Corona-Pandemie Landesärztekammer fordert Impfpflicht - Klinikchef für Lockdown

Freiwilliger Lockdown, Impfpflicht, Katastrophenalarm: Sachsens Landesärztekammer und der Leipziger Klinikchef Christoph Josten fordern angesichts des außer Kontrolle geratenen Infektionsgeschehens schnelle Einschnitte, um der Lage wieder Herr werden zu können.

Das Team eines Intensivtransportwagens fährt auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg einen Covid-19-Patienten, der aus einem anderen Krankenhaus verlegt wurde, auf einer Intensivtrage.
Die Intensivstationen an sächsischen Krankenhäuser kommen an ihre Belastungsgrenzen. 26 von 71 Kliniken nehmen keine Intensivpatienten mehr auf. Bildrechte: dpa

Der Medizinische Vorstand des Uniklinikums Leipzig, Christoph Josten, hat die Bevölkerung in Sachsen zu einem freiwilligen Lockdown aufgerufen. "Es hilft weiterhin, die sozialen Kontakte auf das familiär Notwendige zu beschränken, Abstand zu halten, Maske zu tragen und - ganz wichtig - sich impfen zu lassen, durch Grundimmunisierung oder Boosterung", sagte Josten im Interview der "Leipziger Volkszeitung".

Josten hatte schon Anfang November vor einer "Tsunami-Welle" an Infektionen gewarnt. Inzwischen liegt die täglich in Sachsen gemeldete Zahl an Neuinfektionen bei mehr als 6.000. Aufgrund der hohen Belastung musste das Uniklinikum Leipzig inzwischen Operationen verschieben und Ambulanz-Sprechstunden ausfallen lassen.

Mehrheit der Leipziger Intensivpatienten ungeimpft

Laut Josten sind auf seiner Intensivstation 75 Prozent der Patientinnen und Patienten ungeimpft, auf der Normalstation 65 Prozent geimpft. Die meisten Geimpften, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, haben Josten zufolge eine schwere Begleit- oder andere Grunderkrankung. Auch die relativ hohe Anzahl an Geimpften auf der Normalstation habe andere "erhebliche Erkrankungen". Die Menschen seien zwar positiv getestet, aber nicht an Covid erkrankt - "und liegen nicht wegen Corona bei uns im Klinikum", so Josten. Sie zählen aber für die Statistik.

Die Impfung bleibe dennoch der beste Schutz. "Wer doch erkrankt, hat einen deutlich milderen Verlauf. Und die Ansteckungsgefahr für andere wird erheblich reduziert", so Josten.

Leipzigs Oberbürgermeister: "Lage wirklich dramatisch"

Auch Leipzig Oberbürgermeister Burkhard Jung zeigte sich angesichts der aktuellen Lage besorgt. "Leider sind wir aber auf einem sehr schlechten Weg", schrieb Jung auf seinem Facebook-Account. Ersmals seit langem habe er wieder den Krisenstab der Stadt Leipzig einberufen müssen. Die Signale aus den Krankenhäusern seien zudem "alles andere als positiv".

Bitte lassen Sie sich, lasst Euch impfen oder boostern! [...] Die Lage ist wirklich dramatisch. Wir alle - ja auch ich - haben gehörig die Nase voll. Ja auch mir reicht es mit Covid-19. Viel lieber würde ich meine Zeit für Zukunftsprojekte unserer Stadt nutzen, anstatt Krisenstäbe zu leiten. Aber das ist dem Virus egal! Nur wir alle gemeinsam und jeder für sich können etwas an der sehr ernsten Situation ändern.

Burkhard Jung Oberbürgermeister Leipzig

26 von 71 Kliniken nehmen keine Intensivpatienten mehr auf

Laut einem Bericht der "Sächsischen Zeitung" sind 85 bis 90 Prozent der Corona-Patienten auf Intensivstationen sächsischer Krankenhäuser ungeimpft. Die jüngsten Erkrankten seien zwischen 30 und 40 Jahre alt, die ältesten jenseits der 80-Jahre-Schwelle. Zudem gaben 26 von 71 Kliniken an, keine Intensivpatienten mehr aufnehmen zu können. Auf den Normalstationen sind dem Bericht zufolge etwa 70 Prozent der Patienten ungeimpft.

Landesärztekammer fordert Impfpflicht und Katastrophenalarm

Mittwochabend forderte die Sächsische Landesärztekammer eine allgemeine Impfpflicht für alle Personen ab 16 Jahre ein. Denn mit den zugelassenen Impfstoffen gäbe es ein zuverlässiges Mittel, die Pandemie zu beherrschen, hieß es in der Begründung. Zudem sei die Ausrufung der Katastrophenlage auf Grund der aktuellen flächendeckenden pandemischen Lage im Freistaat "unverzüglich festzustellen". Der anschließende Maßnahmenplan müsse nach Ausrufen des Katastrophenalarms zusammen mit der Landesärztekammer festgelegt werden.

Ethikrat empfiehlt Prüfung von berufsbezogener Impfpflicht

Der Deutsche Ethikrat hat eine zügige Prüfung einer berufsbezogenen Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegebereich empfohlen. Arbeitnehmer, die "schwer oder chronisch kranke sowie hochbetagte Menschen beruflich versorgen, wie ärztliches und pflegendes Personal, aber auch Mitarbeitende des Sozialdienstes, der Alltagsbegleitung oder der Hauswirtschaft, tragen eine besondere Verantwortung dafür, die ihnen Anvertrauten nicht zu schädigen", heißt es zur Begründung in Mitteilung des Ethikrats. Gleiches gelte für Institutionen und Einrichtungen, die dafür verantwortlich sind, die dort versorgten Menschen keinen vermeidbaren gesundheitlichen Gefahren auszusetzen.

Der Ethikrat empfiehlt zudem eine "hinreichend differenzierte gesetzliche Regelung für eine berufsbezogene Impfpflicht" unverzüglich zu prüfen und gegebenenfalls deren Umsetzung vorzubereiten.

Alena Buyx
Noch im Juli dieses Jahres hielt die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx, eine Corona-Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen in Deutschland für unnötig - nun hat der Rat eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen. Bildrechte: imago images/Reiner Zensen

Allerdings bleibe die auf Freiwilligkeit beruhende Impfstrategie laut Ethikrat unverändert wichtig. Es sollte weiter versucht werden, möglichst viele Menschen von der Notwendigkeit der Impfung zu überzeugen. Außerdem müsse eine weiter ausgebaute Teststrategie die Impfstrategie ergänzen.

Medizinrechtler hält Impfpflicht für verfassungskonform

Anfang der Woche sagte der Medizinrechtler Josef Franz Lindner in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk, er halte ein Corona-Impfpflicht verfassungsrechtlich möglicherweise nicht nur für zulässig, sondern auch für geboten. Der Professor für öffentliches Recht an der Universität Augsburg begründete seine Haltung folgendermaßen:

Der Staat hat eine Schutzpflicht, jedem ein Intensivbett zur Verfügung zu stellen, der eines braucht. Wenn das nicht mehr gewährleistet ist, ist das Interesse dessen, sich nicht impfen lassen zu wollen, nachrangig. Die Schutzpflicht des Staates geht vor und er kann eine Impflicht einführen.

Josef Franz Lindner Medizinrechtler im BR-Interview

Quelle: MDR/mar/sw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Sachsenspiegel | 11. November 2021 | 19:00 Uhr

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