22.07.2020 | 16:05 Uhr Mehr Sachsen wollen sich von Maskenpflicht befreien lassen

Alltagsmaske mal wieder vergessen, Brille beschlagen oder ein unangenehmes Tragegefühl? Die Maskenpflicht hat einige negative Begleiterscheinungen. Immer mehr Menschen wollen deshalb anscheinend ein Attest vom Arzt - auch wenn eine Befreiung aus medizinischer Sicht nicht notwendig ist. Die Landesärztekammer in Sachsen warnt nun Ärzte, vorschnell ein unnötiges Attest auszustellen.

Ein Mund- und Nasenschutzmaske liegt auf dem Gehweg
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Immer öfter wollen sich Patienten in Sachsen von der Maskenpflicht befreien lassen. Das hat die Sächsische Landesärztekammer mitgeteilt. Ihr Präsident, Erik Bodendieck, sagte MDR SACHSEN: "Das ist nicht nur in meiner Praxis so, ich bekomme auch von Kolleginnen und Kollegen gespiegelt, dass der Wunsch nach einem Attest bzw. einer Befreiung größer wird in der Patientenschaft."

Bodendieck: "Die Gefahr ist nicht weg"

Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer
Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer Bildrechte: Slaek

Allerdings warnt der Allgemeinmediziner aus Wurzen vor einem zu lockeren Umgang mit dem Tragen der Mund-Nasen-Bedeckungen: "Am Anfang wurde nur relativ widerwillig die Maske getragen. Die jetzige Gesamtgemengelage, also geringe Infektionszahlen, Sommer, Dauer der Pflicht, führt dazu, dass immer mehr Menschen sich von dieser Pflicht befreien lassen wollen. Das ist auf der einen Seite ein normales Geschehen, auf der anderen Seite müssen wir uns immer wieder erinnern, warum die Maskenpflicht besteht. Und wenn wir mal um uns herum gucken, dann ist die Gefahr nicht weg."

Befreiung nur in Ausnahmefällen

Grundsätzlich ist eine Befreiung von der Maskenpflicht möglich, erklärt Bodendieck. Allerdings sei sie nur in Ausnahmefällen zulässig: "Natürlich gibt es auch Menschen, die aufgrund von schwerer Erkrankung von einer solchen Maskenpflicht befreit werden sollten, wenn es zu einer Verschlechterung des Zustandes kommt." Wer beispielsweise ein schweres Herzleiden habe oder an einer Lungenerkrankung wie Asthma oder chronischer Bronchitis leide, könne sich befreien lassen. Gleiches gelte für Menschen mit einer schweren Angststörung, die das Gefühl der Enge nicht ertragen könnten.

In wenigen Fällen ist das Ausstellen eines Attestes gerechtfertigt, das glaube ich schon – aber nicht das flächendeckende Ausstellen.

Erik Bodendieck Präsident der Sächsischen Landesärztekammer

Ein Mädchen nutzt einen Inhalator.
Patienten mit schweren Atemwegserkrankungen wie Asthma können sich von der Maskenpflicht befreien lassen. Bildrechte: imago images / Science Photo Library

Initiativen fordern großzügige Befreiung

Die Initiative "Ärzte für Aufklärung" plädiert hingegen für eine "großzügige Befreiung von der Maskenpflicht", wie es auf ihrem Internetauftritt heißt. Die Initiative "Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie e.V." wird noch deutlicher: "Wir Ärzte der MWGFD halten die Maskenpflicht für völlig sinnlos. Viele Menschen haben gewaltige gesundheitliche Probleme mit der Gesichtsmaske."

Wer steckt hinter den Initiativen? Der Internetauftritt "Ärzte für Aufklärung" wird von vier Medizinern aus Hamburg betrieben. Sie veröffentlichen kritische Stellungnahmen von Kollegen zur Corona-Pandemie. Themen sind beispielsweise Impfungen, das Tragen von Alltagsmasken oder die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit.

Die Initiative "Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie, e.V." (MWGFD) beschreibt sich selbst als Zusammenschluss von Medizinern und Angehörigen unterschiedlicher Heil- und Pflegeberufe, die sich mit den Themen Gesundheit, Freiheit und Demokratie beschäftigen. "Wir haben uns in unserer Kritik an den überzogenen Eindämmungsmaßnahmen gegen COVID-19 zusammengefunden", heißt es auf ihrer Website.

Große Einschränkungen auch für gesunde Menschen?

Immer wieder klagen Menschen ohne schwerwiegende Erkrankungen über Schwierigkeiten beim Luftholen oder vermehrtes Husten mit der Maske. Das zeigen auch Nutzer-Kommentare und Zuschriften bei MDR SACHSEN. Einige Menschen verwehren sich aus persönlichen Gründen gegen das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung - sie lehnen den sogenannten "Maskenzwang" generell ab.

Initiative gegen Alltagsmasken: Netzwerk von Ärzten soll entstehen

Die Ärzte der Initiative MWGFD kritisieren in diesem Zusammenhang: "Es gibt leider noch viel zu wenige Ärzte, die bereit sind, ein Maskenbefreiungsattest auszustellen." Die Initiative versucht nach eigenen Angaben, seit Anfang Juli ein deutschlandweites Netz von Arztpraxen aufzubauen, die grundsätzlich bereit sind, derartige Atteste im Beschwerdefall auszustellen.

Ärzte könnten sich strafbar machen

Eine Patientin schaut fragend einen Arzt an, der ihr gerade einen Befund übergibt.
Immer mehr Patienten fragen ihre behandelnden Ärzte nach einem Befreiungsattest. Zu diesem Schluss kommt die Sächsische Landesärztekammer. Bildrechte: IMAGO

Bodendieck von der Landesärztekammer warnt seine Kollegen vor diesem Vorgehen: "Wir Ärzte sind dafür zuständig, Krankheiten zu diagnostizieren und die entsprechenden Maßnahmen einzuleiten. Es gibt die Berufsordnung für Ärzte, die ist in Paragraph 25 in allen Bundesländern gleich: das richtige Feststellen der Situation und nicht die Attestierung unrichtiger Gesundheitszustände. Damit wäre schon ein Verstoß gegen die Berufsordnung ahnbar."

Außerdem könnte sich ein Arzt strafbar machen, wenn er ein unrichtiges Gesundheitszeugnis ausstellen würde, meint Bodendieck: "Es gibt Grundsätze, von denen der Arzt nicht abweichen darf. Es ist eine Pflicht zum Schutz der Bevölkerung. Wenn ich helfe, gegen diese Pflicht zu verstoßen, dann mache ich mich strafbar. Die Pflicht ist gesetzlich fixiert."

Streit über Sinn und Unsinn von Alltagsmasken

Dass die Maskenpflicht in Teilen der Bevölkerung nicht als wirksame Maßnahme akzeptiert und deshalb als nicht notwendig erachtet wird, hat vermutlich mehrere Gründe. Zum einen streiten selbst Experten über die Sinnhaftigkeit der Mund-Nasen-Bedeckung. Zum zweiten hatten das Robert Koch-Institut noch zu Beginn der Corona-Pandemie die Wirksamkeit angezweifelt. Mittlerweile kommen die Experten hier aber zum gegenteiligen Schluss.

Schutzmaske mit Etikett und Aufschrift RKI
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Das RKI empfiehlt... ... ein generelles Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung (MNB) in bestimmten Situationen im öffentlichen Raum als einen weiteren Baustein, um Risikogruppen zu schützen und den Infektionsdruck und damit die Ausbreitungsgeschwindigkeit von COVID-19 in der Bevölkerung zu reduzieren. Diese Empfehlung beruht auf einer Neubewertung aufgrund der zunehmenden Evidenz, dass ein hoher Anteil von Übertragungen unbemerkt erfolgt, und zwar bereits vor dem Auftreten von Krankheitssymptomen.

Quelle: Robert Koch-Institut

Quelle: MDR/kp

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