Long-Covid bei Jugendlichen Tim aus Thüringen kämpft sich in Kreischa zurück ins Leben

Bis Anfang Oktober haben sich in Deutschland 4,2 Millionen Menschen mit Covid-19 angesteckt, darunter weit über 700.000 Kinder und Jugendliche. Von Ihnen waren mehr als 1.800 in stationärer Behandlung. Experten gehen davon aus, dass mindestens 7.463 Kinder und Jugendliche an den Spätfolgen von Covid-19 leiden. Einer von ihnen ist Tim aus Thüringen. Im sächsischen Kreischa kämpft sich der der 18-Jährige zurück ins Leben.

Ein junger Mann läuft auf einem Laufband, seine Hände umfassen eine Stange vor ihm. Neben ihm steht eine Frau mit Mundschutzmaske.
In der Kinder- und Jugendklinik Kreischa erholt sich Tim von den Folgen einer Corona-Erkrankung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es war Mitte Januar, als sich Tim krank fühlte - Husten, Schnupfen, Gliederschmerzen. Eine Woche später wurde er in der Uniklinik Jena ans Beatmungsgerät angeschlossen. Der 18-Jährige erschrak und wurde panisch: "Da war auf einmal ein Schlauch in meinem Mund, ich konnte nicht reden, nicht schlucken", sagt er und erinnert sich: "Überall waren Kabel an mir dran, ich konnte mich nicht bewegen. Nicht ein bisschen."

Tim hatte eine schleichende Lungenentzündung. Zweimal war er dem Tod sehr nah. Die Ärzte an der Uniklinik Jena kämpften um das Leben des bis dahin kerngesunden Lehrlings. Franziska Markert, seine Mutter, denkt immer noch mit Schrecken an diese Zeit zurück. Tim konnte gerade noch – im letzten Moment – eine Patientenverfügung unterschreiben. "Und dann kriege ich nachts den Anruf, dass er vielleicht die Nacht nicht überlebt," sagt sie und dass die Mediziner, wenn die Operation nicht gelingt, ihm eine neue Lunge verpassen müssen.

Ein junger Mann trägt einen Futtereimer in beiden Händen und ist dabei, diesen vor einer Kuh in einem Stall auszukippen.
Vor seiner Erkrankung hat Tim eine Ausbildung zum Rinderwirt im thüringischen Langenwetzendorf begonnen. Im September kehrte er erstmals nach mehr als einem halben Jahr zurück. Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann

Während des Lockdowns im Krankenhaus

Bei Tim sei der Verlauf der Erkrankung schon heftig gewesen, meint Dirk Heinicke, Chefarzt in der Kinder- und Jugendklinik Bavaria in Kreischa-Zscheckwitz. Er berichtet: "Die Ärzte in Jena haben alles für den Jungen getan. Doch dann gab es Komplikationen. Nicht nur die Lunge kollabierte, auch andere Organe, so das erst die Leberfunktion versagte, dann die Nierenfunktion." Das Tim jetzt im Juli 2021 hier in der Long-Covid-Station-in Kreischa sei, das käme schon einem kleinen Wunder gleich.

Ein Mann in Arztkleidung. Im Hintergrund ist ein Bildschirm zu sehen.
Dr. Dirk Heinicke ist Chefarzt in der Kinder- und Jugendklinik Kreischa. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von Januar bis Juli war Tim im Krankenhaus, erst in der Uniklinik in Jena, dann zur medizinischen Rehabilitation in Kreischa. Mitten im zweiten Lockdown, mit allen Kontaktbeschränkungen. In dieser Zeit verpasste er nicht nur seine Lehre und den Umzug der Familie, sondern auch die Geburt seiner Schwester. Er sah sie zum ersten Mal, als er nach fast sechs Monaten wieder nach Hause durfte. Mühsam erobert er sich seitdem sein altes Leben zurück.

Tim klagt nicht, muss aber dennoch feststellen:

Ein junger Mann mit leichtem Bartwuchs
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist schon schwer. Das merke ich schon. Einkaufen, Treppensteigen, das ist schon eine Herausforderung. Aber da muss ich durch. Ich will ja weiterleben.

Tim Long-Covid-Patient

Chefarzt: Kein Verständnis für Menschen, die Impfung ablehnen

Vielen der jungen Patienten in Kreischa geht es so wie Tim. Hätte eine rechtzeitige Corona-Impfung solche schweren Verläufe mildern oder gar verhindern können? Dr. Heinicke sagt: "Ja, das hätte sie. Ich habe kein Verständnis mehr für Menschen, die Impfungen ablehnen." Sein Kollege in Jena, der Kinderkardiologe Daniel Vilser, pflichtet ihm bei: "Ich denke schon, dass die Impfung auch vor Long-Covid schützt. Ich halte Erwachsene, die das anzweifeln, inzwischen für dumm. Sie gefährden damit auch das Leben derer, die noch nicht geimpft werden können."

Ein junger Mann läuft auf einem Laufband, seine Hände umfassen eine Stange vor ihm. Neben ihm steht eine Frau mit Mundschutzmaske.
Täglich versucht Tim, die Leistungsfähigkeits seines Körpers zu steigern und zurück zu alter Form zu finden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Denn trotz voranschreitender Impfungen infizieren sich hierzulande immer mehr Jüngere. Auch weil - so beide Ärzte - die Ständige Impfkommission keine generelle Impf-Empfehlung für Kinder ausgesprochen habe. Außerdem seien wegen niedriger Inzidenzen viele Corona-Schutzmaßnahmen gestrichen worden.

Langsame Rückkehr nach mehr als sechs Monaten

Anfang September besuchte Tim das erste Mal wieder seinen Ausbildungsbetrieb im thüringischen Langenwetzendorf. Im Januar hatte er das letzte Mal seine Kollegen gesehen. Tim möchte Rinderwirt werden. Jörg Wetzel, der Chef, erzählt, er sei der beste Lehrling, den die Agrargenossenschaft seit langem wieder ausbilde. Er sagt klar und deutlich: "Tim bekommt bei uns alle Freiheiten, dass er den Wiedereinstieg schafft. Es ist unser größter Wunsch, dass Tim die Ausbildung schafft."

Zwei Männer und eine Frau stehen in einem Kuhstall. Die Frau trägt einen Futtereimer.
Seine Ausbildung will Tim fortsetzen, sobald er gesundheitlich wieder dazu in der Lage ist. Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann

Tim ist einer der 7.463 Kinder und Jugendlichen, die von Long-Covid betroffen sind. Er hat noch einen langen Weg vor sich, bis er wieder ist, der er vor der Krankheit war.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt die Story | 20. Oktober 2021 | 20:45 Uhr

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