Wunsch und Wirklichkeit Landesärztekammer und KV Sachsen wollten mobile Impfteams abschaffen

Ärzteverbände und Interessenvertetungen drangen bundesweit darauf, dass Hausärzte und niedergelassene Ärzte gegen Corona impfen und Impfzentren schließen. Nun klaffen Wunsch und Wirklichkeit in Sachsen weit auseinander. Denn Impfwillige stehen in vielen Arztpraxen Schlange. Die behelfen sich mit Wartelisten oder schicken Leute gleich weg. Die mobilen Impfteams des DRK verimpfen bis zu 4.500 Dosen täglich in Sachsen. Doch die Kassenärztliche Vereinigung hält deren Einsatz noch Anfang November für "nicht erforderlich".

Während der Unmut über den schleppenden Impffortschritt in Sachsen wächst, verlangen Landesärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS), die mobilen Impfteams des Deutschen Roten Kreuzes zum Jahresende auslaufen zu lassen. Das geht aus internen Schreiben hervor, die MDR SACHSEN vorliegen. Zudem wird daraus deutlich, dass die KVS die Impfteams auch schon für den Herbst für überflüssig hielt.

Sachsen hat bundesweit die schlechteste Impfquote. In der vergangenen Woche hatte Sozialministerin Petra Köpping (SPD) eingeräumt, dass es im Freistaat nicht gelungen sei, einen Schutzwall an Geimpften aufzubauen. In Sachsen sind nur 59,4 Prozent der Menschen einmal und 57,2 Prozent doppelt geimpft (Stand: 10. November).

Ein Café, in dem an zwei Täschen Ärztinnen mit Mundschutz sitzen, sie nehmen die Daten von Patienten auf. Im Vordergrund wird ein Mann gespritzt.
Für Impfwillige in Sachsen sind Impfaktionen der mobilen DRK-Teams oft der einzige Weg, zügig an eine Impfung zu kommen. Die Kassenärztliche Vereinigung bewertete den Einsatz der Impfteams ganz anders. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Arbeit am Limit und Frust bei Impfwilligen

Die 30 mobilen Impfteams in Sachsen arbeiten nach Einschätzung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an der Belastungsgrenze. Die Teams seien flächendeckend über ihre Kapazitätsgrenze hinaus im Einsatz, urteilte des DRK bereits vor Tagen. Man habe insgesamt 3.000 Impfungen pro Tag geplant, tageweise waren es inzwischen 4.500. Die Kapazitäten sollen noch in dieser Woche aufgestockt werden auf 6.000 Impfungen am Tag, hatte am Dienstag das Ministerium mitgeteilt.

Dennoch wächst der Frust ob der langen Wartezeiten oder weil Impfwillige weggeschickt werden mussten, weil der Impfstoff alle war. Die oppositionelle Linke verlangte wegen der großen Nachfrage nach sogenannten Booster-Impfungen, die zentralen Impfzentren wieder zu öffnen. die schlossen zum 30. September landesweit. "Es war ein Fehler, dass die Staatsregierung sämtliche Impfzentren so früh geschlossen hat. Sie müssen jetzt so schnell wie möglich reaktiviert werden", erklärte Parteichefin Susanne Schaper.

In einer Gaststätte stehen Menschen mit Maske und warten.
Schlange stehen für einen Pieks: Impfteams in Südwestsachsen erleben das jeden Tag wie hier in einer Sportgaststätte bei Chemnitz. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

KVS: Impfteams "nicht erforderliche Parallelstruktur"

Wäre es nach der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen gegangen, dann stünde Sachsen jetzt sogar ohne mobile Impfteams da. "Die KV Sachsen hatte den Einsatz der 30 mobilen Impfteams für die Durchführung der COVID-19-Impfungen vom 1. Oktober 2021 bis 31. Dezember 2021 bereits kritisch gesehen und für nicht erforderlich bewertet", heißt es in einem internen Schreiben der KVS ans Ministerium vom 28. Oktober, das MDR SACHSEN vorliegt. Die Teams seien eine "nicht erforderliche, zusätzliche Parallelstruktur". Der Impfbedarf könne von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten bedient werden. "Wir sehen daher ein Potential von weit über 100.000 Impfungen pro Woche."

Doch Realität ist: Die niedergelassenen Fach- und Hausärzte können aktuell den Bedarf an Booster- und Erstimpfungen nicht decken. Laut Sozialministerium impfen von den etwa 4.000 Praxen aktuell nur 1.700. Noch im Oktober versprach die KVS dem Ministerium, die Praxen würden sich auch weiterhin mit Engagement an der Umsetzung der Impfstrategie beteiligen und mahnte: "Wir empfehlen hier, nicht den medienwirksamen Äußerungen einzelner, sondern der stillen Bereitschaft der überwiegenden Menge an Ärztinnen und Ärzten zu vertrauen."

Hausärzte in der Lage Arbeit mobiler Impfteams zu erledigen?

In einem Schreiben vom 4. November schließt sich die Landesärztekammer den Ausführungen der KVS an und verweist auf die bereits in der Vergangenheit geäußerte Auffassung, "dass die durch diese (Anm. d. Autorin: mobilen Teams) durchgeführten Impfungen vollständig auch vom System der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte mit erledigt werden können."

Nunmehr erklärt die KVS dem Sozialministerium, man sehe sich nicht in der Lage, den Vertrag zu den mobilen Impfteams über den 31.12.2021 hinaus zu verlängern. Das betrifft u.a. die Akquise von Personal, dessen Einsatzplanung und die Abrechnung. Statt der Impfteams seien eine bessere Aufklärungs- und Informationskampagne für Unentschlossene der geeignetere Weg zu einer höheren Impfquote.

Täglich neue Höchstwerte bei Neuinfektionen

Unterdessen spitzt sich Lage in Sachsens Krankenhäusern immer mehr zu. Um auf die Situation zu reagieren, gilt seit Montag in Sachsen für Teile des öffentlichen Lebens die 2G-Regel. Demnach haben nur noch Geimpfte und Genesene Zugang etwa zu Gaststätten, Bars, Diskotheken und Kultureinrichtungen.

Mediziner und Krankenhauskoordinatoren erwarten das Erreichen der Überlastungsstufe laut sächsischer Corona-Verordnung am heutigen Donnerstag oder Ende der Woche. Diese Stufe greift, wenn an drei aufeinander folgenden Tagen auf den Normalstationen der Krankenhäuser mehr als 1.300 Covid-19-Patienten bzw. auf den Intensivstationen mehr als 420 Covid-19-Patienten liegen. Außerdem gilt die Hospitalisierungsrate als Indikator, die für die Überlastungsstufe bei 12 liegen muss.

Das sind die aktuellen Werte in Sachsen dazu (Stand: 10. November 2021):

  • Normalbetten belegt: 1.189 (87,9 Prozent Auslastung)
  • ITS-Betten belegt: 288 (88,3 Prozent Auslastung)
  • Hospitalisierungsrate: 6,41
  • Inzidenzwert Ungeimpfter/Nicht vollständig Geimpfter: 1.152,5
  • Inzidenzwert vollständig Geimpfter: 70,7

Trotz stark steigender Infektionszahlen hält die Kassenärztlichen Vereinigung den Einsatz der mobilen Impfteams "für überdenkenswert" und will für eine höhere Impfquote stärker an die Eigenverantwortung der Menschen appellieren:

Auszug aus einem internen Schreiben der KV SACHSEN vom 28.10.2021 "Ungeachtet dessen halten wir eine weitere Fortführung der zusätzlichen mobilen Impfangebote auch und insbesondere unter gesamtgesellschaftlichen Gesichtspunkten für überdenkenswert. Das nicht unerhebliche Spaltungspotenzial, das sich aktuell überwiegend auch an der Frage des "Impfstatus" festmacht, darf nicht zu einer weiteren Verhärtung der bestehenden Fronten in der Gesellschaft und damit zur weiteren Spaltung beitragen.
Wir denken daher, dass bessere Aufklärungs- und Informationskampagnen für Unentschlossene der geeignetere Weg zu einer höheren Impfquote sind.
Unabhängig davon empfehlen wir, auch in Bezug auf die Weiterführung der Impfkampagne, wieder stärker an die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger zu appellieren."

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 11. November 2021 | 10:00 Uhr

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