bis in der zweiten Dezemberwoche die angepeilten 200.000 Impfungen pro Woche schaffen werden. Am Denstag seien es allein 19.200 Impfungen an einem Tag gewesen und die Kapazitäten sollten weiter erhöht werden.

Impfziele in Sachsen bislang verfehlt

Doch bislang hat die Kassenärztliche Vereinigung die selbst gesteckten Ziele verfehlt. Arztpraxen in Sachsen haben in der vergangenen Woche laut Sozialministerium insgesamt 63.740 Corona-Impfungen verabreicht, das wöchentliche Impfziel von derzeit 100.000 Impfungen wurde damit nicht erreicht.

1.800 Arztpraxen beteiligten sich an der Impfkampagne, was immer noch zu wenig sei, erklärte Sozialministerin Petra Köpping (SPD). Sie appellierte am Dienstag noch einmal an alle niedergelassen Ärztinnen und Ärzte in Sachsen, sich an der Impfkampagne zu beteiligen. Insgesamt gibt es derzeit 4.800 Praxen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind bislang mehr als 221.000 Impfungen zur Auffrischung erfolgt.

Nach Worten von Köpping soll eine weitere Aufstockung der Impfkapazitäten geprüft und möglicherweise vom Kabinett in der nächsten Woche beschlossen werden. Denn bislang erreiche man die gesteckten Ziele noch nicht.

Bürokratischer Aufwand bremst Impfteams aus

Seit Tagen bilden sich immer wieder lange Warteschlangen vor Impfstellen in Sachsen. Dabei müssen trotz der zugespitzten Pandemie-Lage Impfwillige abgewiesen werden. Auch in Meerane war das am Dienstag so. Dort konnten nach langem Warten 140 Menschen geimpft werden. Hindernis auch hier: Die schlechte Ausstattung mit technischen Geräten. Die Kassenärztliche Vereinigung habe dem Team nur einen Computer zur Verfügung gestellt, bei der nächsten Impfaktion in Meerane Anfang Dezember sollen es dann zwei sein, sagte DRK-Sachsen-Sprecher Dirk Kranich MDR SACHSEN. Außerdem fehlten auch Ärzte für die Impfungen, ein Arzt könne nicht mehr als 20 Menschen pro Stunden impfen.

KV-Sachsen-Chef Heckemann gibt zu bedenken: Für die Dokumentation der Impfungen sei das DRK zuständig. Dies könne auch nach den Impfungen erledigt werden, so dass das Impfen schneller vorangehe. Dies solle nun auch umgesetzt werden.

Großer Andrang im Impfzentrum Aue

Auch am heutigen Mittwoch ist ein neues Mini-Impfzentrum in Aue zur Eröffnung von Impfwilligen regelrecht überrannt worden. Schon ab 8 Uhr am Morgen habe sich eine lange Warteschlange gebildet, so dass vor der Öffnung eine Stunde später keine freien Impfdosen mehr verfügbar gewesen seien, teilte Stadtsprecherin Jana Hecker mit. Zwei Ärzte verabreichten 250 Impfungen. Das kleine Impfzentrum bietet an mehreren Tagen Erst-, Zweit- und Drittimpfungen ohne Termin. Am Freitag solldort ab 9 Uhr erneut geimpft werden, weitere Impfangebote sind im Dezember geplant.

DRK plant wieder zentrale Terminvergabe

Damit das Boostern in den festen Impfstellen wieder reibungsloser laufen kann, baut das DRK derzeit wieder eine zentrale Terminvergabe auf. In dieser Woche könne das System aber noch nicht in Betrieb gehen, sagte DRK-Sprecher Kranich dem MDR. Da die Impfstoffbestellung und die Bereitstellung der Ärzte im System koordiniert sein müssten, gebe es noch Abstimmungsbedarf.

Quelle: MDR/kb/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 24. November 2021 | 19:00 Uhr

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