Debatte um Abreibung Schwangerschaftsabbrüche: "Diese Entwürdigung macht mich wahnsinnig"

Frauen dürfen in Deutschland nach einer Beratung ihre Schwangerschaft straffrei abbrechen lassen. Oftmals fehlen jedoch Informationen, welche Ärztinnen und Ärzte einen Abbruch vornehmen. Kristina Hänel wurde bundesweit bekannt, nachdem sie wegen angeblicher Werbung auf ihrer Homepage verurteilt wurde. Sie ist eine von hunderten von Ärzten, die von Abtreibungsgegnern angezeigt werden. Viele schweigen darüber. Hänel, hat sich für die Öffentlichkeit entschieden.

Kristina Hänel
Die Ärztin Kristina Hänel nimmt in ihrer Praxis Schwangerschaftsabbrüche vor. Weil das auf ihrer Webseite stand, wurde sie verurteillt. Jetzt klagt sie vor dem Bundesverfassungsgericht. Bildrechte: dpa

Frau Hähnel, Sie haben auf Ihrer Seite über Schwangerschaftsabbrüche informiert, weil Sie sie selbst vornehmen. Wo ist das Problem?

Kristina Hänel: Schon das Wort Werbung ist schwierig. Die Überschrift des Paragrafen 219a lautet "Werbung", doch im Gesetzestext selbst ist die "sachliche Information" verboten für die Menschen, die mit Schwangerschaftsabbrüchen Geld verdienen. Es handelt sich also um einen Strafrechtsparagraphen, der sich allein gegen die Berufsgruppe der Ärztinnen und Ärzte richtet, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

Warum haben Sie Ihren Fall öffentlich gemacht?

Erst konnte ich gar nicht glauben, dass ich wirklich vor Gericht muss. Dann habe ich gemerkt, dass viele Freunde und Bekannte entsetzt waren, dass es überhaupt so einen Paragraphen gibt. Irgendwann habe ich gesehen, dass es ein öffentliches Interesse an diesem Thema gibt. Es geht ja nicht um mich oder eine einzelne Frau, die Informationen braucht. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Thema mit der Frage: Stellen wir Frauen in Notlagen Informationen zur Verfügung oder setzen wir sie diesen widerlichen Webseiten der Abtreibungsgegner aus?

Gerade, wenn wir uns die Entwicklung in der DDR ansehen, versteht das ja heute niemand mehr. Damals gab es ja die Fristenregelung und die Krankenhäuser haben einfach Abbrüche vorgenommen. Das ganze Theater gab es gar nicht.

Jetzt kommen die Frauen ja gar nicht mehr an die Adressen von Ärztinnen und Ärzten, die Abbrüche vornehmen – außer über das Nadelöhr der Beratungsstellen. Oder sie haben einen aufgeschlossenen Arzt oder Ärztin.

Kristina Hänel Gynäkologin

Wenn es diesen nicht gibt, haben sie eben Pech gehabt und müssen alle Adressen abtelefonieren. Manchmal schaffen sie den Weg zum Schwangerschaftsabbruch nicht – obwohl sie die gesetzlichen Bedingungen für einen straffreien Abbruch erfüllen würden.

Seit 1933 verbietet der Strafrechtsparagraph 219a Ärztinnen und Ärzten Schwangerschaftsabbrüche zu ihrem Vermögensvorteil anzubieten. Wie ist das zu bewerten?

Ursprünglich haben die Nationalsozialisten diesen Paragraphen gemacht, um Ärzte verhaften zu können und in Lager zu stecken, die bereit waren, Abbrüche vorzunehmen – also die Vorfeldkriminalisierung. Heutzutage haben wir ein Modell, nachdem Ärzte Abbrüche straffrei und rechtmäßig vornehmen können. Dann kann ich ja nicht mehr verbieten, dass Ärzte auch über ihre Leistungen sowie zu Risiken und Nebenwirkungen bei einem Schwangerschaftsabbruch informieren. Das ist völlig absurd. Ich kann nicht verstehen, dass es diesen Paragraphen noch gibt. Er hat seinen Sinn verloren.

Es wird immer das Argument angeführt, er diene dem Schutz des ungeborenen Lebens. Das tut er natürlich nicht. Er verhindert damit keinen einzigen Abbruch, sondern führt dazu, dass Frauen später zum Schwangerschaftsabbruch kommen, weil sie die Ärzte nicht finden.

Die Logik des Paragraphen würde bedeuten, dass Frauen, die sich nicht informieren können, nicht abtreiben. Ist das so?

Ich weiß nicht, wer das glaubt. Ich denke, das glaubt niemand. Das ist totaler Quatsch. Noch schlimmer ist, dass man denkt, Frauen würden sich für einen Abbruch anwerben lassen.

Das ist ja wirklich richtig verletzend.

Kristina Hänel Ärztin

Die Menschen, die sich mit den Schicksalen von Menschen beschäftigen, die Kinder haben und ungewollt schwanger werden – das sind ja die meisten Frauen. Die wissen eben auch, dass die, die schon mehrere Kinder haben und vielleicht noch einen pflegebedürftigen Schwiegervater, an einen Punkt kommen, an dem sie einfach nicht mehr können. Oder es gibt auch Frauen, die wollen keine Mutter werden, wie auch Männer manchmal nicht Väter werden wollen. Dann zu sagen, ich verleite die zur Abtreibung, weil ich aufkläre und Informationen zu möglichen Komplikationen vermittle, soweit kann gar kein Mensch denken.

Wie geht es den Frauen, die zu Ihnen kommen?

Ich sehe jeden Tag, was die Gesetzeslage und auch der Umgang damit mit den betroffenen Frauen macht. Das bringt mich zur Weißglut. Diese Entwürdigung und dieser Eingriff in die Gesundheit der Betroffenen, das macht mich wahnsinnig. Ich möchte, dass der Artikel 1 des Grundgesetzes - 'die Würde des Menschen ist unantastbar' - auch für Frauen gilt, die ungewollt schwanger sind. Für mich geht es ganz massiv um Würde.

Meine Patientinnen sind in der Regel froh, einen Ort gefunden haben, an dem sie einen Abbruch bekommen können. Neulich meinte eine Frau zu meiner Arzthelferin, nachdem sie einen Termin bekommen hat: 'Jetzt haben Sie mir das Leben gerettet'.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 29. Juni 2021 | 20:00 Uhr

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