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Auf Protesten von Querdenkern gegen Corona-Maßnahmen gehören Verschwörungsmythen oft zum festen Repertoire. Bildrechte: IMAGO / Müller-Stauffenberg

Corona-ProtesteExtremismus-Forscher: Gesellschaft soll radikalen Verschwörern widersprechen

von Robin Hartmann, MDR Aktuell

Stand: 05. Dezember 2021, 05:00 Uhr

Corona polarisiert: Politische Lager, Freundeskreise, selbst Familien, wenn es um Maßnahmen, Impfungen oder Lockdowns geht. Aber vor allem im Internet werden Verschwörungserzählungen, Todesdrohungen oder sogar gefälschte Abschiedsbriefe veröffentlicht, um gegen staatliche Maßnahmen aufzuwiegeln. Vor allem in Sachsen gehen tausende Menschen auf die Straße, verstoßen bewusst gegen Schutzmaßnahmen, greifen Polizisten und Journalisten an und bringen den Rechtsstaat an seine Grenzen.

Er habe sich umgebracht, weil er gezwungen wurde, zu impfen. Die Nachricht kursiert nach dem Suizid eines Chemnitzer Klinikum-Chefs im Internet. Obwohl sie nicht stimmt, wurde sie oft weiterverbreitet, erreichte tausende Menschen.

Element der "autoritären Einstellung"

Professor Oliver Decker von der Universität Leipzig wundert das nicht. In überfordernden Situationen wie einer Pandemie suchten Menschen klare Antworten. Ein Komplott der Mächtigen sei für viele greifbarer als ein unsichtbares Virus, so Decker: "Wir selber erheben in unserer Studienreihe der Leipziger Autoritarismus-Studie schon seit Jahren Verschwörungsmentalität, als ein Element der autoritären Einstellung. Uns war das Problem durchaus bewusst, dass zwischen 30 und 50 Prozent der Bevölkerung diese Ideologien im Hinterkopf haben, und sie wurden nur noch nicht relevant, weil die politische Situation es im Grunde genommen nicht unbedingt notwendig gemacht hat darauf zurückzugreifen."

Die Corona-Pandemie und der politische Umgang damit verunsicherten Menschen. Autoritäre und populistische Parteien und Gruppierungen hätten aktuell ein leichtes Spiel, die Menschen für sich zu vereinnahmen, analysiert Decker, der auch Direktor des Leipziger Else-Frenkel-Brunswik-Instituts ist: "Sie delegitimieren den Staat schon länger und das trifft jetzt einen Nerv bei vielen Menschen. Insofern sind sie im Grunde genommen Krisengewinner momentan und diese Verschwörungserzählung eine Art Einstiegsdroge in den Rechtsextremismus, weil diese Ideologiefragmente, die jetzt zum Tragen kommen, zu den Kernelementen auch des Rechtsextremismus gehören." Das gehe bis hin zu einem Übergangsbereich in den Antisemitismus, der bei der Verschwörungsmentalität auch im Hintergrund stehe.

Landesregierung in der Kritik

Verantwortung dafür trage auch die Politik: Hier sei zu lange gezögert und weggeguckt worden. Ganz ähnlich sieht es Kerstin Köditz. Die sächsische Abgeordnete der Linken fügt aber noch hinzu, in Sachsen sei das Corona-Management der Landesregierung ein Riesenproblem: "Manchmal könnte man ja sogar Verständnis dafür haben, angesichts der politischen Maßnahmen, angesichts des politischen Diskurses, gerade hier in Sachsen, dieses tägliche Hü und Hott, und der eine sagt dies, der andere sagt jenes, die Maßnahmen, die beschlossen werden, werden nicht konsequent durchgesetzt, da kann man ja wahnsinnig werden. Und insofern ist die Radikalisierung des Protestes ja fast wie vorgeschrieben."

Mehrheitsgesellschaft in der Pflicht

Das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet die Radikalisierung auch, antwortet MDR AKTUELL schriftlich: "Die Idee eines gewaltsamen Widerstands gegen demokratische Regeln gehört inzwischen zu den typischen Standardforderungen der Bewegung der Corona-Leugner. Insbesondere die rechtsextremistische Gruppierung "Freie Sachsen", die sich inzwischen als "Mobilisierungsmaschine" der Protestszene in Sachsen fest etabliert hat, steht für die zunehmende Gewaltbereitschaft der Proteste in Sachsen."

Lösen könne das Problem aber nicht die Behörde oder der Staat, schreibt der Verfassungsschutz weiter – und ist sich da mit Extremismusforscher Decker einig: Die Mehrheitsgesellschaft müsse sich äußern und distanzieren. Nur so könnten Extremisten nicht für sich beanspruchen, für die Mehrheit der Gesellschaft zu sprechen. Und auch ein Ende der Pandemie werde zur Beruhigung der Lage führen. Verschwörungstheorien würden dann automatisch wieder an Bindungskraft verlieren.

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Quelle: MDR