Pflegeheime im Lockdown Heimbewohner wollen ihr altes Leben zurück

Derzeit wird allerorten über Lockerungen für Geimpfte diskutiert. Seit dem 9. Mai gibt es für sie Erleichterungen. In Pflegeheimen gibt es inzwischen die wohl höchste Impfquote. Auch hier wünschen sich komplett geimpfte Bewohner ihre gewohnten Abläufe zurück: gemeinsames Essen, Spielenachmittage oder regelmäßige Therapieangebote. Einige Pflegeeinrichtungen versuchen, den Alltag aus der Zeit vor Corona so gut es geht wieder herzustellen.

Pflegefachkraft und Bewohnerin in einem Pflegeheim
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Seit Bewohner und Personal zweimal geimpft wurden, kehrt in einigen Alten- und Pflegeheimen in Sachsen Normalität zurück. Wie beispielsweise im Altenpflegeheim Rembrandtstraße in Chemnitz. Hier schiebt die rüstige Rosemarie Richter ihren Rollator zügig durchs Foyer in Richtung Speiseraum. Sie freut sich, dass sie seit bereits vielen Wochen wieder spazieren gehen und Leute treffen kann. "Bei mir liegt es hauptsächlich daran, dass mein Kopf noch klar ist und ich deswegen Bestätigung brauche und immer etwas zu tun. Da ist es schon angenehm, wenn man was machen kann." Die Bewohner würden sich alle zum Essen treffen und zu den Spielen. Raus könnten sie auch, Besuch dürfte rein, zwar nach Voranmeldung - aber immerhin, sagt Rosemarie Richter.

Viele Schnelltests machen's möglich

Seit die Impfungen in der Einrichtung des Arbeiter-Samariter-Bundes durch sind, versucht Heimleiter Jörg Ahner seinen Bewohnern so viele Freiheiten wie möglich zurückzugeben. So würden sie regelmäßig getestet, die Besucher sowieso und die Mitarbeiter sogar täglich. Auf dieser Grundlage seien die gewohnten Gruppenangebote wieder aufgebaut worden. Auch Friseure sowie Ergo-, Physio- und Logopädie-Therapeuten geben sich wieder die Klinke in die Hand - unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen.

Große Feste feiern sei noch nicht möglich, meint Jörg Ahner. Aber ansonsten sei es fast wieder ein normales Leben für die Bewohner. Jörg Ahner hält sich trotz aller Lockerungen an das mit dem Gesundheitsamt abgestimmte Hygienekonzept. Auf Grundlage dieses Konzeptes läge es im Ermessen der Einrichtungsleitung, wie sie die Lockerungen nach den Impfungen im Haus gestalten, sagt das sächsische Sozialministerium.

Jede Einrichtung kocht ihr eigenes "Regel-Süppchen"

Berichte von Angehörigen anderer Pflegeeinrichtungen, die MDR SACHSEN vorliegen, zeigen, dass es dort mitunter weniger Freiheiten für Bewohner gibt. Aus Sorge vor Nachteilen für ihre Angehörigen im Heim wollen sie anonym bleiben. In den Berichten heißt es, dass in den Heimen auch nach den Impfungen weiterhin keine gemeinsame Essen oder Gruppenaktionen angeboten werden. Besucher dürften nicht im Zimmer empfangen werden. Gemeinsame Spaziergänge mit Besuchern in der Umgebung führen demnach für die Bewohner zu bis zu zehntägigen Isolierungen im eigenen Zimmer - trotz Impfung.

Seniorenbeirat rät Besuchsverbote nicht hinzunehmen

Heimleitungen hätten unterschiedliche Pandemieerfahrungen, agierten teils willkürlich, sagt die Vorsitzende des Chemnitzer Seniorenbeirates, Heidi Becherer. "Das führt dazu, dass die Heime ganz unterschiedlich handelten. Dass die Angehörigen keine generelle Erlaubnis haben, sondern je Heim unterschiedlich gehandhabt wird. Unterschiedliche Zeiten, unterschiedliche Möglichkeiten, unterschiedliche Situationen vorliegen", so Becherer. Wer trotz geltenden Rechts, keine Besucher empfangen dürfe, müsse das nicht hinnehmen.

Sie sollten sich unbedingt an die Geschäftsleitung wenden, an den Seniorenbeirat der Stadt, des Landkreises und ans Gesundheitsamt, eventuell noch an das Sozialamt.

Heidi Becherer Vorsitzende des Chemnitzer Seniorenbeirates

"Es gibt keinerlei Regelung, dass in Pflegeeinrichtungen, wo es eine hohe Durchimpfung gibt, diese Maßnahmen - zum Beispiel, dass man gemeinsam isst, dass man bereits wieder Kulturveranstaltungen macht - in irgendeiner Form zu verweigern", sagt die sächsische Sozialministerin Petra Köpping. Sie fordert die Heimleitungen auf, es den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie den Besuchern "so angenehm wie möglich zu gestalten." Vorsicht dürfe nicht so umschlagen, dass die Möglichkeiten, die sich durch die Impfungen ergeben würden, aus der Hand geschlagen würden.

Sachsen könnte Besuchs- und Bewohnerregeln einheitlich aufstellen

Der Appell der Ministerin ist nach Ansicht des BIVA Pflegeschutzbundes unnötig. "Sachsen wälzt - wie zehn andere Landesregierungen auch - die Regelungen der Bewohner- und Besuchsrechte auf die Heimbetreiber ab". Die seien damit jedoch überfordert und würden oft "über das Ziel hinausschießen". Daher fordert der BIVA Pflegeschutzbund bundeseinheitliche Vorgaben, die auch Impfquoten in den Einrichtungen mit berücksichtigen.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 21. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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