Bildung So wird in Sachsen über Schulschließungen entschieden

Sachsen will seine Schulen bis zu den Weihnachtsferien offen halten – so hat es Kultusminister Piwarz diese Woche angekündigt. Das heißt jedoch nicht, dass auch überall Unterricht stattfindet: Ende November waren 300 der etwa 1.400 Schulen in Sachsen aufgrund von Corona-Fällen ganz oder teilweise geschlossen. Doch nach welchen Kriterien geschieht das?

Leerer Klassenraum mit hochgestellten Stühlen
Nach welchen Kriterien wird entschieden, ob eine Schule geschlossen werden muss oder nicht? Bildrechte: MDR/PantherMedia/Martin Benik

Einer unserer User, Christian Paech aus Leipzig, hat uns kontaktiert, weil die Grundschule seiner Tochter kürzlich für 19 Tage geschlossen wurde. "Das Vorgehen scheint von Schule zu Schule in derselben Stadt zu variieren", schreibt er und will wissen: "Wer entscheidet eigentlich über eine Schulschließung? Auf welchen Annahmen oder Erkenntnissen basieren diese Entscheidungen?"

Schulleitung und Kultusministerium entscheiden

Der Eindruck von Christian Paech stimmt: Die Schulen können unterschiedlich vorgehen. Mit gut 20 positiven PCR-Tests unter etwa 380 Kindern machte die Schule seiner Tochter zu. Andernorts müssen zunächst nur positiv Getestete und deren Sitznachbarn nach Hause. Die anderen werden weiter getestet.

Eine feste Vorgabe zur Schließung gibt es nämlich nicht, sagt Susann Meerheim vom sächsischen Kultusministerium. "Es kommt auch darauf an, wie die Infektionen verteilt sind, ob sich das auf eine Klasse konzentriert oder querbeet über verschiedene Klassenstufen geht. Deswegen kommt es auch zu unterschiedlichen Entscheidungen. Es ist immer ein Ermessensspielraum und hängt mit den Gegebenheiten vor Ort zusammen."

Und die werden direkt zwischen der Schulleitung und Beamten des Ministeriums besprochen – die örtlichen Gesundheitsämter sind in Sachsen kaum noch eingebunden. So schildert es Frank Haubitz, Schulleiter am Gymnasium Dresden-Klotzsche. Er hat für diese Woche nach zwei bestätigten Corona-Fällen eine achte Klasse nach Hause geschickt. "Es ist letztendlich meine Entscheidung, ist ja richtig. Ich bin derjenige, der versucht, dieses kleine Ruderboot durch die tobende See zu steuern, der seine Schüler kennt, die Klassen kennt, die Situation darin kennt – und der dem Kultusministerium letztlich vorschlägt, diese und jene Maßnahme einzuleiten."

Schulleiter: "Kinder brauchen die sozialen Kontakte"

Frank Haubitz ist seit mehr als 30 Jahren Schulleiter, war für wenige Wochen selber Kultusminister. Doch auch einem so erfahrenen Lehrer geht die jetzige Situation nahe. "Das Schlimmste ist, wenn Sie eine fünfte oder sechste Klasse nach Hause schicken müssen: Die weinen, weil sie raus müssen. Die Kinder brauchen die sozialen Kontakte, die kommen gerne in die Schule. Ich glaube, wir haben die Verantwortung, die Schulen so lange wie möglich aufzuhalten."

Das Schlimmste ist, wenn Sie eine fünfte oder sechste Klasse nach Hause schicken müssen: Die weinen, weil sie raus müssen. Die Kinder brauchen die sozialen Kontakte, die kommen gerne in die Schule.

Frank Haubitz Direktor des Gymnasiums Dresden-Klotzsche

Es ist ein Dilemma, über das auch die Wissenschaft streitet: Was wiegt schwerer – die Ansteckungsgefahr an den Schulen oder die Folgen einer Schließung für Kinder und Familien? Die sächsischen Regeln geben keine Antwort, sondern sind ein Abbild der Debatte. Susann Meerheim vom Kultusministerium erklärt es so: "Wir lassen uns da ja auch beraten von Kinderärzten, Kinderpsychologen, Virologen. Insofern sind wir bestärkt, nur lokal einzugreifen, kurzfristig Schulschließungen vorzunehmen, damit sich das Infektionsgeschehen beruhigt und dann die Schule schnellstmöglich wieder ans Netz gehen kann."

"Schnellstmöglich" – das ist an der Grundschule der Tochter von MDR AKTUELL-Hörer Christian Paech nicht gelungen. Am 17. November machte sie nach ersten Fällen zunächst für eine Woche zu. Dann wurde die Schließung verlängert bis zum 3. Dezember, begründet mit weiteren Positivtests. Rechtlich gibt das die sächsische Schul- und Kitaverordnung her. Doch am Ärger vieler Eltern und Kinder ändert das nichts. Schulleiter Frank Haubitz hat dafür nur diese Lösung: "Es ist ein Haufen Arbeit. Und es gehört eine sehr, sehr gute Kommunikation dazu. Wenn Schüler, Eltern und Lehrer miteinander sprechen und die Eltern wissen, was in der Schule läuft, der Schulleiter ständig die Informationen rausgibt – dann funktioniert es."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Dezember 2021 | 06:21 Uhr

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