Pädagogenberichte Durchwachsen bis völlig unbefriedigend: Häusliches Lernen aus Lehrersicht

Eltern und Schüler haben schon viel Kritik zum Homeschooling und über die Plattform Lernsax geäußert. Aber wie erleben Lehrerinnen und Lehrer diese Wochen ohne Präsenzunterricht? Die Erfahrungen, die die Pädagogen MDR SACHSEN geschildert haben, sind sehr unterschiedlich.

Mundschutzmaske und Schriftzug KORONA auf einem Tisch in einem leeren Klassenzimmer, im Hintergrund unscharf hochgestellte Stühle und Tafel
Über die richtige Schreibweise des Coronavirus an der Schülerbank müsste nach dem Homeschooling vielleicht noch einmal gesprochen werden. Die Klassenzimmer in Sachsen sind derzeit verwaist. Lehrer berichten, wie sie die Wochen ohne Schüler und direkten Unterricht erleben. Bildrechte: imago images/imagebroker

Biologie- und Chemielehrerin: "Durchwachsene Erfahrungen"

Ihre Erfahrungen mit dem häuslichen Lernen nennt Lehrerin Svea Jordan aus Dresden "durchwachsen". "Ich unterrichte Biologie und Chemie an einer Mittel- und Oberschule, bin aber eigentlich Diplombiologin mit Vertiefung auf Parasiten und Seuchen. Da herkommend, begrüße ich die Lernzeit enorm und finde es aus Seuchenverteilungssicht völlig unverantwortlich, dass nicht spätestens seit den Herbstferien in ein Wechselmodell gegangen wurde."

Für sie bedeute das Modell doppelte Arbeit, weil die Lerngruppen sowohl persönlich als auch online betreut werden müssten. "Das finde ich, ist die Sache aber wert." Tendenziell würden sich ihrer Erfahrung nach viele Schülerinnen, Schüler und Eltern viel Mühe geben. "Einige sehen das häusliche Lernen allerdings als Freibrief zum Entspannen", kritisiert die 33 Jahre alte Lehrerin.

Ich finde es erschreckend, wie viele Kolleg*innen sich immer noch sträuben, neue Unterrichtswege zu gehen und sich auf Neues einzulassen. Man merkt an den Klassen sehr deutlich, wie Klassenlehrer*innen und 'Informatik'-Lehrer*innen vorgearbeitet haben. Wir haben aktuell keine andere Möglichkeit und müssen uns alle bemühen, das Beste daraus zu machen. An dieser Stelle müssen das LaSuB [Landesamt für Schule und Bildung, Anm. d. Red.] und das Kultusministerium endlich tragbare Lösungen liefern und nicht alles auf die Schulen abwälzen.

Svea Jordan Biologie- und Chemielehrerin aus Dresden

Lehrer im Vogtland: Unsicher, ob Wechselunterricht klappt

Lehrer Jens Petters arbeitet mit einer Mischung aus digitalem Unterricht über die Plattform Opal. "Selbstlernaufgaben und Inhalte stelle ich über Ilias ein. Klar, es macht Arbeit, solche Aufgaben zu erstellen. Sie sollen ja auch motivierend sein. Aber das ist schaffbar. Es gibt auch so etwas wie eine Berufsehre. Am Ende jeder Selbstlerneinheit steht ein kleiner Onlinetest - hier müssen die Schüler zeigen, dass sie gründlich gearbeitet haben. Ich bekomme die Ergebnisse zusammengefasst und ausgewertet - was mir extrem Zeit spart." Bei dem Pädagogen in Plauen funktioniere auch die Kommunikation mit Schülern und Eltern "reibungslos". Bei Problemen werde telefoniert oder geschrieben.

Sorge habe ich vor einem möglichen Wechselunterricht. Ich bin unsicher, ob ich jene Schüler, die dann zu Hause sind, auch erreichen kann, weil meine normale Unterrichsverpflichtung ja weiterläuft. Im Moment erreiche ich alle Schüler. Den Freistaat bitte ich sicherzustellen, dass wir Lehrer auch sorglos private Geräte für unsere Arbeit benutzen dürfen, denn das müssen wir.

Jens Petters Lehrer aus Plauen

Grundschullehrerin verlangt Coronaschutz in Schulen

Seit mehr als 40 Jahren arbeitet Sabine Fischer als Lehrerin in einer Grundschule. Sie sagt: "Ich kann diesem Homeschooling nichts abgewinnen. Ich muss meine Schülerinnen und Schüler sehen und ihre Reaktionen im Unterricht spüren. Interaktionen im Unterricht sind doch gerade das was Schule ausmacht."

Ich fühle mich ohne Schüler vor mir einfach schrecklich. Es macht nervlich krank und ist völlig unbefriedigend. Ich wünsche mir ganz sehr Präsenzunterricht mit ordentlichem Coronaschutz. Es müssen konkrete Maßnahmen zum Schutz her und zwar viel bessere als bisher und die Kinder so schnell wie möglich wieder in die Schule.

Sabine Fischer Grundschullehrerin aus Zwickau

Wie sollen Kinder in sozial schwierigen Situationen lernen?

Sie habe sich im ersten Lockdown sehr bemüht, Aufgaben so zu stellen, dass Kinder möglichst ohne Eltern lernen können, sagt Fischer. "Ich bin bei allen ein bis mehrmals vorbei gefahren und habe Aufgaben verteilt, erledigte eingesammelt, mich nach Problemen erkundigt. Ich war jederzeit über Mail oder private Telefonnummer erreichbar für Eltern und Schüler", erzählt die Zwickauerin.

Klingeln an der Haustür
Vor allem Grundschullehrerinnen berichten darüber, dass sie Aufgaben auch direkt bei den Familien zu Hause vorbeibringen. Bildrechte: colourbox

Familien ohne Endgeräte habe sie die Aufgaben jede Woche nach Hause gebracht. "Dabei habe ich Kinder angetroffen, die vormittags gegen 11 Uhr noch im Bett lagen." Vielleicht sollten die Kinder trotz allem in die Schule gehen, die aus sogenannten Problemfamilien kommen, überlegt die 62 Jahre alte Pädagogin und fragt sich: "Wie sollen sie denn lernen, wenn sie keinen Zugang zu Computern haben oder wenig deutsch sprechen?" Das Thema Digitalisierung beschäftigt auch andere Lehrer in Sachsen.

Ich unterrichte Religion in den Klassen 9, 11, 12 und 13. Mir sind Rückmeldung und Kommunikation wichtig. Das klappt bislang recht gut. Deutschland liegt beim Breitbandausbau mindestens 15 Jahre zurück. Ich habe den Eindruck, Schülerinnen und Schüler freuen sich, wenn es strukturiert und begleitet läuft und sie mitbestimmen können. Es erfordert aber mehr Zeitaufwand, was mir mit drei eigenen kleinen Kindern und einer Ärztin als Frau etwas abverlangt.

Rico Drechsler Lehrer in Plauen

Ehemalige Lehrerin sorgt sich um Kinder der Mittelstufe

Kornelia Mittler hat 44 Jahre lang Deutsch, Kunst und Englisch am Gymnasium unterrichtet. Als Pensionärin bietet die Neustädterin Nachhilfe an. "Seit dem Lockdown ist meine Nachhilfe besonders gefragt. Klar kriege ich das alles mit: hilflose, teilweise völlig überforderte Eltern, deprimierte Schüler, die zunehmend lustloser und unmotivierter ihre zu umfangreichen Lernblätter abarbeiten", beschreibt sie ihre Beobachtungen.

Man sollte vor allem die Schüler der Mittelstufe, 5. bis 7. Klassen, im Auge haben, die total 'geschafft' sind, zunehmend ermüden. Ich befürchte Schlimmes.

Kornelia Mittler Pensionierte Gymnasiallehrerin, die Nachhilfe gibt

Den Schülern fehle all das, was eine direkte Bezugsperson beim Lehren vermitteln könne: "Lob, Scherz, Eselsbrücken anwenden, vernetzte Bezüge zu einem anderen Fach finden, bildhaft einen Lernprozess erleichtern oder eine lustige Beispielgeschichte erzählen und somit sporadisch Denkanstöße geben", zählt die Pensionärin auf. Das Tool Lernsax könne all das nicht kompensieren.

Vernetzte Aufgaben statt öde Arbeitsblätter

Die Neustädterin hilft Realschülern und Gymnasiasten der Klassen fünf bis zehn. "Am schlimmsten war/ist, dass zwischendurch auch Tests geschrieben wurden/werden, die entsprechend schlecht ausfielen/ausfallen, was den Schüler noch weniger zum Lernen ermutigen kann", ärgert sich Kornelia Mittler. Bei Lernblättern würde weniger viel mehr bringen, meint sie. "Ich beobachte, dass es sich im Fach Englisch bei den Lernblättern meist um Kopien aus Lehrbüchern handelt, die zu klein, zu dicht kopiert wurden, sodass schon beim ersten Blick darauf Frust statt Lust entsteht."

eine Tafel mit der Aufschrift "Back to school"
Bildrechte: Colourbox

Viel besser fände es die ehemalige Lehrerin, wenn sich zwei verschiedene Fachlehrer einer Klassenstufe hinsetzten und zusammen Aufgaben erarbeiteten, die miteinander vernetzt seien und Neugierde auf Lösungen weckten. "Das setzt beim Lehrer mehr Einfallsreichtum und Zeit voraus, als nur fertige Aufgaben zusammenzukopieren und dem Schüler aufzubrummen. Und das eben leider sehr massiv momentan."

Ein Viertel der Schüler ist super motiviert und sendet die Lösungen ganz schnell zurück. Für Hinweise sind sie dankbar und korrigieren. Der größte Teil der Schüler arbeitet und antwortet. Bei guten Aufgabenstellungen mit eigens erstellten Youtube-Videos sollte der Schüler ohne dauernde, Elternhilfe zurecht kommen. Es bleibt am Gymnasium ein Viertel, das die Aufgaben nicht bearbeitet.

Theodor Richmann Gymnasiallehrer aus Leipzig

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 07.01.2021 | 19:00 Uhr

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