Interview Unsoziales Verhalten in der Pandemie: Wie Kooperation klappt und woran sie scheitert

Masken verweigern, Toilettenpapier horten und unerlaubt Partys feiern - unsoziales Verhalten in der Pandemie hat viele Gesichter. Doch woran liegt die mangelnde Kooperationsbereitschaft? Und lässt die sich ändern? Mit dem Thema Kooperation beschäftigt sich Christian Hilbe vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie. Der Mathematiker leitet die Forschungsgruppe zur Dynamik von sozialem Verhalten und teilt im Interview mit MDR SACHSEN seine Erkenntnisse zum Kooperationswillen.

zwei Hände
Zusammenhalt und Kooperation sind der Schlüssel zum Erfolg einer Gruppe. Doch nicht jeder will mitspielen. Bildrechte: Colourbox.de

Herr Helbig, seit einem Jahr leben wir mitten in einer Pandemie. Ganz zu Beginn gab es eine große Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft aber im Verlauf des vergangenen Jahres wurden auch immer wieder egoistische Züge besonders sichtbar. Sind Menschen in der Pandemie egoistischer geworden?

Ich habe das Gefühl, dass es dadurch mehr wird, dass wir schon sehr lange diese Situation ertragen müssen. Prinzipiell gilt aber eigentlich, dass Menschen erstaunlich kooperativ sind - also viel kooperativer als man das eigentlich denken würde. Ein Ökonom würde sagen: 'Menschen denken immer nur an ihr eigenes Wohl.' Aber das stimmt so nicht. Auch aus evolutionärer Sicht würde man sich eigentlich denken: Menschen tun das, was für sie selber am besten ist. Denn genau das bringt ihnen einen Vorteil. Aber erstaunlich oft sind Menschen kooperativ.

Wenn man auf die Straßen oder ins Internet guckt, wirkt das aber gar nicht so. Merken wir uns einfach nur die schlechten Dinge?

Die Frage ist, was man überhaupt beobachten kann. Die Leute, die brav daheim sitzen und versuchen, niemanden anzustecken, sieht man nicht. Die wenigen, die rausgehen und sich beispielsweise in Massen versammeln oder protestieren, die sieht man gut. Diese Menschen kann man auch auf Bildern einfangen. Und diese werden viel einfacher kommuniziert.

Blicken wir mal ein Jahr zurück: Es gab in Supermärkten und Drogerien teilweise kein Toilettenpapier. Einige Menschen haben es anscheinend in Massen gekauft und gehortet, sodass es später in etlichen Läden eine Beschränkung beim Verkauf gab. Wie erklären Sie sich das?

Hamsterkäufe wegen Corona-Virus, Frau kauft groߟe Mengen an Papiertüchern und Klopapier zur ܜberbrückung einer eventuellen Corona-Pandemie in Deutschland
Zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland war das ausverkaufte Toilettenpapier in vielen Läden großes Thema. Inzwischen haben sich die Hamsterkäufe zumindest in diesem Bereich gelegt. Bildrechte: imago images/MiS

Das ist anfangs ein bisschen irrational. Das Blöde aus spieltechnischer Sicht ist, dass es eine selbsterfüllende Prophezeiung wird. Wenn ich davon ausgehe, dass andere viel Toilettenpapier kaufen oder ich sogar gesehen habe, dass letzte Woche das Toilettenpapier schon aus war, dann habe ich auch selber einen viel stärkeren Anreiz, auf einmal viel Toilettenpapier zu kaufen. Dadurch helfe ich mit, das herbeizuführen, was eigentlich niemand haben will.

Ein weiterer Aspekt ist, dass Leute oft davon ausgehen, dass gewisse Sachen ein Nullsummenspiel sind: Also alles, was andere kriegen, kann ich nicht kriegen. Und ich glaube, diese Psychologie ist in dem Fall hinderlich. Bei Toilettenpapier ist es vielleicht nicht ganz so schlimm. Aber das wird es, wenn es um Desinfektionsmittel oder so etwas geht. Dann da möchte ich eigentlich, dass nicht nur ich, sondern auch die anderen genug Desinfektionsmittel haben. Denn das hilft mir letztendlich auch selber.

Nun gab es ja nie eine Vorschrift, wie viel Toilettenpapier man kaufen darf. Aber es gibt schon seit vielen Monaten Regeln zu Kontaktbeschränkungen. Warum verstoßen Menschen immer wieder dagegen?

FOTOMONTAGE, Wegweiser mit der Aufschrift Kontaktbeschränkungen und Corona-Symbolen
Raus aus der Pandemie geht es nur mit Kontaktbeschränkungen und Impfungen - das sagen Wissenschaftler und Politiker seit rund einem Jahr. Bildrechte: imago images/Christian Ohde

Ich denke, es spielt hinein, dass die Kosten von Covid sehr unterschiedlich sind. Wenn wir uns einen 15-jährigen Jugendlichen anschauen, weiß man von den Sterbezahlen, dass die kein großes Risiko tragen. Sie haben selber unmittelbar nur einen sehr geringen Nutzen, sich zu isolieren. Der Nutzen ist asymmetrisch.

Das zweite ist: Der Nutzen ist nicht immer klar. Man weiß nicht immer ganz genau, ob man jetzt gerade das Virus in sich trägt und andere in Gefahr bringt oder nicht. Dann neigen Leute dazu, diese Gefahr zu unterschätzen. Ein dritter Punkt kommt dazu: Solche Normen wie 'man muss sich sozial isolieren', die wirken nur, wenn die Leute auch das Gefühl haben, jeder hält sich dran. Auch wenn es nur eine kleine Minderheit gibt, die sich nicht daran hält, dann bringt diese Minderheit nicht nur Menschen in Gefahr, weil sie vielleicht das Virus übertragen, sondern sie bringt auch diese soziale Norm in Gefahr. Das ist schlecht.

Ein ganz aktuelles Thema ist auch das Impfen. Impfneid führt zum Teil dazu, dass Menschen versuchen, sich in die Priorisierungsgruppe zu mogeln, um früher gegen das Coronavirus geimpft zu werden. Welche Strategie steckt dahinter?

Man hat kurzfristig einen Vorteil und schätzt nicht richtig ein, was für Auswirkungen das auf die Gesellschaft hat. Menschen, die es unmittelbar nötiger haben, bekommen dann keine Impfung. Aber man untergräbt damit eben auch die Norm und das sollte man nicht tun. Diese Menschen richten einen doppelten Schaden an.

Wir bekommen viele Zuschriften von Nutzerinnen und Nutzern, die ganz gezielt fragen, ob sie ein bestimmtes Vorhaben trotz der Vorgaben durch Land oder Bund umsetzen können. Manchmal sind die Vorhaben in einer Grauzone, manchmal müssten dafür die Regel "gedehnt" werden. Neigen wir dazu, uns Schlupflöcher zu suchen? Und hat das Auswirkungen auf die Kooperation?

Es ist schon wichtig, dass Regeln immer ganz klar sind und dass man die nicht interpretieren kann. Sobald Leute das Gefühl haben, dass andere für sich so kleine Vorteile rausholen, hat man natürlich auch selber weniger einen Anreiz, sich genau an die Regeln zu halten. Und natürlich hat dann auch jeder einen Anreiz, sich selber kleine Schlupflöcher zu suchen.

Es ist ganz spannend, dass Sie als Mathematiker erklären, wie Kooperation funktioniert. Wie kommen Sie zu Ihren Erkenntnissen?

Mathematiker Dr. Christian Hilbe
Dr. Christian Hilbe, Leiter der Max-Planck-Forschungsgruppe Dynamik von sozialem Verhalten Bildrechte: Christian Hilbe

Wir versuchen in unserem Team, Kooperation theoretisch zu verstehen. Also wie funktioniert es, dass Menschen bereit sind, anderen zu helfen, auch wenn ihnen das unmittelbar nichts nützt, nur vielleicht langfristig. Wir haben verschiedene Wege, das anzugehen. Ein Weg sind mathematische Modelle - wir gießen das in Formeln, übersetzen solche Situationen in Spiele und versuchen dann zu berechnen, was das optimale Verhalten in diesem Spiel wäre. Oder wir versuchen auch zu berechnen, wie man das Spiel ein bisschen verändern könnte, dass die Leute viel kooperativer werden.

Sie meinen mit Spielen Experimente?

Genau. Zum Beispiel haben wir Teilnehmer eines Experiments in einem Raum und geben ihnen Geld. Die wissen dann, sie können das Geld in einen öffentlichen Topf einzahlen oder sie können es selber behalten. Alles, was sie in den öffentlichen Topf einzahlen, wird verdoppelt und dann gleichmäßig verteilt. Wenn sie an das Beste für die Gruppe denken, sollten alle in den Topf zahlen. Dann bekommen sie das Doppelte raus. Aber individuell ist das Beste in diesem Spiel, zu hoffen, dass jeder andere in den Topf einzahlt, ich selber aber nicht. Dann bekomme ich noch mehr.

Grafik Spiel 'Öffentliche Güter'
"Öffentliche Güter" - so heißt eines der bekannten Spiele, mit deren Hilfe sich Kooperationsverhalten experimentell beobachten lässt. Bildrechte: Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

Wenn man dieses Spiel wiederholt mit Teilnehmern durchgeführt, sieht man: Am Anfang ist die Kooperationsbereitschaft recht hoch, also zwischen 50 bis 70 Prozent. Aber sobald dann die Leute sehen, dass andere sich eigentlich nicht daran halten, sinkt die Kooperationsbereitschaft ziemlich schnell. Man will ja nicht der Einzige sein, der kooperiert.

Wie bekommen Sie die Leute dazu, dass sie kooperativer werden?

Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, dass Teilnehmer die Möglichkeit haben, sich gegenseitig zu bestrafen. Wenn jemand unkooperativ war, könnte es die Möglichkeit geben, dass die Person einen Euro dafür bezahlen muss, dass die andere Person drei Euro weniger hat. Das funktioniert in Experimenten ziemlich gut. Wir schauen also auch, welche Interventionen wirken denn tatsächlich und wie machen wir Leute kooperativer?

Bestrafung ist also eine Strategie. Welche gibt es Ihrer Erfahrung nach noch?

Wenn Leute wiederholt miteinander agieren, hilft das sehr stark. Wenn man in einer stabilen Gruppe agiert, hat man einen Ruf zu verlieren. Das verstärkt die Kooperation.

Ein anderes Prinzip ist, dass man eben die Leute dran erinnern sollte, welche positiven Konsequenzen ihre Kooperation hat. Es hilft, wenn man sie ab und an daran erinnert, dass sie sich nicht nur selber etwas Gutes tun, sondern auch andere davon profitieren. Das nutzt sich über die Zeit ein bisschen ab. Aber zumindest am Anfang hat es einen sehr positiven Einfluss.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Der Nachmittag | 27. April 2021 | 15:10 Uhr

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