Online-Bürgerforum Kretschmer: Keine umfassenden Lockerungen in Sachsen

Ministerpräsident Michael Kretschmer hat Hoffnungen auf schnelle und umfassende Lockerungen der Corona-Beschränkungen in Sachsen gedämpft. Man bewege sich auf dünnem Eis, sagte der CDU-Politiker bei einer Online-Fragestunde mit mehreren hundert zugeschalteten Bürgern und Vertretern aus Kultur, Tourismus, Pflege, Schule, Sport, Wirtschaft und Wissenschaft. Kretschmer hatte zu der dreistündigen Diskussionsrunde eingeladen, um vor den Bund-Länder-Gesprächen am Mittwoch über mögliche Wege aus dem Lockdown öffentlich zu diskutieren. Zugeschaltet waren auch die Kabinettsmitglieder.

Vorsichtige Lockerungen

Immer wieder verlangten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussionsrunde klare Aussagen und belastbare Aussagen, eine Perspektive für die kommenden Wochen und Monate ein. Sachsen habe erlebt was passiert, wenn das Virus sich zu stark ausbreite, sagte Kretschmer. Hinter einer hohen Inzidenzrate stehe unendliches Leid.

Der Regierungschef kündigte schrittweise, vorsichtige Lockerungen an und begründete das unter anderem auch mit den Virus-Mutationen. Man müsse drei Wochen Geduld haben und schauen, wie sich die Lockerungsmaßnahmen auswirkten: Steigen die Infektionszahlen, müssten Lockerungen auch wieder zurückgenommen werden, so der Ministerpräsident. 

Die ganze Debatte zum Nachverfolgen

Wissenschaftler warnen vor Mutationen

Die Wissenschaftler in der Runde pflichteten Kretschmer bei. Zugeschaltet war auch Prof. Christoph Lübbert vom Klinikum Sankt Georg in Leipzig. Der Infektiologe verwies auf die große Gefahr durch Virus-Mutationen. Die Impfstoffe wirken nicht mehr so gut und es gebe auch keine wirklich guten Medikamente, sagte Lübbert. Er warnte vor dem extremen Ausbreitungspotenzial der Mutationen. So sei eine junge Frau, Anfang 20, in die Notaufnahme gekommen, weil sie eine Durchblutungsstörung am Auge hatte, sich aber eigentlich gut fühlte.

Dr. Christoph Lübbert, Gastroenterologe an der Uniklinik Leipzig
Der Virologe und Chefarzt Christoph Lübbert. Bildrechte: Uniklinik Leipzig

Eher zufällig ist sie in das Testprogramm gekommen, obwohl sie ambulant behandelt wurde. Und da kam raus, sie hat diese südafrikanische Virusvariante in sich und war gar nicht in Südafrika, auch in ihrem Bekanntenkreis niemand. Auch unter den Bedingungen des sächsischen Lockdowns hat sie eine Infektionskette von zehn Erkrankten erzeugt - bis nach Halle an der Saale und bis Mittelsachsen.

Christoph Lübbert Chefarzt der Klinik für Infektiologie, Klinikum St. Georg in Leipzig

Die junge Frau habe keines der klassischen Corona-Symptome gehabt, so Lübbert. Was kurzfristig helfe, sei Prävention. Die Langfriststrategie sei das Impfen.

Große Themen-Vielfalt

Die Themen waren extrem breit gefächert. Es ging um das schleppende Impfen, aber auch um die Öffnung von Kitas und Schulen, die Probleme mit dem Homeschooling. Es wurden Fragen zur Teststrategie gestellt, beispielsweise warum Erzieher nicht genauso häufig getestet werden wie Lehrer. Auch die Situation des Einzelhandels wurde thematisiert. Vor allem in den Kleinstädten stünden viele Geschäfte vor dem Ruin, sagte eine Vertreterin des Handelsverbands und forderte einen Unternehmerlohn. Es sei noch kein Geld geflossen jenseits der Erstattung von Fixkosten. Und von irgendetwas müssten die Geschäftsinhaber schließlich leben. 

Er wolle, dass die Fixkosten gemeinsam mit dem "kleinen Unternehmerlohn", der jetzt vorgesehen sei, möglichst zügig ausgezahlt werde, verlangte Ministerpräsident Kretschmer.

Kritik: Nur Teil der Bevölkerung muss Lockdown ausbaden

Ein Hotelier beklagte, dass einzelne Teile der Bevölkerung den Lockdown ausbaden müssten und nicht die breite Masse. Der Vorschlag, 14 Tage lang alles zu schließen, das öffentliche Leben komplett herunterzufahren, sei gescheitert, meinte der Unternehmer enttäuscht. Er verstehe den Unmut, antwortete Kretschmer, sprach aber von einem Gedankenexperiment. Denn in diesem Fall sei die deutsche Wirtschaft am Ende (weil vieles zusammengebrochen sei). Die Mehrheit der Teilnehmer einte am Ende ihre Forderung nach Planbarkeit.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.02.2021 |22:00 Uhr in den Nachrichten

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