Corona und Schule Frust bei Lehrkräften und Eltern über Wechselunterricht in Sachsen

Cornelia Herrmann unterrichtet Schüler.
Lernen in Corona-Zeiten: Der Großteil der Kinder und Jugendlichen in Sachsen lernt gerade zu Hause. Der Rest darf zumindest ab und zu in die Schule. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Seit Montag sind in Sachsen die meisten Schulen geschlossen - nur für wenige Regionen und Schülerinnen sowie Schüler gibt es Ausnahmen. In Dresden, Leipzig und dem Landkreis Leipzig dürfen die Kinder aufgrund vergleichsweise geringer Inzidenzwerte im Wechselunterricht in die Schule. Sachsenweit gilt das auch für Abschlussjahrgänge und die Schülerinnen und Schüler der vierten Klassen an Grundschulen.

Doch die Regelung, Wechselunterricht anbieten zu müssen, bringt scheinbar mehr Probleme als Nutzen. Das zeigen zumindest Gespräche mit dem Sächsischen Lehrerverband (SLV), dem Sächsischen Elternrat und Eltern, deren Kinder betroffen sind.

Vormittags getrennt, am Nachmittag zusammen

Carolin Rose aus Dresden hat eine Tochter. Das Mädchen geht in die zweite Klasse und hatte in der zurückliegenden Woche Präsenzunterricht. Als Mutter hat Carolin Rose allerdings kein wirklich gutes Gefühl beim aktuellen Modell: "Mein Kind lernt vormittags im Schulgebäude, dann sind die Kinder der anderen Gruppe zu Hause und lernen dort. Ab dem Mittag werden aber alle Kinder im Hort betreut und treffen sich dort wieder. Dann brauche ich die Kinder doch am Vormittag nicht trennen."

Personal und Räume fehlen

Das Problem kennt auch Katlen Worotnik, Grundschullehrerin im erzgebirgischen Blumenau, aus den Schilderungen ihrer Kolleginnen und Kollegen in den Großstädten. Die Vorsitzende des Fachverbands Grundschulen des SLV sagt: "Das ist der Sache geschuldet, dass das Personal fehlt, aber auch die räumlichen Bedingungen nicht da sind, um die Gruppen getrennt zu betreuen. Das ist das große Problem." Fehlende Horterzieherinnen und -erzieher fielen jetzt besonders ins Gewicht, meint sie: "Manche sind krank, andere in Quarantäne. Das alles macht die Betreuung im Hort nicht sicherer."

Elternrat: Politik muss über den Tellerrand schauen

Nadine Eichhorn, stellvertretende Vorsitzende des Elternrats Sachsen, fordert deshalb von der Politik den Blick über den Tellerrand zu heben. Man müsse auch außerhalb der Schulen und Kitas schauen, wo man relativ kurzfristig Personal und geeignete Räume herbekommen kann: "Es gibt so viele Einrichtungen, die geschlossen sind. Zum Beispiel Museen und Tagungsstätten - das wäre dann eher etwas für ältere Kinder." Das Modell müsse flexibler und die Kostenfrage hintangestellt werden. So könne auch Wechselunterricht funktionieren.

"In der Notbetreuung am Vormittag hat man es vereinzelt geschafft, Personal aus Ganztagsangeboten einzubinden", erklärt Katlen Worotnik. "Doch dass das auch im Hort vorgekommen ist, ist mir das nicht bekannt." Der Lehrerverband hatte schon vor einigen Monaten den Wechselunterricht in Sachsen gefordert. Doch inzwischen verbreitet sich auch hier die Erkenntnis, dass das derzeitige Modell vor allem an der Nachmittagsbetreuung zu scheitern scheint.

Schulen wieder schließen - oder doch nicht?

Vom Wechselmodell in der jetzigen Umsetzung ist die Grundschullehrerin nicht überzeugt: "Ja, die Kinder werden zweimal in der Woche getestet. Aber ich weiß nicht, ob das ausreicht, um die Inzidenzwerte auch an den Schulen herunterzufahren." Sie ringt mit sich, ob es nicht doch besser wäre, die Schulen für einen gewissen Zeitraum wieder komplett zu schließen. "Es ist schwierig zu sagen. Aber man sieht im Moment eben auch nicht, dass die Inzidenzen spürbar sinken", meint Katlen Worotnik.

Carolin Rose ist ebenfalls unschlüssig, wie es weitergehen soll. Nur eins ist sicher: So nicht! "Ich sehe den Wechselunterricht mit einem lachenden und weinenden Auge: Immerhin ist meine Tochter endlich wieder in der Schule, sieht andere Kinder, lernt dort bei einer richtigen Lehrerin. Und ich komme als Alleinerziehende auch zum Arbeiten in der Zeit. Das darf man nicht unterschätzen." Doch sie könne eben ihrem Kind die Regelungen nicht mehr glaubhaft erklären. Sie seien einfach nicht nachvollziehbar.

Elternrat: Es ist kein Verständnis mehr da

"Es ist ganz viel Frust da, die Nerven liegen blank", berichtet auch Nadine Eichhorn aus dem Landeselternrat. Dabei geht es aber nicht allein um den Wechselunterricht. "Der Ton wird rauer. Man merkt bei sehr vielen Eltern, dass mittlerweile kein Verständnis mehr da ist. Man merkt, dass den Leuten die Tränen kommen, weil sie nicht mehr können. Der Druck ist riesig. Und ich glaube, das ist an diversen Stellen noch nicht angekommen."

Kultusministerium sieht sich nicht verantwortlich

Die Landeselternvertreterin meint, sie habe den Eindruck, Verantwortlichkeiten würden immer wieder weggeschoben. Das zeigt auch eine Antwort aus dem Kultusministerium auf eine Anfrage von MDR SACHSEN. Dort heißt es zum Thema Betreuung nach dem Wechselunterricht: "Hier müssen Sie bitte beim Bundesgesetzgeber nachfragen. Das ist nicht unsere Entscheidung gewesen. Auch wir sehen viele Punkte des Bundesinfektionsschutzgesetzes in Bezug auf die Schulen und Kitas kritisch, weil vieles nicht stimmig ist, was das genannte Beispiel sehr gut verdeutlicht. Der Bundesgesetzgeber sieht für die Kitas/Hort eine Notbetreuung bei einer Inzidenz von über 165 vor. Wenn der Wert darunter liegt, haben alle Kita-Kinder und Hort-Kinder Anspruch auf die vertraglich geregelten Betreuungszeiten."

Schon zuvor hatte Sachsens Kultusminister Christian Piwarz bei der Verantwortlichkeit für das aktuelle Wechselmodell auf den Bund verwiesen und die Einmischung in die Schulen kritisiert. MDR SACHSEN sagte er: "Wir müssen jetzt ein kompliziertes System umsetzen, völlig ohne Not uns aufgezwungen, wo ich mir gewünscht hätte, man hätte auf die Expertise der Länder stärker Rücksicht genommen."

Elternrat: "Es wird sich nicht wirklich etwas ändern"

Auf Nachfrage bei den Bundesministerien das gleiche Bild: Ein Ministerium verweist auf das Bundesfamilienministerium, das sich nicht in der Zuständigkeit sieht. Ein anderes zeigt in Richtung Bundesinnenministerium. Doch auch von dem liegt vier Tage nach der Anfrage keine Antwort vor.  

Nach eigenen Angaben hat der Landeselternrat am Donnerstag mit dem Kultusministerium Gespräche über die aktuelle Situation von Schülerinnen und Schülern sowie ihrer Eltern gesprochen. Nadine Eichhorn meint: "Das Problem wird im Kultusministerium gesehen, es wird aber auch drauf verwiesen, dass es kein Personal und keine Räume gibt. Es wird sich da nicht wirklich etwas ändern."

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 29. April 2021 | 19:00 Uhr

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