Bildung Viel zu viele offene Stellen - Lehrer und Erzieher gehen auf die Straße

Zum Start ins neue Schuljahr hat es an Sachsens Schulen 3.000 offene Lehrerstellen gegeben. Lehrergewerkschaften und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sind der Meinung, dass die Landesregierung nicht genügend gegen diese Personalnot tut. Ähnlich unzufrieden wie die Lehrer sind die Erzieher in den Kitas. Auch dort fehlen Arbeitskräfte. Um die Politik für die Situation zu sensibilisieren, haben Lehrer und Erzieher jetzt vor dem Landtag protestiert.

Demonstrantinnen und Demonstranten haben sich auf einem Platz versammelt. In der Hand halten sie Transparente.
Trotz nasskaltem Wetter hatten sich am Mittwoch kurz nach 17 Uhr jede Menge Demonstranten vor dem Landtag eingefunden. Bildrechte: xcitepress/Finn Becker

Unter dem Motto "Raus aus dem Bildungsnotstand" haben am späten Mittwochnachmittag zahlreiche Erzieher, Lehrer und Eltern vor dem Sächsischen Landtag in Dresden demonstriert. Verschiedene Lehrerverbände und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatten zu dem Protest aufgerufen. Auf den Transparenten waren Slogans wie "Bildungsland ist abgebrannt" oder "Grundrecht auf Bildung in Gefahr" zu lesen.

Der aktuell geplante Doppelhaushalt hat mit dem Bedarf an den Schulen nichts zu tun. Es scheint fast so, dass es einigen ganz gut passt, dass man wegen fehlender Lehrer Geld sparen kann.

Uschi Kruse GEW-Vorsitzende Sachsen

Konkret sorgt der neue sächsische Doppelhaushalt für Unruhe, über den gerade im Landtag beraten wird. Klare Worte fand dafür GEW-Vorsitzende Uschi Kruse: "Der aktuell geplante Doppelhaushalt hat mit dem Bedarf an den Schulen nichts zu tun. Es scheint fast so, dass es einigen ganz gut passt, dass man wegen fehlender Lehrer Geld sparen kann." Stattdessen wäre es notwendig, 300 Millionen Euro zusätzlich in die Hand zu nehmen, um wirkungsvoll etwas gegen den Lehrermangel zu unternehmen, so Kruse.

Menschen protestieren vor dem Landtag in Dresden. 1 min
Bildrechte: MDR
1 min

In Dresden haben Lehrer, Erzieher, Schüler und Eltern vor dem Landtag demonstriert. Sie forderten eine bessere Bildungspolitik.

Mi 21.09.2022 18:53Uhr 00:33 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/dresden/dresden-radebeul/video-demo-dresden-bildung-landtag-100.html

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Bericht des Landesrechnungshofes macht Pädagogen wütend

Auch Empfehlungen wie dem kürzlich veröffentlichten Bericht des Landesrechnungshofes erteilte Kruse eine Absage. Der hatte bemängelt, dass Lehrer mit einem Anteil von 13 Prozent zu viel Zeit für sogenannte unterrichtsfremde Tätigkeiten verwenden. Weil sie diese Zeit per Anrechnungsstunden teilweise von ihrer Pflichtstundenzahl für den regulären Unterricht abziehen können, hatte sich der Rechnungshof für eine Veränderung bei dieser Anrechnung ausgesprochen. Kruse sagte dazu: "Ich halte nichts davon, aus den Lehrern noch mehr Stunden herauszupressen."

Ein Mann mit Vollbart und einer roten Jacke hält eine Fahne in der Hand.
Axel Stumpf hält die Empfehlungen des Landesrechnungshofes nicht für geeignet, um die Lehrersituation in Sachsen zu verbessern. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Die Anrechnungsstunden werden ja unter anderem für die Fachausbildung von jungen Lehrern genutzt. Wenn dort gekürzt wird, würde dies auch den Nachwuchs treffen, obwohl wir den so dringend brauchen.

Axel Stumpf Lehrer in Mittelsachsen

Ähnlich sieht das Axel Stumpf. Er arbeitet als Lehrer in Mittelsachsen. "Die Anrechnungsstunden werden ja unter anderem für die Fachausbildung von jungen Lehrern genutzt. Wenn dort gekürzt wird, würde dies auch den Nachwuchs treffen, obwohl wir den so dringend brauchen. Da beißt sich doch die Katze in den Schwanz." Man habe bereits vor Jahren für die Ermäßigungsstunden im Alter gekämpft, durch die ältere Lehrer ab einem bestimmten Altern weniger unterrichten müssen. "Das war ganz wichtig, sonst wären viele von ihnen gegangen und der Lehrermangel wäre noch größer."

Lehrer wollen weniger Pflichtstunden pro Woche unterrichten

"Das ist nicht der richtige Weg", sagt ebenfalls der 40 Jahre alte Berufsschullehrer Frank aus Leipzig zu den Schlussfolgerungen des Landesrechnungshofes. Um den Beruf noch attraktiver zu machen, hält er einen anderen Weg für sinnvoll: "Die Zahl der Pflichtstunden muss sinken", sagt der Lehrer und plädiert für weitere Entlastungen. Allerdings geht es ihm bei bürokratischen Nebenaufgaben nicht um die Anrechnung, sondern so wie bei den Pflichtstunden um eine Verringerung. "Statt uns um den Unterricht zu kümmern, haben wir zu viel Verwaltungsaufgaben." Ein wenig resigniert sagt er: "Die Situation ist katastrophal und wenig deutet darauf hin, dass sich was ändert."

Meißner Schülerin befürchtet Nachteile für nächste Generation

Große Defizite sieht auch die 15-jährige Amy, die im Kreisschülerrat Meißen und im Landesschülerrat aktiv ist. "Ich kenne Fälle, wo am Gymnasium in Meißen in der 11. und 12. Klasse Informatik gestrichen wurde." Im Zeitalter der Digitalisierung sehe sie durch fehlende Lehrerinnen und Lehrer Nachteile für die heranwachsende Generation. "Digitale Tafeln und Tablets sind schön und gut, aber die bringen am Ende auch nur etwas, wenn sie auch genutzt werden."

Erzieher fordern besseren Personalschlüssel bei Betreuung

Neben den Schulen standen bei der Demonstration auch die Kitas im Vordergrund. Dort ging es vor allem um den Betreuungsschlüssel, der in Sachsen laut Kultusministerium bei 1:5 in der Krippe (Empfehlung 1:3) und bei 1:12 im Kindergarten (Empfehlung bei 1:7,5) liegt. "Der Personalschlüssel ist in Sachsens Kitas grottig schlecht", sagte Olaf Bogdan, der seit 2005 in Dresden als Erzieher arbeitet.

Heutigen Kindern nütze es nichts, wenn sich "vielleicht mal 2032 was ändert". "Durch Urlaub, Krankheit oder Weiterbildungen müssen Erzieher in Sachsen immer mehr Kinder betreuen. Daher sind auch Vertretungskapazitäten nötig", sagte Bogdan. Eine ebenfalls aus Dresden stammende 29 Jahre alte Erzieherin sagte im Gespräch mit MDR SACHSEN: "Normalerweise sollte man individuell auf jedes einzelne Kind eingehen. Das macht die Qualität der Betreuung aus. Wenn es aber so viele Kinder sind, ist das schwierig."

Männer und Frauen stehen auf der Bühne und halten Schilder mit verschiedenen Worten in die Kamera.
Mit einer Prise Sarkasmus zeigten Gewerkschaftsmitglieder, welche Eigenschaften die idalen Bewerberinnen und Bewerber in den sächsischen Kitas haben müssten. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

MDR (sth)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 21. September 2022 | 19:00 Uhr

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