Fakt ist! Grüner Impfpass: Scheitert Deutschland an digitaler Rückständigkeit?

Strichlisten zur Kontaktnachverfolgung und Faxgeräte in den Gesundheitsämtern - so wenig digital zeigte sich Deutschland in der Corona-Krise. Obwohl die Politik in Sonntagsreden gern betont, wie wichtig die Digitalisierung sei, sah die Wirklichkeit anders aus. Mit der Digitalexpertin Ariane Schenk vom Verband "Bitkom" haben wir darüber geredet, was wir in puncto Digitalisierung von anderen Ländern lernen können und welche Schlüsse die nächste Bundesregierung aus der Pandemie ziehen sollte.

Eine blonde Frau im mittleren Alter lächelt in die Kamera, Ariane Schenk
Ariane Schenk ist seit Juli 2019 für den Digitalverband Bitkom tätig. Sie leitet den Bereich Health & Pharma. Bildrechte: Bitkom

MDR SACHSEN: Frau Schenk, während wir in Deutschland noch über den grünen Impfpass reden, gibt es diese digitale Möglichkeit in Frankreich und Dänemark bereits. Patienten bekommen dort nach ihrer Corona-Schutzimpfung einen QR-Code als digitalen Nachweis. Warum dauert bei uns immer alles so lange?

Ariane Schenk: Das hat mehrere Gründe. Zum einen handelt es sich um EU-Gesetzgebung, die in nationales Recht umgesetzt werden muss. Zum anderen hatte Deutschland parallel dazu schon lange geplant, dass der bisherige gelbe Impfpass ab 1. Januar 2022 Teil der digitalen Patientenakte wird. Da würde es keinen Sinn machen, jetzt ein grünes Impfzertifikat zu entwickeln, das davon völlig losgelöst ist. 

Insgesamt gilt aber, dass die Digitalisierung des Gesundheitssystems in Deutschland schon seit Jahren deutlich hinter anderen Ländern zurücksteht. Das ist uns jetzt in der Pandemie auf die Füße gefallen und hat auch verhindert, dass schnell und pragmatisch ein digitales Impfzertifikat eingeführt werden konnte.

Digitaler Impfpass
Ein digitaler Impfpass könnte den Alltag für Geimpfte vereinfachen - vom Einkauf bis zum grenzüberschreitenden Reisen. Bildrechte: imago images/Sven Simon

Der digitale Impfpass reiht sich in eine Vielzahl an Schwachstellen ein, die Corona offengelegt hat. Vor allem zu Beginn der Pandemie geschah die Kontaktnachverfolgung noch per handgeschriebener Liste und die Gesundheitsämter übermittelten ihre Corona-Zahlen per Fax. Auch die Corona-Warn-App war teuer, aber ziemlich kompliziert. Stellt sich die Frage: Können wir Digitalisierung nicht?

Technologisch gesehen können wir Digitalisierung durchaus, aber es hapert an der Umsetzung. Bei der Corona-Warn-App wollte man beispielsweise eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung haben und hat daher aufgrund der Datenschutzbedenken auf so viel Anonymisierung wie möglich gesetzt. In diesen Rahmen hat es nicht gepasst, dass Menschen individuell zurückverfolgt werden können, um die Corona-Pandemie besser zu bekämpfen.

Ein weiterer Punkt sind Schnittstellen. Sie können die besten technischen Lösungen für die Kontaktnachverfolgung oder die Terminvergabe beim Impfen haben, das nützt aber nichts, wenn sich die Systeme in Behörden wie den Gesundheitsämtern nicht daran anbinden lassen.

Eine in Excel übertragene Strichliste ist ja pro forma auch schon eine Form der Digitalisierung. Bitte erklären Sie, was den Unterschied zu Apps mit den entsprechenden Schnittstellen ausmacht?

Die eigentliche Innovation beginnt doch erst, wenn die Daten per App automatisch erhoben und dann von A nach B transportiert werden. Das ist etwas anderes, als lediglich analoge Dinge wie Strichlisten zu digitalisieren. Aber das gelingt nur, wenn man von Anfang an digital denkt.

Was meinen Sie damit?

Am Ende ist das auch eine Mentalitätsfrage. Bevor bei uns etwas technisch entwickelt wird, führen wir oft endlose Debatten, anstatt einfach mal loszulegen. Der Vorteil von digitalen Produkten besteht ja gerade darin, dass sie im Nachhinein angepasst werden können, beispielsweise wenn die Nutzer ein bestimmtes Feedback geben. Diese Flexibilität fehlt uns ein bisschen. 

SAH - Corona-Warnapp
Im Juni 2020 startete die Corona-Warnapp in Deutschland - nach mehrwöchiger Verzögerung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Schleswig-Holstein kümmert sich ein Anbieter um das Impfportal, der sonst Konzerttermine vergibt. Ist es sinnvoll solche Aufgaben an die Wirtschaft auszulagern, um die staatliche Bürokratie zu umgehen?

Staatliche Lösungen haben im Bereich der digitalen Gesundheitswirtschaft bisher selten funktioniert. Daher ist es selbstverständlich klug, Anwendungen, die sich schon tagtäglich im Markt bewährt haben, einzusetzen. Wir haben ja in der Pandemie gesehen, wie private Anbieter auf die erhöhte Nachfrage reagiert und innerhalb kürzester Zeit Produkte herausgebracht und ihre Kapazitäten hochgefahren haben. Natürlich sollte man diese Schnelligkeit und Kompetenz nutzen. 

Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Was muss sich ändern, damit Deutschland digital nicht den Anschluss verliert?

Ein Lehrer am Gymnasium, gibt Matheunterricht an einem Bildschirm.
Für Ariane Schenk vom Branchenverband "Bitkom" ist die digitale Infrastruktur in Deutschlands Schulen nicht ausreichend. Bildrechte: dpa

Ich glaube, wenn wir uns bewusstmachen, wie wir in der Corona-Pandemie hinter unseren Möglichkeiten zurückgeblieben sind, ist das schon einmal ein guter Wegweiser. Außerdem sollte die Infrastruktur im Vordergrund stehen. Ob in Gesundheitsämtern oder in Schulen - überall hat sich gezeigt, dass die nicht mehr ausreicht. Allerdings müssen die Maßnahmen aus einem Guss sein. Wir brauchen eine Strategie und es muss der Satz gelten: Digitalisierung ist Chefsache.

Um das Ganze abzurunden, müssen wir auch beim Datenschutz eine gesamtgesellschaftliche Diskussion führen: Wir brauchen sicherlich Datensicherheit, gleichzeitig müssen wir aber auch die Möglichkeiten der Datennutzung aufzeigen. 

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 17. Mai 2021 | 22:40 Uhr

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