Reportagen aus Leipzig, Dresden und Zwickau Sachsen vor 2G-Regel im Einzelhandel - ein Stimmungsbild

In großen Teilen des sächsischen Einzelhandels sind ab Montag nur noch Geimpfte und Genesene (2G) zugelassen. Der Handelsverband Sachsen rechnete deshalb am Sonnabend mit "spürbar höheren Frequenzen". Doch ein Blick nach Dresden, Leipzig und Zwickau zeichnet ein anderes Bild. Bis auf wenige Ausnahmen. Der Handelsverband befürchtet nun abermals, dass der Online-Handel profitiert.

Einkaufszentrum Zwickau Arkaden
Den Zwickauern ist die Kauflaune offenbar vergangen - nur wenige Geschäfte verzeichneten einen Kundenandrang. Bildrechte: MDR/Dany Striese

Erste Händler bauen Deko ab

Ein Mann trägt eine Rentierfigur vom Dach eines Stands des Weihnachtsmarktes.
Es war alles vorbereitet und aufgebaut - nun wird auch in Leipzig der Weihnachtsmarkt wieder abgebaut. Bildrechte: dpa

Die Leipziger Innenstadt ist an diesem Sonnabendvormittag kaum gefüllt. Lediglich die Buden des Weihnachtsmarktes verstellen die Sicht. Fertig aufgereiht vom Marktplatz bis zum Augustusplatz geben sie ein trostloses Bild ab. Die ersten Händler fangen an, ihre Deko abzubauen. Eine Passantin schaut traurig auf die verwaisten Buden. "Es ist schon frustrierend und schade, dass sie jetzt wieder abbauen müssen."

Dazwischen schlendern einige Pärchen: Die großen Einkaufshäuser, die an einem Sonnabend sonst gut gefüllt sind, wirken verlassen. Die Schlange beim Textildiscounter, die sich sonst die Große Fleischergasse hinaus schlängelt, ist überschaubar. Eine Frau nutzt diesen Sonnabend, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen: "Keiner weiß, was nächste Woche kommt. Es ist zwar schade, aber ich sage, es ist unabwendbar."

Blick auf den Weihnachtsmarkt in Leipzig
Normalerweise herrscht in Leipzig um diese Jahreszeit geschäftiges Treiben. Bildrechte: MDR/Lars Tuncay

Passanten haben Verständnis und Klopapier auf Vorrat

Das Verständnis für die Maßnahmen der Landesregierung ist bei den Passanten in der Leipziger Innenstadt groß. "Ich finde das schon richtig", sagt eine Frau. "Irgendwas muss jetzt passieren, sonst geht es nicht weiter. Es hat schon viel zu lange gedauert." Ein Mann stimmt zu: "Wir vertrauen und denken, dass es notwendig ist. Deshalb halten wir uns auch dran, so gut es möglich ist.“ Ein Pärchen nimmt das Schicksal mit Humor: "Die Weihnachtseinkäufe sind uns selbst nicht so wichtig. Die Lebensmittel sind gesichert. Und Klopapier haben wir auch genügend."

Menschen stehen vor einem Impfzentrum im Stadtteil Grünau in einer Warteschlange.
Keine Schlangen in den Geschäften, aber dafür bei den Impfstellen. Hier in Leipzig-Grünau haben sich nach Aussage von Sozialministerin Petra Köpping 80 Prozent der Impfwilligen ihre Erst- oder Zweitimpfung geholt. Das sei sehr erfreulich, so die Ministerin. Bildrechte: dpa

Kein Run auf Kino-Tickets

Den Einzelhändlern ist weit weniger zum Lachen. Immerhin dürfen sie noch öffnen. Sie hoffen, dass die Menschen durch die Entwicklung der Pandemie nicht davon abgehalten werden, in ihre Läden zu kommen. Im Multiplexkino in der Innenstadt ist es derweil ruhig. Ab Montag müssen die Leinwände hier dunkel bleiben. Ein großer Run auf Tickets für die letzten Vorstellungen bleibt jedoch aus, sagt eine Mitarbeiterin. Viele Menschen seien offenbar verunsichert.

Am Nachmittag füllt sich die Innenstadt, es bilden sich vereinzelt Schlangen bei den Warenhäusern. Der Strom ist jedoch weit von dem eines normalen vorweihnachtlichen Sonnabends entfernt. Ob das ein Indiz dafür ist, dass viele Leipziger mit der 2G-Regel gut leben können, lässt sich nicht sagen. Aber ein Pärchen meint: "Wir sind geimpft und könnten auch nächste Woche noch einkaufen gehen. Wir finden es aber generell nicht richtig, dass Ungeimpfte diskriminiert werden. Das sorgt nur für eine Spaltung in der Gesellschaft. Wir sollten das alle gemeinsam stemmen.“

Bildergalerie Innenstädte in Sachsen teils menschenleer

Um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen, greift Sachsen zu drastischen Maßnahmen. Keine Weihnachtsmärkte und Einschränkungen für Ungeimpfte. In den Innenstädten herrscht schon jetzt teils gähnende Leere.

Dresdner Striezelmarkt
Seit Freitagabend steht fest, dass der 587. Striezelmarkt nicht wie geplant am kommenden Montag öffnen darf. Bildrechte: MDR/Konstantin Henß
Dresdner Striezelmarkt
Seit Freitagabend steht fest, dass der 587. Striezelmarkt nicht wie geplant am kommenden Montag öffnen darf. Bildrechte: MDR/Konstantin Henß
Weihnachtsmarkt
Einige Passanten schauen am Sonnabend auf dem Dresdner Altmarkt vorbei und bekunden den Standbesitzern ihr Mitleid. Bildrechte: MDR/Konstantin Henß
Verkaufsstand
Bei vielen Händlern herrscht Unverständnis über die kurzfristige Absage des Weihnachtsmarkts. Bildrechte: MDR/Konstantin Henß
Verkaufsstand
Besonders, weil viele Betreiber ihre Stände bereits geschmückt und mit Ware gefüllt haben, die sie jetzt wieder einpacken müssen. Bildrechte: MDR/Konstantin Henß
Menschen in einer Stadt
Die extrem angespannte Corona-Lage in Sachsen wird wenige Schritte entfernt deutlich: Vor dem Testzentrum im Kulturpalast bildet sich eine lange Schlange. Bildrechte: MDR/Konstantin Henß
Menschen in einer Stadt
Gähnende Leere auf dem Dresdner Neumarkt. Bildrechte: MDR/Konstantin Henß
Mehrere Männer stehen mit einer Leiter an einer Weihnachtsmarktbude
Wie in vielen anderen Städten war auch in Zwickau alles fertig für den Weihnachtsmarkt. Nun wird ab Montag wieder alles abgebaut. Bildrechte: MDR/Dany Striese
Einkaufszentrum Zwickau Arkaden
Trostlose Leere in der Zwickauer Innenstadt. Bildrechte: MDR/Dany Striese
eine Ladentür mit einem Hinweisschild auf dem steht: "Der Gesetzgeber will es so. Ab sofort bei uns nur noch mit 2G, geimpft oder genesen!"
Viele Händler in Zwickau wissen noch nicht, wie sie die 2G-Regel ab Montag umsetzen sollen. Bildrechte: Dany Striese
Weihnachtsmarkthändler aus Nürnberg hält mit zwei Helfern ein Schild hoch, auf dem steht "Original Nürnberger Lebkuchen mit Glühwein"
Unverrichteter Dinge muss dieser Händler seine Nürnberger Lebkuchen in Zwickau wieder einpacken. Bildrechte: Dany Striese
In voller Beleuchtung strahlt der Weihnachtsbaum auf dem noch nicht eröffneten Leipziger Weihnachtsmarkt bei einem Testlauf, gesehen von den Räumen des Central Kabarett.
Weihnachtsmarkt in Leipzig - es war alles vorbereitet. Bildrechte: dpa
auf dem Weihnachtsmarkt
Nun steht der Weihnachtsmarkt verwaist auf dem Leipziger Marktplatz. Bildrechte: MDR/Lars Tuncay
Ein Mann trägt eine Rentierfigur vom Dach eines Stands des Weihnachtsmarktes.
Bis zuletzt hatte Leipzig am Weihnachtsmarkt festgehalten. Nun müssen die Aussteller ihre Buden wieder abbauen. Bildrechte: dpa
die Grimmaische Straße in Leipzig
Der Besucherstrom an diesem Sonnabend ist überschaubar. Bildrechte: MDR/Lars Tuncay
Riesenrad auf dem Augustusplatz in Leipzig
Auch das Riesenrad auf dem Augustusplatz muss nun wieder demontiert werden. Bildrechte: MDR/Lars Tuncay
Blick auf den Weihnachtsmarkt in Leipzig
Das Karussell steht still. Weihnachtsstimmung will keine aufkommen. Bildrechte: MDR/Lars Tuncay
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Zwickau: Nur im Buchladen ist was los

Im Zwickauer grauen Nieselwetter sind nur wenige Leute unterwegs. Von einem Kundenzulauf will auch hier keiner so recht sprechen. Einzig in den überdachten Zwickau Arcaden ist etwas mehr los. In den Schmuck- und Fotogeschäften, wo normalerweise das Weihnachtsgeschäft brummt, sind nur vereinzelt Kunden zu finden.

eine Ladentür mit einem Hinweisschild auf dem steht: "Der Gesetzgeber will es so. Ab sofort bei uns nur noch mit 2G, geimpft oder genesen!"
Die 2G-Regeln stellen Gewerbetreibende vor organisatorische Probleme. Bildrechte: Dany Striese

Einzig ein Buchladen in der Hauptstraße ist auffällig gut gefüllt. Der große Ansturm sei das aber nicht, erzählt eine der Verkäuferinnen. "Viele rufen an, weil sie nun gar nicht mehr wissen, ob sie ins Geschäft kommen können. Andere wiederum wollen sich ihre Bücher besser nach Hause schicken lassen." Die strengeren Corona-Regeln seien aber richtig, findet die Verkäuferin. "Es muss ja was passieren, das kann nicht so weiterlaufen und ich finde es auch richtig, dass die Ungeimpften das merken." Wie die neuen 2G-Zutrittsregeln nächste Woche in der Buchhandlung umgesetzt werden sollen, wisse sie nicht. Das sei personell ein ganz großes Problem.

Kunden vergeht die Lust auf Einkaufsbummel

Ähnlich auch die Aussage ein paar Meter weiter, in einem Bekleidungsgeschäft. Jede Woche neue Informationen - sie sei langsam müde und auch nicht das Ordnungsamt. "Die Kunden sind ungehaltener und haben auch Angst. Man versucht sie zu beruhigen. Und man spielt auch so ein bisschen Psychologe, wenn die Kunden erzählen, dass sie teilweise selbst erkrankt waren." Generell verstehe sie nicht, dass sich einige nicht impfen lassen. Man sehe doch, was in den Krankenhäusern abgeht. "Wir sehen es ja auch hier. Die Leute haben Angst und seit gut einer Woche ist es auch im Geschäft wieder ruhiger."

Die Leute haben Angst und seit gut einer Woche ist es auch im Geschäft wieder ruhiger.

Verkäuferin aus Zwickau

Nürnberger Lebkuchen auf Ebay versteigern?

Weihnachtsmarkthändler aus Nürnberg hält mit zwei Helfern ein Schild hoch, auf dem steht "Original Nürnberger Lebkuchen mit Glühwein"
Die Nürnberger Lebkuchen werden nun nicht in Zwickau, sondern auf Ebay verkauft. Bildrechte: Dany Striese

Ruhig ist es auch auf dem sonst belebten Zwickauer Hauptmarkt. Die Weihnachtsmarktbuden die in Kürze öffnen sollten, stehen einsam vor dem Rathaus. An einer der Buden schraubt ein Händler aus Nürnberg. Seit 30 Jahren sei er mit seinen Lebkuchen in Zwickau auf dem Weihnachtsmarkt dabei, erzählt er. Die Absage jetzt sei schade, aber er könne es auch nachvollziehen. "Ich hoffe nur, dass ich einiges an Ware mit etwas Abschlag wieder zurückgeben kann oder im Notfall die Lebkuchen bei Ebay versteigern."

Zwei Straßen weiter ist ein Süßwarenhändler aus Werdau mit dem Abbau seiner Hütte beschäftigt. Viel reden wolle er nicht. Freitag am späten Abend habe er von der Absage erfahren, er sei pappensatt.

Auch der Geschäftsführer vom Marktveranstalter KultourZ, Mathias Rose, ist am Sonnabend auf den Beinen. Der Rückbau des Weihnachtsmarktes werde am Montag beginnen, erklärt er. Man wolle das kontrolliert machen. Etwa 100 Händler seien betroffen, so Rose und kündigt Gespräche mit den Händlern und Oberbürgermeisterin Constance Arndt an. Die Stadt Zwickau wolle schauen, wie man den Betroffenen helfen könne.

Gastronomen bricht wichtiges Abendgeschäft weg

Hilfe fordert auch die Gastronomie. "Für die Gastronomie ist das jetzt wieder ein Lockdown", sagt Mathias Werler, Inhaber vom Restaurant Egghead. "Wir leben vom Abendgeschäft. Für uns ist das ein Lockdown, das soll man auch klar so benennen." Er versuche mit Kochkursen noch etwas Umsatz zu machen, die Weihnachtsfeiern seien ja auch alle ausgefallen.

Getrübte Stimmung auf dem Striezelmarkt

Ein zweigeteiltes Bild zeigt sich in Dresden. Während im Elbepark am Stadtrand doch einige Kundinnen und Kunden die für sie letzte Chance ergreifen, Weihnachtsgeschenke zu kaufen, ist es in der Innenstadt eher ruhig.

Getrübte Stimmung herrscht vor allem auf dem Striezelmarkt, der fertig aufgebaut ist und am Montag als 2G-Veranstaltung starten sollte. Die Ankündigung der sächsischen Landesregierung vom Freitagabend, alle Weihnachtsmärkte abzusagen, ist für viele Betreiber ein Schock. Gehört doch der Striezelmarkt zu den lukrativsten Geschäfte des Jahres.

Die Emotionen reichen von Fassungslosigkeit über Wut bis hin zu Trauer. Die Betreiber eines Standes für erzgebirgische Handwerkskunst halten die komplette Absage der Weihnachtsmärkte für übertrieben. "Wir hatten unsere ganze Ware schon hierhergebracht. Alles ist aufgebaut und jetzt kommt kurz vor knapp so eine Meldung. Damit sind wir die nächsten Wochen quasi arbeitslos." Ein ähnliches Meinungsbild vertreten auch viele Passanten. Sie bekunden den Standbetreibern ihr Mitleid, während die ihre Ware wieder in Kisten verstauen. "Die komplette Absage der Weihnachtsmärkte kann ich nicht nachvollziehen. Hätte 2G nicht gereicht?", fragt eine ältere Dame.

Große Sorge beim Handelsverband - ein bisschen Erleichterung im Dresdner Elbepark

Der Hauptgeschäftsführer des sächsischen Einzelhandels, René Glaser, sieht den kommenden Wochen mit großer Sorge entgegen. Ab Montag würden vermutlich viele Kunden ihre Weihnachtseinkäufe ins Internet verlegen - mit wirtschaftlichen Folgen für stationäre Unternehmen, die ohnehin noch mit den Auswirkungen des vergangenen Lockdowns kämpften, sagte Glaser. "Gerade das Weihnachtsgeschäft in den Monaten November und Dezember ist entscheidend, um für die Händler das schwierige Jahr noch zu retten."

Die sächsische Landesregierung hatte am Freitag eine neue Corona-Schutzverordnung beschlossen, die für viele Bereiche des Einzelhandels das 2G-Modell vorschreibt. Davon ausgenommen sind etwa Supermärkte und Drogerien. Der Handelsverband Sachsen protestierte. 2G würde der Branche bei weniger Kunden und Beibehaltung aller Kosten für Miete, Personal oder Energie erneut großen wirtschaftlichen Schaden zufügen, ohne einen wirksamen Beitrag zur Pandemiebekämpfung zu leisten.

Der Centermanager des Elbe Parks in Dresden sagte MDR SACHSEN, er sei dankbar, dass es nicht zu einem totalen Lockdown gekommen sei. Nun müsse man sich kurzfristig auf die neue Situation einstellen. "Nach Adam Ries halbiert sich unsere Kundschaft jetzt um 50 Prozent und das in der Jahreszeit, die für viele Händler die wichtigste Jahreszeit ist."

Menschen in einer Stadt
Eine Schlange von Menschen bildete sich vor einem Testzentrum in Dresden Bildrechte: MDR/Konstantin Henß

Quelle: MDR/mit dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 20. November 2021 | 19:00 Uhr

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