Pandemie-Maßnahmen Corona-Lockdown verhindern – Kretschmer ruft Bürger zu Mithilfe auf

In Sachsen gelten seit Montag strengere Corona-Regeln. Mit der Einführung von 2G wird Ungeimpften der Zugang zu Innengastronomie, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie zu Großveranstaltungen verwehrt. MDR SACHSEN hat mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) über die Verschärfungen gesprochen. Er erklärt die Maßnahmen und verlangt Mittun aller.

Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sagt: "2G ist keine Diskriminierung", sondern sachgerecht und die letzte Ausfahrt - auf einem Weg in den kompletten Lockdown. Bildrechte: dpa

Frage: Warum hat Sachsen die 2G-Regel eingeführt?

Michael Kretschmer: Wir erleben eine dramatische Entwicklung in Deutschland, aber hier in Sachsen noch einmal mehr. Deswegen müssen wir handeln. Wir haben verschiedene Optionen. Das, was wir uns seit 18 Monaten gemeinsam wünschen, leben mit Corona, eine gewisse Normalität, das ist das, was wir versuchen müssen zu realisieren. Diese Normalität gibt es dann, wenn ein großer Teil der Menschen immunisiert worden ist, entweder durch persönliche Erkrankung oder durchs Impfen. Diese Menschen sind dann nicht mehr so sehr gefährdet, wie die, die noch ungeimpft sind. Deswegen setzen diese Maßnahmen da an.

Der Blick in die Krankenhäuser auf diejenigen, die jetzt positiv sind, ist eindeutig. Der Faktor zehn liegt dazwischen. Die Inzidenz bei den Ungeimpften beträgt 800, 900, bei den Geimpften 70, 80. Von daher müssen die Schutzmaßnahmen bei den Ungeimpften ansetzen.

Was sind die entscheidenden Punkte?

Die Impfquote ist entscheidend. Ich bin jemand, der auch da versucht, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Wir haben immer gesagt: Es gibt keinen Impfzwang. Wir dürfen über die Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, nicht den Stab brechen. Es gibt viele Gründe und vor allem diejenigen, die für sich auch medizinische oder religiöse Gründe haben, sind sehr bereit, diese größeren Maßnahmen jetzt auch zu akzeptieren.

Andererseits kann es nicht sein, wenn diese Immunisierung ganz klar der Hintergrund ist, dass diese Situation jetzt dazu führt, dass es einen Zwang gibt, dass wir alle kollektiv in den Lockdown gehen; dass Kinder und Jugendliche nicht mehr in die Schule gehen können, die Gastronomie, der Einzelhandel schließt.

Es geht jetzt darum, diese wirklich dramatischen Auswirkungen, die wir im vergangenen Jahr erlebt haben, zu verhindern. Das braucht aber das gesamte Mittun der Bevölkerung. Ich wünsche mir einen gesellschaftlichen Schulterschluss. Unternehmen, Gastronomen müssen auch dem Bürgermeister und Landrat helfen, dass er diese Maßnahmen gut durchsetzen kann, damit Schlimmeres verhindert werden kann.

Wie ist die Situation für die Geimpften?

Auch für diejenigen, die geimpft sind, ist Corona nicht zu Ende. Sie können sich auch anstecken und daran erkranken. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings wesentlich geringer. Auch die Frage des schweren Verlaufs, die Belastung der Krankenhäuser ist durch Geimpfte wesentlich geringer. Deswegen kann man sagen, für einen geimpften Menschen oder einen, der eine Erkrankung durchgemacht hat, ist das ein normales Lebensrisiko. Damit kann man umgehen, wie mit anderen Krankheiten.

Da bei uns aber die Zahl der Menschen, die geimpft sind, so niedrig ist, wird es nicht funktionieren. Sie müssen sich vorstellen 1,2 Millionen Menschen, die nicht geimpft sind, davon 300.000 über 60 Jahre alt. Das schaffen auch bei uns die Krankenhäuser nicht. Wir haben das beste Gesundheitssystem der Welt in Deutschland, aber diese Zahlen sind zu hoch.

Warum führt man keine Impfpflicht ein?

Weil man die Menschen jetzt nicht zwingen kann, eine Impfung in Anspruch zu nehmen. Das ist das, was ich immer gesagt habe. Ich respektiere das auch. Aber wenn man sich gegen das Impfen entscheidet, muss man natürlich die Konsequenz auch tragen. Wenn ganz offensichtlich die Menschen, die ungeimpft sind, ein höheres Risiko tragen, dann müssen sie akzeptieren, dass es eben für die nächsten Monate gewisse Schutzmaßnahmen gibt, die vor allen Dingen sie betreffen.

Das ist keine Diskriminierung. Das ist sachgerecht. In einem Rechtsstaat geht es um die Verhältnismäßigkeit. Wir sind diesen Weg gegangen, um überhaupt Gastronomie und Einzelhandel oder Kultur offen halten zu können.

Wird es wieder einen Lockdown geben, wenn die 2G-Regel nicht funktioniert?

Es ist mein Wunsch, dass wir alle miteinander verstehen: Das ist jetzt die letzte Ausfahrt, die wir nehmen können, damit es nicht zum kompletten Lockdown kommt. Das setzt voraus, dass viele, viele Menschen jetzt mithelfen - vor allem ihren Bürgermeistern und Landräten helfen.

Lassen Sie uns mit Umsicht und mit einem klaren Blick, diese Maßnahmen tragen. Wir müssen alle miteinander so umgehen, als hätte das Gegenüber potenziell Corona. Das gilt übrigens auch für geimpfte Menschen. Dann haben wir eine Chance, dass Weihnachten die Dinge alle noch offen sind und wir sie auch benutzen können.

Einen Lockdown schließen Sie nicht aus?

Wenn die Krankenhäuser überlastet sind, wenn es keine Betten mehr gibt, wenn man auch als Unfallpatient oder als Krebspatient in der Klinik nicht mehr behandelt werden kann, weil wir nur noch Corona behandeln. Dann wird es kein zivilisiertes Land auf der Welt geben, was sagt, wir lassen es einfach laufen, kommt eben Bergamo. Dann wird es ganz klar zu weiteren Einschränkungen kommen.

Es gibt den Wunsch, keinen Lockdown zu haben. Den teile ich auch, weil ich die Belastungen sehe. Heute haben wir die Gelegenheit diesen Weg noch zu verlassen. Wir müssen jetzt handeln. Deswegen denke ich, sollten wir auch als Bürger alle miteinander alle diese Maßnahmen tragen.

Mehr Informationen dazu heute Abend auch im SACHSENSPIEGEL ab 19 Uhr.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Im Programm | 08. November 2021 | 08:10 Uhr

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