Corona-Folgen Sachsens Kinderärzte sorgen sich um Gesundheit der Kinder

Der Alltag von Kindern und Jugendlichen ist wegen Corona seit einem Jahr durcheinander und eingeschränkt. Kinderärzte und Psychiater sehen nun die ersten gesundheitlichen Folgen an den jungen Patientinnen und Patienten in ihren Praxen. Experten halten Entwicklungsstörungen bei den ganz Kleinen für nicht aufholbar. Aber auch Jugendliche haben es schwer. Was tun?

Eine junge Frau sitzt am Tisch mit Laptop und Büchern und hält sich mit beiden Händen den Kopf.
Kopfschmerzen, Stress, Unwohlsein, Konzentrationsrpobleme - das sind einige der Beschwerden, die Kinder- und Jugendärzte in Sachsen bei Schülerinnen und Schülern feststellen (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Sachsens Kinder- und Jugendärzte blicken mit "großer Sorge" auf die gesundheitlichen Folgen der Pandemie und des häuslichen Lernens bei Kindern. "Wir sehen sehr viele Kinder mit Kopfschmerzen, Ängsten, Essstörungen, Konzentrationsstörungen und Bauchschmerzen, aber auch Gewichtszunahmen - und zwar in allen Altersgruppen", sagte die Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Melanie Ahaus. Die Kinderärztin in Leipzig weiß auch von einer wachsenden Zahl von Überweisungen an Augenärzte, weil Kinder und Jugendliche mit Sehstörungen und Kurzsichtigkeit zu kämpfen hätten.

Viele Beschwerden nach einem Jahr Krise

Bewegungsmangel, stundenlanges Sitzen vor dem Computer, Fernseher, Handynutzung und soziale Isolation seien die Hauptursachen für viele Beschwerden. "Vor einem Jahr war es zu Hause noch spannend mit dem Lernen und der Mediennutzung. Mittlerweile haben viele Eltern aufgegeben, den Medienkonsum zu kontrollieren und zu regulieren", hat Melanie Ahaus festgestellt. Sie beobachtet das auch bei sich und ihrem Kind. Wenn es eine Medienpause einlegen soll, müsse es gerade dann das Handy für Schülergruppenchats nutzen, Materialien hochladen oder an Videokonferenzen teilnehmen.

Es ist ja für uns Erwachsene schon schwierig, unseren Medienkonsum zu kontrollieren. Für Kinder und Grundschüler ist das unmöglich.

Melanie Ahaus Fachärztin und Sprecherin des Bundesverbandes Deutscher Kinder- und Jugendärzte

Ein weiteres Problem sei die soziale Abgeschiedenheit zu Hause. "Gerade bei Kindergartenkindern und Kindern aus sozial belasteten Familien beobachten wir Entwicklungsstörungen in der Feinmotorik, beim Spracherwerb und in der Gehirnentwicklung. Das lässt sich nie wieder aufholen", ist Melanie Ahaus überzeugt. Sie bedauert es sehr, "dass es nach einem Jahr Pandemie nicht viel mehr Ideen gibt, als Kinder wegzuschließen. Sie sind die Leidtragenden der Maßnahmen".

Wir können so nicht weitermachen, denn Homeschooling ruiniert im besten Fall die Eltern-Kind-Beziehung. Im schlimmsten Fall werden die Kinder schulisch abgehängt, was ihr ganzes späteres Leben beeinträchtigen kann.

Kerstin Hilling Mutter aus Sachsen in einer Mail an MDR.DE

Ein Schulmädchen steckt auf einem Buchstabenbrett symbolisch die Worte 'traurig, allein und einsam' zusammen.
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Mehr Fürsprache und Hilfen für die Jüngsten

Das sieht der Kinderpsychiater Florian Zepf auch so. Im Gespräch mit dem MDR verlangte er angesichts der Corona-Pandemie mehr Fürsprache und Unterstützung für Kinder und Jugendliche. Wichtig sei vor allem, dass Eltern in dieser Zeit für Sorgen und Nöte ansprechbar blieben, sagte der Forscher und Universitätsprofessor aus Jena.

Die Situation habe sich für viele Kinder und Jugendliche deutlich verschlechtert: Der klinische Alltag zeige, dass sich bei vielen die Pandemie sehr negativ auf die psychische Gesundheit auswirke - etwa in Form von Depressionen und vermehrten Angstsymptomen. Diese Befunde würden durch aktuelle Forschungsdaten gestützt. Betroffen seien vor allem vorbelastete Kinder und Jugendliche. Die Folgen der Pandemie insgesamt seien bislang noch nicht abzuschätzen. Allerdings:

Eltern sind in der Corona-Zeit nicht machtlos: Sie können den Tag strukturieren, auf gesunde Ernährung, Sport und Bewegung achten - und auch mal auf den Verzicht von Medienkonsum.

Florian Zepf Kinderpsychiater
Kinder- und Jugendpsychiater Florian Zepf aus Jena 2 min
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Das können Erwachsene tun, um Kindern zu helfen

  • "Eltern sollten ein Vorbild sein und nicht ständig mit dem Handy hantieren", sagt Kinderärztin Melanie Ahaus.
  • Erwachsene sollten auch andere Aktivitäten initiieren: gemeinsame Spiele, Lesen, rausgehen, sich bewegen, Gespräche suchen und ansprechbar bleiben, auch wenn der Alltag stressig ist.
  • Ärzte und Psychologen raten dringend dazu, dass sich Familien ein bis zwei Bezugsfamilien/Freunde der Kinder suchen, mit denen das Kind regelmäßig draußen spielt, sich trifft und austauscht. Der Austausch ist auch für die Familien wichtig. Kinder und Jugendliche dürfen nicht nur aufs Thema Schule reduziert werden.
  • In den Osterferien kreativ werden, sich Ausflüge, Abenteuer ausdenken und dann rausgehen oder radeln, Picknick mitnehmen und den Kindern Abwechslung mit Bewegung bieten und Vorbild sein, rät Dr. Melanie Ahaus - auch wenn das vielen Alleinerziehenden und Berufstätigen schwerfällt. "Es ist das einzige, was man tun kann."
  • "Kinder schauen sich sehr viel am Beispiel ab, am Vorbild", sagt auch Mediziner Christoph Specht. Erwachsene sollten Kindern das Gefühl vermitteln, "es wird auch wieder bessere Zeiten geben, dann beruhigt das auch die Kinder. Das sind wir ihnen schuldig."

Das Kultusministerium müsste Lehrinhalte streichen und insgesamt Druck aus der Schule nehmen. Man sollte sich auf die Kernfächer konzentrieren und nicht stur an den Lehrplänen kleben. Das hat leider bislang nicht stattgefunden.

Melanie Ahaus Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Sachsen

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 29.03.2021 | 19:00 Uhr

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