Corona-Lockerungen Kita-Leiterin: "Mit unserer Gesundheit wird fahrlässig gespielt"

Ab Montag öffnen die sächsischen Kitas wieder im eingeschränkten Regelbetrieb. Das hat Kultusminister Christian Piwarz am Dienstag bekanntgegeben. Viele Eltern fordern schon seit Wochen Kita-Öffnungen. Doch manche Erzieherin oder mancher Erzieher fühlt sich schutzlos. Vorerst keine Impfungen, einmalige Corona-Tests und eine uneindeutige Studienlage verunsichern in Zeiten der Pandemie.

Kinder machen Lernspiele mit der Erzieherin.
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Auch die Wissenschaftler bestätigen, dass gerade die ganz kleinen Kinder nicht das Problem sind in der Weitergabe des Virus. Insofern gibt es durch die Kinder eigentlich keine unmittelbare Bedrohung für die Erzieherinnen und Erzieher. […] Und das besagen diverse medizinische Studien, unter anderem auch die, die wir ja hier in Sachsen durchgeführt haben.

Christian Piwarz Sachsens Kultusminister am 9. Februar 2020

Susann Schmidt aus Mittelsachsen muss bitter auflachen, wenn sie diese Aussage von Kultusminister Christian Piwarz hört. Die Kita-Leiterin und Erzieherin sagt: "Wir sehen das anders, denn wir denken durchaus, dass Kinder Überträger sind. Sie sind asymptomatisch, das ist auch gut so. Nur werden sie in den seltensten Fällen auf das Coronavirus getestet. Es gibt mindestens genau so viele Studien, die belegen, dass auch kleine Kinder ebenso Überträger sind wie Erwachsene."

Studienlage: Kinder als Pandemietreiber?

Der Kultusminister bezog sich im Interview mit MDR SACHSEN auf eine Zusammenfassung der Studien zu Kindern in der Corona-Pandemie der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). In dem Papier heißt es, dass Kinder "keine Treiber der Pandemie" seien. Außerdem scheinen den Angaben zufolge jüngere Kinder seltener zu einer Weitergabe der Infektion beizutragen als Erwachsene. Inzwischen ist eine Vielzahl an Studien veröffentlicht worden - unter anderem aus Baden-Württemberg. Die Forschenden der Universität Heidelberg kommen ebensfalls zu dem Ergebnis, dass Kinder seltener an Covid-19 erkranken und seltener mit Sars-CoV-2 infiziert sind.

Kita-Leiterin Schmidt hält eine Studie der Krankenkasse AOK entgegen. Das Ergebnis zeigt, dass es zwischen März und Oktober 2020 beim Personal in Erziehungsberufen überdurchschnittlich oft zu Krankschreibungen aufgrund einer Coronavirus-Infektion kam - häufiger noch als beim Pflegepersonal. Klar ist, dass inzwischen eine Vielzahl an Studien zu Kindern und der Corona-Pandemie zur Verfügung stehen. Allerdings wird bisher kaum berücksichtigt, welche Rolle die Virus-Mutationen spielen, die sich aktuell auch in Sachsen ausbreiten.

AHA-Regeln in Kitas nur bedingt möglich

Mehr Schutz ist gerade bei kleinen Kindern aber kaum möglich. Maske tragen und Abstand halten im Kita-Bereich nicht machbar. Bisher schon galt für die Eltern bei der Abgabe: Abstand halten, Mundschutz tragen, Einrichtung nicht betreten, keine Gruppenbildung und nur ein möglichst kurzes Verweilen auf dem Kita-Gelände.

Mir kommt es so vor, als würde mit unserer Gesundheit fahrlässig gespielt werden.

Susann Schmidt Kita-Leiterin und Erzieherin

Kitas in Sachsen machen also in der Regel schon das, was möglich ist. Trotzdem kam es zuletzt trotz Notbetreuung und geringer Auslastung der Einrichtungen zu mehreren Infektionen in Kitas. Im vogtländischen Treuen wurden innerhalb einer Woche 13 Erzieherinnen, Erzieher und technisches Personal positiv auf das Virus getestet. Laut Bürgermeisterin Andrea Jedzig war auch bei mehreren Kindern der Test positiv. Neun weitere Kontaktpersonen wurden in Quarantäne geschickt.

Impfungen für Personal in Kitas

Wie kann nun also ein Schutz für das Personal in Kitas aussehen? "Ein Impfangebot wäre schön", meint Kita-Leiterin Schmidt. "Wenn man will, dass Kindergärten und Schulen wieder öffnen, muss man dafür sorgen." Eine Forderung die zuletzt häufig von Angestellten im Lehr- oder Erziehungsbereich kam. Auch MDR SACHSEN liegen zahleiche Zuschriften dazu vor. Den Forderungen nach vorzeitigen Impfungen für Lehrerinnen, Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher hatte Kultusminister Piwarz bereits am Dienstag eine Absage erteilt. Er berief sich auf die vom Bund festgelegte Reihenfolge, demnach sind Lehrkräfte und Erziehende in der Kategorie 3 angesiedelt und somit noch nicht an der Reihe.

Höhere Priorisierung geplant Nach der Bund-Länder-Konferenz am 10. Februar hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt gegeben, dass dass Erzieherinnen, Erzieher und Grundschullehrerinnen und -lehrer eine höhere Priorisierung erhalten sollen. Bundesgesundheitsminister Spahn soll in Absprache mit der Gesundheitsministerkonferenz prüfen, ob Beschäftigte in der Kindertragesbetreuung sowie an Grundschulen früher als bisher vorgesehen geimpft werden können - in der Kategorie 2 mit hoher Priorität. Laut Merkel könnten Erzieher und Grundschullehrer noch vor den Sommerferien ein Impfangebot erhalten.

Regelmäßige Testungen erwünscht

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt für einen Corona-Test einen Abstrich von einer Frau.
Mund auf und Stäbchen rein - das wünscht sich Kita-Leiterin Susann Schmidt für sich und ihre Kolleginnen und Kollegen in regelmäßgen Abständen. Bildrechte: dpa

Eine weitere Option sieht Schmidt in regelmäßigen Corona-Tests. Die würden zwar nicht vor einer Infektion schützen, aber immerhin etwas Sicherheit geben. Lehrkräfte haben bereits seit dem Sommer 2020 die Möglichkeit, sich wöchentlich kostenfrei auf das Coronavirus testen zu lassen. Für Erzieherinnen und Erzieher besteht diese Möglichkeit nicht. Das liegt dem Kultusministerium zufolge an unterschiedlichen Zuständigkeiten. Lehrkräfte sind in der Regel beim Freistaat angestellt, Erziehende bei freien Trägern oder den Kommunen. "Die Finanzierung der Tests ist noch immer nicht geklärt, jeder schiebt dem anderen den schwarzen Peter zu", meint Schmidt.

Mit Forderungen nach regelmäßigen Tests und Finanzierungssicherheit steht Schmidt nicht alleine da. Von den Wohlfahrtsverbänden in Sachsen heißt es: "Sobald einfache Testmöglichkeiten vorhanden sind, die vom Personal in den Einrichtungen selber vorgenommen werden können, sollten die anfallenden Kosten unkompliziert über die Sachkosten abrechenbar sein." Man hoffe auf unbürokratische Lösungen, damit dem Kita-Personal mindestens zwei Tests pro Person wöchentlich zur Verfügung stehen. Kultusminister Piwarz hatte am Dienstag in einer Pressekonferenz zumindest einmalige Tests für Erzieherinnen und Erzieher zu Beginn der Kitaöffnungen angekündigt.

Dass es seit 10 Monaten nicht gelingt, den Infektionsschutz in Kindertageseinrichtungen landesweit durch anlasslose Tests abzusichern, ist ein unerträglicher Skandal.

Uschi Kruse Landesvorsitzende der GEW Sachsen

Offene Kitas statt langsamer Einstieg

"Um es klar zu sagen: Für die Kinder ist es wichtig, dass sie wieder in den Kindergarten dürfen", meint Erzieherin Schmidt. "Aber ich denke auch, dass es zu früh ist. Ich hätte mir ein anderes Vorgehen gewünscht". Nach ihrer Auffassung hätten zuerst die künftigen Schulanfänger zurück in die Kita kommen sollen, damit das Personal noch vernünftig mit den Kindern arbeiten kann. "Aber es werden einfach alle da sein ab Montag. Auch wenn darum geben wurde, wenn möglich, die Kinder weiter zu Hause zu betreuen. Wenn wir mal in die anderen Bundesländer mit dieser Regelung gucken, dann sehen wir es ja: 90 Prozent der Kinder sind in den Kitas. Und den Eltern kann man da keinen Vorwurf machen." Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Sachsen rechnet damit, dass die meisten Eltern das Angebot geöffneter Kitas nutzen werden.

Feste Gruppen, verkürzte Öffnungszeiten

Das Konzept des eingeschränkten Regelbetriebs, das jetzt wieder zur Anwendung kommen soll, setzt nicht auf weniger Kinder in den Einrichtungen, sondern auf besonders feste Strukturen. Das zeigt auch ein Statement der Wohlfahrtsverbände in Sachsen: "Es bleiben immer die gleichen Kinder zusammen, sie werden vom gleichen Personal betreut und kommen nicht in Kontakt mit Personen aus anderen Gruppen derselben Einrichtung. Dieses Vorgehen ermöglicht es, dass im Infektionsfall nicht die gesamte Einrichtung geschlossen werden muss." Das bedeute aber auch, dass Fachkräfte innerhalb der Einrichtung nicht einfach wechseln könnten, wenn Personal ausfällt. In den Kitas könne es deshalb zu Einschränkungen der Betreuungszeiten kommen.

Von den Eltern bekommt Kita-Leiterin Schmidt zurzeit unterschiedliche Rückmeldungen zur angekündigten Öffnung: "Ich hatte gestern schon einige am Telefon, die sich sehr gefreut haben. Aber eben auch eine Reihe, die mit Bedenken an die Sache rangehen." Die Inzidenz sei in Sachsen noch recht hoch. Warum die Öffnungen jetzt schon stattfinden sollten, sei nicht allen Eltern, Erzieherinnen und Erziehern klar.

GEW kritisiert Sachsens Vorstoß scharf

Uschi Kruse, Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen, schlägt deutlich kritischere Töne zum Vorstoß des Freistaats an: "Es ist schon erstaunlich, dass der Freistaat wieder einmal vor der Bund-Länder-Runde seinen kompletten Plan festlegt und damit grundlos vorprescht. Dabei ist Sachsen noch immer eines der Bundesländer mit der höchsten 7-Tage-Inzidenz. Sachsen versucht sich erneut ein Siegertreppchen beim Öffnungswettbewerb zu sichern und verharmlost dabei die Folgen für die Betroffenen. Zudem steht die Gefahr einer dritten Infektionswelle praktisch vor der Tür." Die Gewerkschaft fordert, Schulen und Kitas erst ab einer 7-Tage-Inzidenz von unter 50 im jeweiligen Landkreis zu öffnen.

"Es bedeutet die gleichzeitige Eingewöhnung fast aller Kinder"

Beim Blick auf die kommende Woche, ist die Erzieherin ebenfalls im Zwiespalt, denn wenn plötzlich der Großteil der Kinder zurückkommt, bedeutet das auch eine große Herausforderung: "Wir haben ja Erfahrungen aus dem vergangenen Frühjahr. Die ersten zwei oder drei Tage lief alles super, die Kinder waren froh, wieder in der Kita zu sein mit ihren Freunden. Aber dann fängt man nach einer so langen Zeit wieder von vorne an: Strukturen und Regeln sind einfach weg. Und viele fangen natürlich an, ihre Eltern zu vermissen." Eine Art zweite Eingewöhnung rolle nun auf Eltern, Kinder und Personal zu.

Keine Erholung in Sicht

Doch vor den anstrengenden Wochen, die nun vor der Kita-Leiterin liegen, wird es wohl auch am Wochenende kein Verschnaufen geben. Denn die endgültige Entscheidung über die Öffnungen der Kitas wird erst am Freitag fallen. "Für mich bedeutet das jedes Mal, dass ich das Handy der Einrichtung am Wochenende mit nach Hause nehme und mit Eltern telefoniere. Dienstpläne müssen kurzfristig umgestellt werden. Es ist jedes mal das Gleiche. Das ist eine wahnsinnige Mehrbelastung und es wird einfach erwartet, dass wir das so hinkriegen."

Müssen Eltern in jedem Fall Kita-Beiträge zahlen? Das sächsische Kultusministerium hat alle Eltern gebeten, ihre Kinder, wenn möglich, weiterhin zu Hause zu betreuen. Ob Eltern ihre Kinder aber ab dem 15. Februar in die Kita schicken oder nicht, hat nach Auskunft des Kultusministeriums keinen Einfluss auf den Kita-Beitrag: "Entscheiden sie sich gegen eine Betreuung in der Kita, gibt es keinen Anspruch auf Erstattung des Elternbeitrages, denn eine Betreuung wäre grundsätzlich möglich", hieß es.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.02.2021 | 07:45 Uhr

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