Lernen zu Hause Wie gut sind Sachsens Schulen auf die Schließungen vorbereitet?

Zwischen der ersten Schulschließung im Frühjahr und der bevorstehenden liegen fast neun Monate. In dieser Zeit sollten Schwachstellen, die beim digitalen Schulbetrieb aufgefallen waren, bereinigt werden. Doch offenbar ist das nicht überall passiert – das zeigen Recherchen von MDR SACHSEN. Eltern berichten von besserer Organisation, aber auch von im Stich gelassenen Schulleitungen, fehlenden Endgeräten und sorgenvollen Kindern.

In einem Chemie- Klassenraum einer Schule liegt ein Stueck Kreide, ein Stift und eine Sprühflasche, die mit Desinfektionsmittel gefuellt ist, auf einem Tisch.
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Ab Montag bleiben die Schulen im Freistaat aufgrund der Corona-Pandemie wieder geschlossen. Doch die Weihnachtsferien beginnen nicht einfach früher als sonst, die Schüler sollen zu Hause lernen. Das war schon im März der Fall, als die Schulen das erste Mal dicht machen mussten.

"Besser als beim ersten Mal"

Auch diesmal sind Claudia Cremers Kinder von den Schulschließungen betroffen. Ihre Tochter Franziska geht in die 10. Klasse, Sohn Aaron macht in diesem Jahr sein Abitur. "Wir haben den Eindruck, dass es diesmal wenigstens ein bisschen geplanter ist als beim ersten Lockdown. Die ersten Aufgaben stehen schon im Lernsax bereit. Mein Sohn muss trotzdem schlucken. Er macht sich ein bisschen Sorgen, dass es schwierig wird, sich einige Themen, die für die Prüfungen relevant sind, selbst anzueignen." Die Lehrer hätten aber bereits versichert, dass bis zum 10. Januar kein neuer Stoff angefangen werde soll. Es gehe ausschließlich um Vertiefungen. Auch seien mehrere Videokonferenzen mit den Schülern geplant.

Leere Stühle in einem Klassenraum mit stilisierter Person an einem Schreibtisch und Corona-Virus. Dazu der Schriftzug "Schule im Stresstest" 13 min
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Die Corona-Krise zeigt, dass es im digitalen Bildungsalltag noch nicht so läuft, wie sich Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrende das wünschen. Woran liegt das und wie weit sind unsere Schulen?

Di 28.04.2020 10:35Uhr 13:21 min

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Bammel vor dem Selbststudium

Davon ist bei Leon Döring nicht die Rede. Der Oberschüler aus Dresden macht in diesem Schuljahr seinen Abschluss. "Ich mache in diesem Jahr meinen Abschluss an der Sportoberschule. Wir kriegen auch unsere Aufgaben über Lernsax. Aber das sind nicht nur Wiederholungen, es ist auch neuer Stoff dabei. Und ich habe schon Bammel davor, mir das selbst beibringen zu müssen."

Für Rückfragen stünden Lehrer per Mail zur Verfügung, Unterricht per Video oder mehr Unterstützung sei erst mal nicht geplant. "Immerhin wurden schon einige Themenfelder für die Abschlussprüfung ausgeschlossen, das hilft," erzählt der Zehntklässler. Doch er sei sich fast sicher, dass die erneuten Schulschließungen und der Wegfall des Unterrichts negative Folgen für die Prüfungen mit sich bringen werden.

Lernstoff nicht mehr zu schaffen?

Auch für Claudia Cremers Tochter Franziska in Leipzig stehen in der 10. Klasse wichtige Prüfungen an. Am Gymnasium muss sie die sogenannte Besondere Leistungsfeststellung (BLF) absolvieren. Das Ergebnis fließt mit dem Gewicht einer doppelten Klassenarbeitsnote in die endgültige Zeugnisnote ein. "Aber schon jetzt ist klar, dass sie den notwendigen Stoff einfach nicht schaffen", erzählt Cremer. Das habe die Klassenlehrerin schon durchblicken lassen. Man mache jetzt das Beste aus der Situation. Und immerhin scheint die Schule besser gewappnet als im Frühjahr: "Wir haben einen Elternbrief vom Schumann-Gymnasium bekommen. Da heißt es, dass sich Schüler, die noch ein Endgerät brauchen, im Sekretariat melden sollen - die Beschaffung hat also anscheinend funktioniert."

Elternbrief wirkt wie ein Hilferuf

Ganz anders ist das an einem Gymnasium im Landkreis Meißen. Hier heißt es von der Schulleitung in einer entsprechenden Mitteilung an die Eltern: "Wahrscheinlich wird das System 'Lernsax' oftmals überlastet sein, darauf haben wir leider keinen Einfluss. Auch wurden wir durch den Schulträger nicht mit zusätzlichen Laptops wie angekündigt versorgt." Die Mutter einer Schülerin äußert sich verärgert: "Ich finde es krass, wie die Schulleitung da anscheinend allein gelassen wird. Und wie soll das mit den Abschlussklassen funktionieren? Es gibt keine Informationen dazu und es wirkt auch nicht so, als wären wir jetzt so viel besser vorbereitet als beim ersten Lockdown."

Ich versorge Sie so gut es geht mit Informationen. Gern können Sie mir auch schreiben. Versuchen wir alle miteinander die Ruhe zu bewahren in diesen doch schweren Zeiten.

Aus einem Elternbrief

Jüngere Lehrer schulen ältere

Dass es so nicht laufen muss, zeigt ein wenige Kilometer entferntes Beispiel in Dresden. Berufsschullehrer Thomas Klose berichtet, dass sich an seiner Schule etwas getan hat: "Wir haben nach den ersten Schulschließungen eine Dienstanweisung erhalten, dass sich alle Lehrer zum Programm Lernsax weiterbilden müssen - für den Ernstfall. Die jüngeren Lehrer haben das in die Hand genommen und die älteren geschult. Und auch die Schüler wurden alle eingewiesen." Die eingestellten Aufgaben könnten meist einfach mit dem Handy erledigt werden. Wer gar kein Endgerät besitze, habe die Möglichkeit, einen der Schullaptops auszuleihen. Seit Donnerstag gebe es eine zusätzliche Dienstanweisung - nun hätten Berufsschüler auch mehr Kontaktmöglichkeiten zu ihren Lehrern als beim letzten Mal.

7 Kommentare

Kritische vor 43 Wochen

Ein Witz ist auch, dass ja nun viele Eltern gezwungen sind, die Kinder in die Notbetreuung oder zu den Großeltern, vielleicht noch gemeinsam mit der Cousine, zu geben. Kontakte quer Beet, statt den gewohnten festen Klassen. In der Klasse der Tochter sind derzeit alle gesund und stofflich sind die Kinder endlich wieder voll drin gewesen. Die Kinder sind die Sündenböcke der Nation. Einen Dank gibt es nicht.

Kritische vor 43 Wochen

Kitas und Schulen zu schließen bringt unendlich viel Stress über Kinder und Familien. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Es ist bis heute nicht bewiesen, dass Schulschließungen signifikant helfen. Die vorhandenen Studien räumen ein, dass zeitgleich andere Maßnahmen gegriffen haben und man deshalb nicht sagen kann, ob und in welchem Ausmaß die Schließungen etwas bringen. Von außen sieht das ganz einfach aus: Da bleiben die Kinder halt mal zu Hause und malen und basteln, Schulstoff gibt es über das Internet. Aber Kinder sind nicht nur Geist, sie sind auch Körper. Sie brauchen Bewegung, andere Kinder und einen geregelten Tagesablauf. Wenn Eltern arbeiten müssen, ob nun außer Haus oder im Homeoffice, andere Kinder nicht vorhanden sind oder sich viele Geschwister in engen Wohnungen auf den Keks gehen, wird es schnell sehr nervig und anstrengend für alle. Am anstrengendsten ist die Aussichtslosigkeit, man ahnt doch jetzt schon, dass die Schulen am 10. Januar nicht wieder öffnen.

lehrvater vor 43 Wochen

Die Digitalisierung an unserer Schule ist mitnichten besser geworden. 2 PC für 15 Lehrer, der Verweis darauf, dass eigene Geräte ja auch verwendet werden sollten, denn es sei nicht zu hoffen, dass die irgendwann einmal vielleicht zur Verfügung gestellten Geräte für Lehrer von ausreichender Qualität sein werden und immer noch Schüler die zu Hause weder PC noch Drucker haben. Privates Internetvolumen ist schnell verbraucht und die Internetverbindung ist selten stabil. Videokonferenz Fehlanzeige. Die Menge an Aufgaben kaum zu bewältigen.
Lehrpläne und Prüfungsanforderungen müssen endlich überarbeitet werden.
Auch Lehrer im Homeoffice haben zu betreuende Kinder zu Hause. Urlaub außerhalb der Ferien gibt es nicht.
Lehrergesundheit spielt bei allen Forderungen nach häuslicher Lernzeit keine Rolle.
Aus dem „Wissen des Kultusministeriums um die hohe Belastung für Lehrpersonal...“ scheint es keine Schlussfolgerung zu geben.
Wer denkt an Azubis die arbeiten und auch Aufgaben abgeben müssen?

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