Bilanz Corona-Schuljahr 2021 in Sachsen: Nicht so schlimm wie befürchtet

Das zu Ende gehende Schuljahr in Sachsen war vor allem geprägt vom Homeschooling. Nur die Abschlussklassen an Gymnasien und Oberschulen hatten nach dem erneuten Lockdown Präsenzunterricht. Bereits im Mai berichteten drei Jugendliche MDR SACHSEN, wie sie sich auf die Abschlussprüfungen vorbereitet haben. Jetzt haben wir bei ihnen noch einmal nachgefragt, wie die Prüfungen und das Schuljahr gelaufen sind. Auch Lehrer- und Elternverbände sowie das Kultusministerium ziehen Bilanz.

Ein Klassenzimmer, Blick zu einer Tafel auf der Viren gemalt sind
Die Corona-Pandemie hat die Schulen geprägt. Bildrechte: Imago/Panthermedia

Die 16-jährige Juleh Bors zieht ein gemischtes Fazit, wenn sie auf das vergangene Schuljahr zurückblickt. Auf der einen Seite haben ihr die Mitschüler ab und zu gefehlt, auf der anderen Seite habe sie von der häuslichen Lernzeit profitiert, sagt sie. Das gelte insbesondere für die Prüfungsvorbereitungen an ihrer Oberschule, erzählt die junge Dresdnerin. Obwohl die Abschlussklassen Präsenzunterricht hatten, habe Juleh das Angebot angenommen, mehr zu Hause zu sein, als in der Schule.

Weil ich das Gefühl hatte, in dem Unterricht lerne ich jetzt nicht viel mehr für die Prüfungen als zu Hause.

Juleh Bors Oberschülerin aus Dresden

Die Prüfungen selbst empfand Juleh als gar nicht so schwer, wie befürchtet. "Ich habe überall gute Noten, außer vielleicht in Mathe", erzählt sie im Gespräch mit MDR SACHSEN. Hauptsache bestehen, lautete bei ihr die Devise. Nach den Sommerferien wird sie ihre Schulkarriere fortsetzen und das Abitur machen.

Aus Schülersicht: Langeweile und Selbstständigkeit

Und noch etwas nimmt die junge Frau aus ihrem letzten Schuljahr als Oberschülerin mit: Sie habe Dank Corona eine "definitiv krasse Selbstentwicklung" hingelegt, erzählt Jule, "weil man die meiste Zeit mit sich selber beschäftigt war."

Von einer krassen Selbstentwicklung will der 18 Jahre alte Anton Brähler nicht sprechen. Würde der Leipziger in ferner Zukunft seinen Enkelkindern von seinem Abitur und den Prüfungsvorbereitungen unter Corona-Bedingungen erzählen, würde er von anderthalb Jahren des Nichtstuns berichten. "Man saß ja buchstäblich die meiste Zeit zu Hause", sagt er. Neben Homeschooling oder Präsenzunterricht gab es für ihn zwar auch Freizeit, die hat er aber entweder im Bett, vor dem Fernseher oder vielleicht mal mit einem oder zwei Freunden verbracht.

Ein junger Mann
Bildrechte: privat

Es war auf jeden Fall eine sehr lange Zeit der Langeweile.

Anton Brähler Abiturient aus Leipzig

Die Abiturprüfungen selbst empfand er dann weniger schlimm als befürchtet. Das lag für ihn aber auch an der Vorbereitung. Bis zu den schriftlichen Prüfungen gab es Unterricht nur in den prüfungsrelevanten Fächern. Jetzt ist der Leipziger einfach nur froh, sein Zeugnis in den Händen zu halten. Dem Schuljahr insgesamt würde Anton eine Drei-Minus geben. Das liege auch an der schleppenden Digitalisierung des Unterrichts, die während der Pandemie zusätzlich zum Problem geworden sei. Zumindest hätten sich einige Lehrer bemüht, "den Umständen entsprechend, etwas auf die Reihe zu bekommen".

Landesschülerrat: Prüfungsstress und Sorge vor Ansteckung

Die Freude über das bestandene Abitur teilt auch die Vorsitzende des Landesschülerrates Sachsen, Joanna Kesicka, aus Dresden. Nichtsdestotrotz sei das gesamte Schuljahr für sie wirklich holprig gewesen. Vieles hätten sie und ihre Mitschüler selbstständig erarbeiten müssen. Ein Vor- und Nachteil zugleich, findet die Dresdner Schülerin.

Porträt von Joanna Kesicka aus dem Jahr 2019
Bildrechte: LandesSchülerRat Sachsen

Was die Pandemie auf jeden Fall gebracht hat, dass die Schülerinnen und Schüler selbstständiger geworden sind und gelernt haben, wie sie sich organisieren können.

Joanna Kesicka Vorsitzende des Landesschülerrates Sachsen

Sie selbst sei mit ihrem Abiturzeugnis zufrieden. "Ich kann aber auch verstehen, dass es für manche nicht so gelaufen ist, wie sie es sich gewünscht haben." Das Abi sei von den Schülerinnen und Schülern als sehr stressig wahrgenommen worden, was auch daran gelegen habe, dass sie sich vorher noch einmal auf Corona testen lassen mussten. "Das hat zusätzlichen Druck geschaffen", weil immer die Sorge da gewesen sei, dass man positiv sei.

Aber die Vorbereitung im Präsenz-Unterricht in den Monaten davor sei so gut gewesen, dass die Schülerinnen und Schüler eine gute Basis gehabt hätten, um in die Prüfung zu gehen. "Es ist sehr wichtig, dass man versucht hat, durch diese Krisenzeit trotzdem noch Bestleistungen zu geben."

Kultusminister: "Schuljahr hat alle an Grenzen gebracht"

Rund 491.000 Mädchen und Jungen erhalten an diesem Freitag ihre Zeugnisse. Mit dem Abitur beendet haben rund 13.600 Schülerinnen und Schüler das Schuljahr in Sachsen, wie das Kultusministerium mitteilte. 20.000 haben demnach ihren Abschluss an Oberschulen und Abendoberschulen geschafft, 2.800 an Fachoberschulen. "Die letzten zwei Schuljahre haben uns alle an die Grenzen gebracht," urteilte Kultusminister Christian Piwarz. Durchatmen und Kraft tanken habe nun Priorität.

Wer nach der Zeugnisausgabe noch offene Fragen oder Ängste habe, könne sich an die professionellen Mitarbeiter der Zeugnishotline wenden. "Keiner soll mit einem unguten Gefühl in die Sommerpause gehen."

Zeugnishotlines: - Standort Zwickau: 0375 4444-333
- Standort Leipzig: 0341 4945-860
- Standort Dresden: 0351 8439-353
- Standort Chemnitz: 0371 5366-105
- Standort Bautzen: 03591 621-138

Piwarz dankte auch den 37.700 Lehrerinnen und Lehrern für ihr Engagement. Sie hätten sich etwa in digitales Neuland hineinfuchsen und auch als "Prellbock" herhalten müssen, wenn Frustration überkochte, so Piwarz. Kritik sei hilfreich, aber wilde Beschimpfungen und Drohungen seien völlig daneben, kritisierte er.

Im neuen Schuljahr will Piwarz Schulen und Kitas auch bei steigenden Infektionszahlen offen halten. Der am Dienstag vorgestellte Herbst-Plan der Regierung sieht umfangreiche Tests und teilweise Maskenpflicht zu Beginn des neuen Schuljahres vor.

GEW-Chefin Kruse: "Hut ab"

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, Uschi Kruse, ist voll des Lobes für das Engagement von Schulen, Schulverwaltung und Eltern in der Pandemie. "Hut ab! Trotz aller Schwierigkeiten ist im vergangenen Schuljahr mehr erreicht worden als erwartet", sagte Kruse MDR SACHSEN. Das sei vor einem Jahr noch anders gewesen. Sachsen habe große Fortschritte bei der Digitalisierung gemacht, es gebe mehr Endgeräte bei Schülerinnen und Schülern und Online-Angebote wie Lernsax seien deutlich besser geworden.

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Eine Frau in einer Interviewsituation 4 min
GEW Sachsen kritisiert Schulöffnungen trotz unzureichender Testkapazitäten Bildrechte: MDR

Kritik übt Kruse an der ihrer Meinung nach zu späten Schließung der Schulen. Sie hätte sich deutlich eher einen harten Schnitt gewünscht, um ein weiteres Ansteigen der Infektionszahlen zu verhindern. Auch die Landkreise hätten da keine gute Figur gemacht und die Verantwortung auf die Landesregierung geschoben. Für das neue Schuljahr wünscht sich die GEW-Landesvorsitzende hier einen vorsichtigeren Umgang, aber auch mehr Verantwortung der Gesellschaft. "Wir müssen schon alle unseren Beitrag leisten, um Schulen offen zu halten", sagte Kruse mit Blick auf die niedrige Impfquote in Sachsen.

Landeselternrat: Häusliche Lernzeit unterschiedlich bewältigt

Auch der Landeselternrat Sachsen lobt das Engagement der Lehrerschaft im vergangenen Schuljahr. Dadurch seien Lernschwächen ausgeglichen worden, heißt es in einer Mitteilung des Landeselternrates. "Jedoch mussten wir auch feststellen, dass einige Lehrer*innen, teilweise während der gesamten häuslichen Lernzeit, nicht erreichbar waren."

Schüler und Lehrer hätten die häusliche Lernzeit unterschiedlich bewältigt. Es gebe keine Gruppe, die nicht nachhaltig geprägt sei durch Corona. "Deshalb ist es jetzt besonders wichtig, dass u. a. ein verpflichtender Weiterbildungskatalog für Lehrer*innen erstellt und über das Land finanziert wird," forderte der Landeselternrat. Bei der Benotung der Abiturprüfungen sei nicht nachvollziehbar, warum etwa Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern nach dem Mathematik-Abitur mit einer Hochstufung um zwei Notenpunkte reagiert hätten, Sachsen aber keine Stellungnahme dazu abgegeben habe.

Der Landeselternrat fordert als Konsequenz aus der Pandemie, die Lehrpläne für die nächsten zwei bis drei Jahre zu überarbeiten, um Lernrückstände aufzuholen. Längerfristig sollten die Lernkonzepte für die Klassen fünf bis acht angepasst werden - mit mehr digitalen Angeboten. Außerdem müssten stärker Kompetenzen vermittelt werden, etwa wie sich Schülerinnen und Schüler selbst strukturieren.

Quelle: MDR/bb/kb

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