Interview zur Coronalage Wirtschaftspsychologe Meyer: "So leer waren die Akkus von Menschen noch nie"

Laut einer Studie der TU Chemnitz unter knapp 3.000 Berufstätigen sind es vor allem Frauen, die in der Pandemie unter der Doppelbelastung von Arbeit und Familie leiden: Beim Bewerten der psychischen Erschöpfung auf einer Skala von 1 bis 5 lag der Wert der Frauen bei 3,0, der Wert der Männer bei 2,3. Der SACHSENSPIEGEL hat zwei Paare begleitet und Bertolt Meyer, Leiter der Studie, erklärt in einem Interview mit Anja Koebel die Beispiele und die Einordnung in die Studie.

Prof. Bertolt Meyer
Bertolt Meyer ist Inhaber der Professur für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der TU Chemnitz und Leiter einer Studie zur psychischen Belastung durch die Corona-Pandemie. Bildrechte: TU Chemnitz/Jacob Müller

Bertolt Meyer, Inhaber der Professur für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der TU Chemnitz, Sie sind der Leiter der erwähnten Studie. Frauen und Männer nehmen die pandemiebedingte Belastung unterschiedlich wahr - woran liegt das?

Ich glaube, das erste Pärchen, das wir in diesem Beitrag* gesehen haben, ist ein ganz gutes Beispiel. Er arbeitet tagsüber, kann sich konzentrieren. Sie kümmert sich tagsüber um die Kinder und wenn die Kinder im Bett sind, dann fängt sie an zu arbeiten. Er muss sich dann nicht mehr um die Kinder kümmern, weil die Kinder schlafen dann ja schon. Zumindest habe ich das so rausgehört. Und in diesem konkreten Fall hätte sie also eigentlich mehr Belastung, also Kinder und Arbeit, während er "nur" die Arbeit hat und weniger Kinder. Und insofern war das erste Pärchen, das wir gesehen haben, vielleicht ein wenig repräsentativer für die vielen Menschen, die wir befragt haben.

*Anm. der Redaktion: Den Beitrag können Sie hier anschauen.

Welche Auswirkungen haben lange Phasen des Homeoffice, Homeschooling und der Kinderbetreuung auf die Psyche, vor allem mit Blick auf die Partnerschaften?

Wir haben in unserer Untersuchung festgestellt, dass die sogenannte emotionale Erschöpfung, eine der Kernfacetten des Burnouts, immer stärker ansteigt, je länger die Pandemie andauert und je stärker die pandemiebedingten Einschränkungen sind. Ganz vereinfacht gesagt: Jetzt gerade zum Ende der dritten Welle sind bei sehr, sehr vielen berufstätigen Menschen in Deutschland die Akkus wirklich komplett leer. Und je leerer die Akkus sind, desto länger braucht es auch, sie wieder aufzuladen. Das heißt, für viele Menschen wird es noch eine Zeit lang dauern - insbesondere in familiär belastenden Situationen - bis eine psychische Leistungsfähigkeit wieder hergestellt ist, die derjenigen vor der Pandemie entspricht.

Welche Konsequenzen sollten aus diesen Erfahrungen gezogen werden?

Viele Menschen werden es nachvollziehen können: Uns fehlen die leichten sozialen Kontakte außerhalb unserer Kerngruppe. Vielen fehlt ein großes Maß an emotionaler und sozialer Unterstützung, die normalerweise vorhanden sind, wenn wir nicht alle coronabedingt Kontaktbeschränkungen haben. Und es ist schwer abzuschätzen, wie lange wir noch an den psychologischen Folgen der Corona-Pandemie zu knapsen haben werden, denn es handelt sich ja hier um ein Jahrhundertereignis. Da können wir nicht die Schublade aufmachen und sagen: 'Da ist es genauso wie bei dem und dem Ereignis', sondern auch aus wissenschaftlicher Sicht ist da noch vieles, vieles ungeklärt. Aber eins kann ich Ihnen sagen: So leer waren die Akkus bei Menschen, die wir befragt haben, noch nie. Die Zahlen, die ich momentan sehe, auch gerade die Zahlen, die wir erst in den letzten Wochen erhoben haben, die noch nicht veröffentlicht sind, sind für mich besorgniserregend.

Vielen Dank für das Interview Herr Meyer.

Quelle: MDR/al/SSP

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 18. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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