Testpflicht und Zutrittsverbot Zwischen Verständnis und Wut - Kindergärten in Sachsen am Limit

Seit einer Woche gilt der eingeschränkte Regelbetrieb in Sachsens Kitas - und zwar inzidenzunabhängig. Das hat Folgen für Eltern und Kinder, aber auch für die Beschäftigten. Wie klappt die Umsetzung und was regt Kita-Personal und Eltern richtig auf? Das haben sie MDR SACHSEN in Dutzenden Mails geschrieben. Grob lässt sich die Stimmung folgendermaßen zusammenfassen: Es ist kompliziert.

Im Bauraum der Kindertagesstätte "Anne Frank" hält der vierjährige Jan eine Papprolle.
Nicht von Pappe, was Kitas, Eltern und Kindern gerade im Blick behalten sollen. Manche haben das Gefühl, den Durchblick verloren zu haben. Bildrechte: dpa

Seit einer Woche gelten geänderte Regeln für die Betreuung in Kitas. Im Alltag fühlen sich manche verunsichert. Mutter Peggy Hanisch aus Lommatzsch berichtet von der Einrichtung ihres Kindes: "Ohne Test und Maske darf man sein Kind nicht bringen oder abholen, da man dafür das Haus betreten muss. Das gilt aber bei uns nur für die Eltern der Krippenkinder. Alle anderen Eltern dürfen durch das Außengelände die Kinder bringen und abholen. Alle nur einzeln und mit Maske. Um ehrlich zu sein, blicke ich auch kaum noch durch."

Das schreibt die aktuelle Corona-Schutzverordnung dazu vor:

  • kein Zutritt in Gebäude ohne negativen Corona-Test (nicht älter als drei Tage)
  • keine Testpflicht für betreute Kinder und deren Begleitperson beim Bringen/Abholen
  • Betretungsverbot der gesamten Einrichtung für Corona-Infizierte, Personen mit typischen Krankheitssymptomen (Fieber ab 38 Grad Celsius, Durchfall, Erbrechen, Geruchsstörungen, Geschmacksstörungen, Husten) und Personen mit Kontakt zu Corona-Infizierten
  • gemeinschaftlicher Gesang nur im Freien
  • Dokumentation aller betreuenden und betreuten Personen zur Kontaktnachverfolgung
  • Maskenpflicht vor der Einrichtung und für Personal, wenn es keine Kinder betreut
  • Kita-Personal muss sich zwei Mal in der Woche testen lassen.
  • Bei der Kindertagespflege gilt das Zutrittsverbot nicht, die ist bei Gruppengröße bis fünf Kinder uneingeschränkt möglich.

Kita in Dresden - auf einer Treppe hängen Bilder
Weil die Eltern nicht mehr in die Kita können und dadurch kaum etwas vom Alltag ihrer Kinder erfahren, werden in dieser Dresdner Kita die kleinen Kunstwerke jetzt im Außenbereich aufgehängt. Bildrechte: Madeleine Arndt

Das Zutrittsverbot im Alltag: Unmut und Frust überwiegen

Wie werden die neuen Regeln umgesetzt? "Die breite Masse der Eltern zeigt Verständnis für getroffene Entscheidungen. Es wächst aber auch der Widerstand gegen bestehende Verordnungen - gerade da viele Eltern neben der Betreuung der eigenen Kinder oftmals auch beruflich Einschränkungen erleben und auch Existenzen bedroht sind", hat Manuela Jürß von der Volkssolidarität festgestellt.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband meint: "Es gibt  Ablehnung, aber auch viel Verständnis. Schlussendlich wollen alle, dass die Kitas offen bleiben. Seit Monaten werden gute Hygienekonzepte umgesetzt. Es ist teilweise schwer vermittelbar, dass nun ein generelles Zutrittsverbot für das Gebäude gilt", sagt Sprecher Thomas Neumann dazu.

Das Betretungsverbot sieht der Eigenbetrieb Kindertageseinrichtungen der Stadt Dresden kritisch. Aus Sicht der Pädagogen seien die Vorgaben schwierig, weil sie die so wichtige "Kommunikation und Beziehungsgestaltung zwischen Eltern und Bezugserziehern noch weiter beschränken", sagt Sprecherin Diana Petters. So lautet das Fazit nach einer Woche:

Beim Betretungsverbot für die Kitas überwiegen bei Eltern Unmut und Frustration bis hin zur Verständnislosigkeit.

Stadt Dresden

Der vierjährige Jenke schaut neben seiner Mutter durch die Glastür in seinen Gruppenraum in der Kindertagesstätte "Anne Frank".
Bildrechte: dpa

Aufwand fürs Kita-Personal

"Das Betretungsverbot verursacht unwahrscheinlich hohen organisatorischen Aufwand", meint der Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Dresden-Land, Frank Sipply. Zwar sei alles machbar. Die Kita-Leitungen müssten sich pausenlos in neue Regelvorgaben einlesen, "alles erklären und dahinter bleiben, damit alle mitmachen. Auch Erzieherinnen sind nur Menschen", meint der DRK-Geschäftsführer.

Bitte nicht jeden Tag eine neue Variante. Grundsätzlich haben wir als Elternteil die Wahrnehmung, unsere Kita (-Leitung) ist motiviert, mit den ständig wechselnden Anforderungen zurechtzukommen. Dieses Gefühl haben wir bei manchen Eltern nicht.

Marcel Knobloch Vater aus Bautzen

Vieles unklar bei Teststrategie

Das zentrale Diskussionsthema unter Eltern und Erziehern ist immer wieder die Umsetzung der Testpflicht. Es gibt Kritik. Mutter Sandra Richter aus Radebeul beispielsweise kritisiert, dass eine Kontrolle der geforderten negativen Tests nicht stattfindet. "Die Kita vertraut auf die Eltern. Das ist meiner Meinung nach ein ziemlich riskanter Kurs. Ich möchte keinem etwas unterstellen. Dennoch ist dieses latente Risiko vorhanden, es wird einfach blind vertraut und gehofft, dass alles gut geht."

Dazu hat der Paritätische Wohlfahrtsverband eine klare Meinung: "Die derzeitige Teststrategie des Freistaates lässt leider viele Fragen offen. Es fehlt immer noch an klaren Handlungsanweisungen und Regelungen für die Kitas", sagt Thomas Neumann. Etwa sei unklar, was zu tun sei, wenn Beschäftigte positive Schnelltestergebnisse aufweisen. "Hier würden wir uns Konzepte seitens des Freistaates wünschen sowie direkte Ansprechpartnerinnen und -partner bei den Gesundheitsämtern, die bestenfalls auch mit Entscheidern in der Gemeinde vernetzt sind."

Die Regelungen nach der SächsCoronaSchVO sind nicht umzusetzen. Bei unserer Kita (130 Kinder) wäre das massiver Aufwand, negative Tests zu kontrollieren. Deswegen gilt Betretungsverbot für alle. Unabhängig von Tests. Das Ganze ist immer noch viel zu viel Aufwand.

Andy Vetter Erzieher aus Lauta

Und jede Einrichtung sucht bei der Testpflicht-Umsetzung ihren eigenen Weg. Kitaleiterin und Mutter Julia Socher aus Dresden nennt die seit 6. April geltenden Zutrittsregeln mit negativem Test "die Krönung". Eine Mitarbeiterin am Eingang kontrolliere nun die Zettel. "Von Eltern, die keine Testbescheinigung dabei haben, müssen die Kinder an der Tür abgenommen, extra in die Gruppen gebracht und ausgezogen werden - alles von dieser einen Person. Draußen bildet sich eine meterlange Schlange", beschreibt sie den Ablauf.

"Der Oberwitz ist, dass die Eltern sich die Bescheinigungen selber ausstellen dürfen. Kein Vier-Augenprinzip, wie das beim Kita-Personal nötig ist", kritisiert Socher. Man könne sich denken, "dass Eltern sich die Bescheinigung einfach nur ausfüllen, ohne je einen Test gemacht zu haben."

Ich wünsche mir keinen Aktionismus der sächsischen Landesregierung mehr, sondern durchdachte klare Regelungen und Maßnahmen. Das Vertrauen schwindet sonst immer weiter und keine Kita wird sich mehr an die Vorgaben halten.

Julia Socher Kitaleiterin in Dresden

Mit den neuen Regeln in den Kitas kommen Eltern unterschiedlich klar. Frank Sipply vom DRK-Kreisverband Dresden-Land sagt: "Die einen verstehen und akzeptieren die Dinge, andere Eltern tun das gar nicht."

Mutter Stefanie Mutzschen schreibt: "Ich muss sagen, dass es bei uns gut organisiert ist. Ich gebe meinen Sohn morgens an der Haustür in der Kita ab und bekomme ihn an der Tür auch wieder. Ich finde es so gut. Somit darf kein Externer ins Gebäude rein".

Bobby-Cars, andere Spielautos und Gefährte für Kinder liegen angeschlossen vor einer Kita in Berlin-Wilmersdorf auf einem Stapel.
Mehr Übersicht, klarere Regeln und nicht alles auf einmal ändern, das wünschen sich Kita-Beschäftigte und Eltern von der Landesregierung. Bildrechte: dpa

Eigeninteresse der Familien

Vater Frank Henschel aus Coswig sieht die Lage so: "Es sollte doch eigentlich uns, den Eltern, nicht zu viel abverlangt sein, für diese wichtige Betreuung unserer Kinder auch etwas zu tun. Es geht doch - nur - um Corona-Tests." Die gebe es auch kostenlos und sollten allen einen "echten Mehrwert der Sicherheit geben und auch schlicht und einfach ein besseres Gefühl beim Abgeben der eigenen Kinder bringen."

"Wir sind unterm Strich dankbar, dass unser Kind in die Kita darf, wenn auch mit Einschränkungen", findet Mutter Madlen Richter aus Dresden.

Unsere Gruppen sind immer voll und die Eltern froh, ihre Kinder abgeben zu können. Die Eltern halten sich überwiegend an die Regularien, Wertschätzung und Dankbarkeit sind jedoch selten.

Erzieherin aus Dresden

Das stört Kitas und Betreiber

  • Kurzfristigkeit der Kommunikation seitens der Landesregierung
  • ständige Änderungen der Regeln
  • Unverständlichkeit der Regeln
  • Zugang zu Tests fürs Personal

Der Dresdner Eigenbetrieb Kindertageseinrichtungen bemängelt die kurzfristigen Anordnungen und neuen Bestimmungen. Die seien "für alle mit der praktischen Umsetzung Beauftragten eine gewaltige Herausforderung". Und: "Von freien Trägern erreichten die Stadt vermehrt Rückmeldungen, dass ihnen nicht genügend Tests zur Verfügung stehen, um das Personal (dazu zählen auch Beschäftigte für Küche, Reinigung, Hausmeister) zweimal pro Woche testen zu können", so Sprecherin Diana Petters.

"Der größte Kritikpunkt ist die Art und Weise der Kommunikation. Warum ist es nicht möglich, in einer für Eltern und Mitarbeiter von Kitas verständlichen Sprache zu beschreiben, was aktuell verlangt wird", fragt sich Manuela Jürß vom Regionalverband Volkssolidarität Elbtalkreis-Meißen. Zunehmend werde Unsicherheit vermittelt.

Dieser Zustand darf nicht mehr lange andauern, weil sonst das gesamte Personal dauerhaft ins Burnout kippt. Die Nerven liegen bei allen blank, das Verständnis für den Kurs der Landesregierung schon lange.

Julia Socher Kitaleiterin und Mutter aus Dresden

Kultusministerium in der Pflicht

Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht bei den Kitas und Tageseltern auch das Kultusministerium in der Pflicht, obwohl das Sozialministerium bei den Corona-Regeln federführend ist. "Wichtig ist uns, dass es künftig zu eindeutigen Regelungen kommt, die mit ausreichend Vorlauf in die Praxis kommuniziert werden. Die Kurzfristigkeit des bisherigen Vorgehens war wenig hilfreich in einer ohnehin schon angespannten Lage", urteilt Sprecher Thomas Neumann.

Mehr aus Sachsen