Teilnehmer gesucht Studie gestartet: Wer wird in Sachsen wie diskriminiert?

Diskriminierung ist keine Randerscheinung, sondern Alltag. Das wissen längst nicht nur Betroffene. Wo und wie Diskriminierung im Freistaat auftritt, das soll jetzt eine Studie des Deutschen Instituts für Integrations- und Migrationsforschung herausfinden. Forschungsinstitut und Landesregierung sagen: Angesprochen sind dabei alle in Sachsen lebenden Menschen.

Schattenbild von Händen von Leuten, die auf eine Frau mit den Finger zeigenzeigen.
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Dresdner Neustadt, Alaunpark. Johannes Altmann und Victoria Henneberg haben sich vor einem Jahr in Dresden kennengelernt. Der Grund: die gemeinsame Sache der Aktivisten - Black Lives Matter. Große Demonstrationen, die weltweit, auch in Sachsen, zehntausende Menschen gegen Diskriminierung und Rassismus auf die Straße brachten. Die Demonstrationen hätten die "BPoC‘s" (Black People of Colour) nicht nur in Dresden, sondern auch in ganz Deutschland zusammengebracht, meint Johannes Altmann. Die Vernetzung helfe allen Betroffenen von Diskriminierung.

Diese Bewegung hat einfach gezeigt, dass das Thema nicht totgeschwiegen werden kann, sondern dass Rassismus in der Mitte der Gesellschaft vorhanden ist. Durch so viele Betroffene, die auf die Straße gegangen sind, kann jetzt niemand mehr sagen: Das Problem haben wir hier nicht.

Johannes Altmann Black Lives Matter-Aktivist

Gewalt und immer gleiche Fragen

Johannes Altmann ist in Bad Gottleuba-Berggießhügel aufgewachsen, macht gerade eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker. Victoria Henneberg ist in Dresden geboren, arbeitet als Gasttänzerin in der Semperoper. Über ihre Diskriminierungs-Erfahrungen, von Gewalt bis zu den immer gleichen Fragen, könnten die Dresdnerin und der Dresdner ganze Bücher schreiben, sagen sie. Von der Schulzeit bis zur Karriere, ihr Aussehen sei schon viel zu oft von anderen Menschen zum Problem gemacht worden.

Studie Diskriminierung Sachsen
Victoria Henneberg arbeitet als Gasttänzerin in der Semperoper und engagiert sich für Black Lives Matter. Bildrechte: Torben Lehning

Eine Frage die mir echt zum Hals raushängt ist: 'Wo kommst du her?' Und dann sage ich natürlich: 'Ich bin Dresdnerin'. Es ist ja auch so. Wenn man dann aber noch zehn Mal nachgefragt wird, 'ja wo kommst du denn wirklich her?', dann denke ich mir: Merkt ihr's noch? Wenn jemand vor euch steht, der Hochdeutsch spricht.

Victoria Henneberg Black Lives Matter-Aktivistin

Studie will alle Formen von Diskriminierung untersuchen

"Diskriminierung kann jeden und jede treffen", sagt Sachsens Justiz- und Gleichstellungsministerin Katja Meier. Wo und in welcher Form dies geschieht, soll nun eine Studie herausfinden. Im Auftrag des Freistaats führt das Deutsche Institut für Integrations- und Migrationsforschung (DEZIM) jetzt eine Online-Befragung durch. Diese soll repräsentativ ermitteln, welche Arten von Diskriminierung es im Freistaat gibt.

Dabei gehe es nicht nur um rassistische Erfahrungen, sondern auch um Diskriminierung aufgrund von Alter, Größe, Gewicht, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion oder Behinderung, erklärt Institutsdirektorin Naika Foroutan. Es sei bundesweit die breiteste Studie dieser Art überhaupt. "Sachsen nimmt hier eine Vorreiterrolle ein", so Foroutan. Die Betroffenen-Befragung soll detailreiche Erkenntnisse liefern, eine Bevölkerungsbefragung die Repräsentativität der Ergebnisse sicherstellen.

Studie Diskriminierung Sachsen
Beratungs-Schwerpunkte des Antidiskriminierungsbüros Sachsen. Bildrechte: Antidiskriminierungsbüro Sachsen

Teilnehmen können sollen alle Menschen in Sachsen. Die Online-Befragung dauert 25 Minuten und ist in vielen Sprachen verfügbar. Menschen, die eine ausgedruckte Version des Fragebogens zugesendet bekommen möchten, können sich an das DEZIM wenden.

Die Studie solle eine Übersicht liefern, so Ministerin Meier. Die Debatte über Diskriminierung dürfe nicht immer nur über einzelne Betroffene geführt werden:

Katja Meier, Staatsministerin der Justiz und fuer Demokratie, Europa und Gleichstellung von Sachsen, spricht zu den Medien im Rahmen der Sitzung des Bundesrates in Berlin.
Katja Meier, Staatsministerin der Justiz und fuer Demokratie, Europa und Gleichstellung von Sachsen. Bildrechte: imago images/photothek

Diskriminierung erfährt natürlich jede und jeder Einzelne, aber es ist ein gesellschaftliches Problem. Es geht um die Stimmung im Land. Es geht um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn Menschen diskriminiert werden aufgrund verschiedener Merkmale, dann ist das nicht nur ein individuelles Problem des Betroffenen, sondern das macht natürlich auch etwas mit der Gesellschaft insgesamt.

Katja Meier Justiz- und Gleichstellungsministerin Sachsen

Sachsens Schwerpunkte

In den sächsischen Antidiskriminierungsbüros (ADB) können Betroffene bereits jetzt schon Hilfe und Beratung finden. Die Erfahrungen, mit denen Menschen die zu ihnen kämen seien sehr unterschiedlich, erklärt Geschäftsführerin Sotiria Midelia.

Es geht um Menschen, die am Arbeitsplatz aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden und nicht wissen an wen sie sich wenden können. Oder um Menschen mit Behinderung, die sich in ihrem Wohnumfeld nicht frei bewegen können, weil die Infrastruktur fehlt. Wir helfen, die richtigen Kontaktstellen zu finden. Wir können beraten und die Verantwortlichen anschreiben.

Sotiria Midelia Geschäftsführung Antidiskriminierungsbüro Sachsen

Die Antidiskriminierungsbüros beraten in Leipzig seit 2006 und wurden seitdem stetig ausgebaut. Mittlerweile gibt es zwei weitere Büros in Dresden und Chemnitz. Gerade in Pandemiezeiten fänden viele Beratungen auch online statt, so Midelia. Die langjährige Beratungserfahrung der ADBs zeige in Sachsen Diskriminierungsschwerpunkte auf.

Wissen

Zwei Frauen sitzen nebeneinander, eine hat ein Mikrofon 7 min
Die Politikerin Aminata Touré im Gespräch mit MDR-Reporterin Daniela Schmidt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf Grundlage unserer Fallzahlen der letzten drei Jahre ist ganz klar: Diskriminierung aufgrund von rassistischer Zuschreibung ist die häufigste Diskriminierungsart, gefolgt von Diskriminierung aufgrund einer Behinderung oder aufgrund des Geschlechts. Lebensalter und Religion und Weltanschauung sind eher nachgeordnet. Das sind die häufigsten Gruppen in unserer Beratung.

Sotiria Midelia Geschäftsführung Antidiskriminierungsbüro Sachsen

Das reiche aber nicht aus, so Sotiria Midelia,  eine Studie könne repräsentative und belastbare Zahlen liefern.

Handlungsanweisungen gesucht

Erst mit belastbaren Zahlen und Fakten könnten auch Maßnahmen eingeleitet werden, um Diskriminierung im Freistaat zu bekämpfen, so  Ministerin Meier. Gerade was diskriminierende Strukturen von Behörden angehe, könne die Studie Handlungsanweisungen für die Politik liefern.

Wir haben uns im Koalitionsvertrag vorgenommen, dass wir Gesetzeslücken identifizieren wollen. […] Und auf Grundlage dieser Studie werden wir dann schauen, ob wir hier in Sachsen dann auch gesetzgeberisch tätig werden müssen.

Katja Meier Justiz- und Gleichstellungsministerin Sachsen

Bereits Ende des Jahres sollen die Ergebnisse der Studie vorgestellt und ausgewertet werden. "Es wird allerhöchste Zeit, dass etwas passiert", meint Victoria Henneberg. Sie und Johannes Altmann können sich vorstellen an der Studie teilzunehmen - unter einer Bedingung:

Studie Diskriminierung Sachsen
Johannes Altmann ist in Bad Gottleuba-Berggießhügel aufgewachsen, macht gerade eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker. Bildrechte: Torben Lehning

Was auf gar keinen Fall passieren darf ist: Wenn eine Studie durchgeführt wurde, dass jeder sagt: 'Gut - wir haben die Zahlen, wir haben die Fakten, so ist es. Jo, wir wissen Bescheid und danke.' Thema Checkliste oder Trend je nachdem.

Johannes Altmann Black Lives Matter-Aktivist

Als Erfolg würden es die Studienmacher sehen, wenn mindestens 1.000 Menschen an der Online-Befragung teilnehmen, so die DEZIM Institutsdirektorin Foroutan. Klar sei jedoch auch: "Je mehr Menschen daran teilnehmen, desto besser".

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 11.03.2021 | 19:00 Uhr

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