Lockdown Die Hygiene-Profis: Tattoostudios in Sachsen wollen wieder öffnen

Tätowiererinnen und Tätowierern hängt in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch ein Rest von Misstrauen und Argwohn an. Obwohl die Körperkunst des Tattoos schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, kämpft die Szene weiter mit Vorurteilen. Dabei könnte sie in Hinsicht auf hygienische Standards vor allem in Pandemie-Zeiten als Vorbild gelten.

Tätowierkünstler trägt bei der Arbeit Handschuhe
Körperkunst mit hohen Hygienestandards: In Tattoostudios sind sämtliche Corona-Maßnahmen seit vielen Jahren Normalität. Bildrechte: dpa

Während Frisiersalons am 1. März öffnen dürfen, müssen Tättoostudios geschlossen bleiben. Was für viele kein Anlass zur Diskussion sei dürfte, stößt vor allem bei Tätowierenden auf Unverständnis. Die Kampagne #ihrmachtunsnackt macht auf die derzeitige Situation der Tätowierenden aufmerksam. "Üblicherweise werden wir wie Friseure gewertet", erklärt Tattoo-Studio-Inhaber Sven aus Dresden. "Die Hygienestandards die im Zuge der Corona-Pandemie umgesetzt werden müssen, erfüllen wir aber schon seit 20 Jahren. Wir sind die Profis", ärgert er sich und kann nicht verstehen, warum sein Studio weiter geschlossen bleiben muss.

Mehr Desinfektion als im Frisiersalon

Auch Susann Richter aus Leipzig blickt kritisch auf die bevorzuge Öffnung der Frisiersalons. "Ich unterliege als Tätowierin den gleichen Richtlinien wie Nagel- oder Kosmetikstudios, habe sogar einen eigenen Hygieneprüfer, der mein Studio regelmäßig überprüft", erklärt die Inhaberin der Studios "miezwars" in Leipzig Lindenau in einem Gespräch. Beim Tätowieren sei mehr Desinfektion im Einsatz als bei einem Friseur. Zudem gebe es weniger Personalbetrieb, eine Durchmischung der Kundschaft könne fast ausgeschlossen werden. "Wenn der Friseur 20 Kunden am Tag bedient, haben wir einen bis maximal drei Kunden pro Tätowierer", ergänzt Sven.

"Corona-Maßnahmen sind bei uns Standard"

Bezüglich der Hygiene sei ein Tattoostudio durchaus mit einem Krankenhaus vergleichbar und schneide oft noch besser ab, meint Sven. "Bei uns gibt es keine resistenten Keime, es wird kein Kranker tätowiert", so der 43-jährige Inhaber des Tattoostudios Erika und Kurt. Sämtliche Corona-Maßnahmen seien bei ihm Standard - darunter Kontaktnachverfolgung, ein Anamnesebogen für alle Kundinnen und Kunden. Zudem tätowierten viele seiner Mitarbeitenden schon lange mit Maske. "Das ist nichts Neues für uns", betont er.

Schutz für Kundschaft und Tätowierende

Soviel Hygiene sei auch nur allzu verständlich, meint Richter. "Wir schützen damit nicht nur die Kundinnen und Kunden, sondern auch uns", erklärt die Risikopatientin, die gerade in Corona-Zeit sehr auf sich und ihre Umwelt achtgeben muss. "Wenn wir unsauber arbeiten, läuft uns natürlich auch die Kundschaft weg", ergänzt sie.

Studie: In der Mitte der Gesellschaft angekommen Zum Thema Tätowierung, Piercing und Körperhaarentfernung hat die die Universität Leipzig 2016 eine Befragung durchgeführt. Daran haben 2.510 Ost- und Westdeutsche im Alter von 14 bis 94 Jahren teilgenommen. Daraus ging hervor, dass jede/r Fünfte in Deutschland ein Tattoo trägt. Vor allem junge Frauen im Alter von 25 bis 34 Jahren (44 Prozent) haben demnach "stark aufgeholt und sind inzwischen häufiger tätowiert als die jungen Männer" (41,4 Prozent).

Quelle: Selbstständige Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig, Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes USUMA

Überraschte Politiker

Überrascht von so viel Know-how in Sachen Hygiene war auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, den Sven über Facebook zu einem Gespräch in sein Studio eingeladen hatte. Und Kretschmer kam. "Ich hatte den Eindruck, dass er als Laie schon verblüfft war, wie ein Tattoostudio funktioniert", erinnert sich Sven.

Verblüfft war auch der Alexander Dierks, Generalsekretär der CDU Sachsen. Während des ersten Lockdowns konnte Sven auch mit ihm sprechen. "Ich hatte den Eindruck, dass die Zunft mit einem schlechten Leumund kämpft", erzählt Dierks im Gespräch mit MDR SACHSEN. Jedoch verrichte die "weit überwiegende Mehrzahl" ihr Handwerk unter hohen hygienischen Standards. Den Ärger der Tätowierenden über die geschlossenen Studios kann Dierks nachvollziehen: "Diese Krise mutet den Menschen viel zu. Es ist eine schwierige Abwägungsleistung. Wir müssen sehr vorsichtig sein, um einen Jojo-Effekt auszuschließen. Wir können nicht öffnen und dann wieder schließen", so Dierks weiter.

Nachhaltige Alternative fehlen

Richter wünscht sich klare Perspektiven: "Es schmerzt mich zu sehen, dass keine nachhaltigen Alternativen aufgebaut werden. Wir werden noch eine Weile in dem Zustand bleiben. Das extreme Hin und Her zwischen gar nichts geht mehr und alles ist wieder normal, funktioniert meiner Meinung nach nicht."

Ein Tattoostudio
Wenig Kundenkontakte: Tätowierende haben am Tag maximal ein bis drei Kundinnen oder Kunden. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Trotz erster Zahlungen der Überbrückungshilfen sind ihre privaten Reserven aufgebraucht. "Es ist ein Tanz auf dem Seil. Bis Ende Dezember ist kein Geld geflossen. Leider werden auch Versicherungen als Selbstständige nicht kompensiert. Das reißt große Löcher", so Richter, die seit 15 Jahren in Leipzig tätowiert.

Seit vier Monaten ohne Einnahmen

Auch Sven ist nicht zufrieden mit den finanziellen Hilfen: "Das was wir bekommen haben, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Ansätze sind gut, aber wir zahlen drauf. Das tut weh." Seit vier Monaten ist sein Studio ohne Einnahmen. "Unter normalen Umständen müsste ich sagen, ich bin gescheitert. Aber wir kämpfen weiter", so Sven. Von der Politik erwartet er eine gleichberechtigte Behandlung. "Ein Tattoostudio hat es verdient, zu öffnen, weil wir uns die Standards schon sehr lange selbst erarbeitet haben. Von uns hätten die anderen zu Beginn der Pandemie lernen können."

Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 24.02.2021 | 19:00 Uhr

Mehr aus Sachsen