Hintergrund Die Inzidenz auf dem Prüfstand

Baden-Württemberg hat angekündigt, sich von Inzidenzwerten als alleinigem Maßstab für Freiheitseinschränkungen zu verabschieden. Professor Michael Albrecht vom Universitätsklinikum Dresden hatte schon im März 2021 einen Frühwarnmechanismus auf Basis der Klinikbettenbelegung entwickelt - eine Notbremse für die dritte Infektionswelle in Sachsen. Ein Mix aus Inzidenzwerten und Bettenauslastung wäre womöglich die beste Lösung. Dafür bräuchte es jedoch verlässliche Daten.

PK Angela Merkel, Markus Söder und Michael Mueller
Ein typisches Bild der Krise: Neue Corona-Regeln werden in Berlin beschlossen. Bildrechte: dpa

Mit der 7-Tage-Inzidenz werden jene Infizierte pro 100.000 Einwohner in einer bestimmten Region beziffert, deren Ansteckung in den vergangenen sieben Tagen per PCR-Test von einem Labor bestätigt und gemeldet wurden. Das Problem: Mit steigender Impfquote sinken die Testangebote und -pflichten, mit denen auch asymptomatische Infektionen überhaupt entdeckt werden können.

Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht regelmäßig Zahlen zu durchgeführten PCR-Tests von bundesweit etwa 200 teilnehmenden Laboren. Innerhalb der vergangenen zwei Monate haben sich diese wöchentlichen Testungen aber mehr als halbiert. Derzeit steigen also die Inzidenzwerte, obwohl immer weniger getestet wird. Das wiederum heißt: Das Infektionsgeschehen steigt derzeit schneller als es der Inzidenzwert allein suggeriert und obwohl immer mehr Menschen geimpft sind.

Entwicklung der Anzahl der PCR-Tests in Deutschland
Im Abwärtstrend: Anzahl der PCR-Tests. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Regionale Vergleiche: Wohl nur Kaffeesatzleserei

Lockerungen von Maßnahmen gegen die Pandemie werden immer wieder mit regional oder sogar lokal relativ niedrigen Inzidenzwerten begründet. Aber sind Vergleiche zwischen verschiedenen Bundesländern oder gar Landkreisen bzw. kreisfreien Städten überhaupt möglich auf Basis der jeweiligen Inzidenzwerte? Dafür bräuchte es verlässliche Zahlen zu insgesamt durchgeführten Tests innerhalb der Regionen.

Beispielsweise haben Berlin und Sachsen jeweils rund 4 Millionen Einwohner. Aktuell (Stand 12. August) liegt die 7-Tage-Inzidenz in Berlin bei 44,4 und in Sachsen bei 9,8. Heißt das also, dass das Coronavirus in Berlin etwa viermal so stark wütet wie in Sachsen? Oder wurden bei der gleichen Infektionsrate in der Hauptstadt einfach nur viermal so viele Menschen getestet und somit auch viermal so viele Infizierte entdeckt? Inwiefern hängen also unterschiedliche Inzidenzwerte von unterschiedlichen Testzahlen ab?

RKI-Antwort bleibt vage

Diese Frage hat MDR SACHSEN dem RKI gestellt. Die recht unbefriedigende Antwort: "Der Anteil teilnehmender Labore und auch die Abdeckung der Einsendertypen (Krankenhaus, Arztpraxis, Andere) für unterschiedliche Bundesländer variieren, was die Vergleichbarkeit erschwert. Weitere Daten haben wir meines Wissens leider nicht."

Impfgegner könnten Freiheitseinschränkungen beenden

Professor Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Uniklinikums Dresden, ist im Interview mit MDR SACHSEN merklich enttäuscht darüber, trotz hierzulande reichlich vorhandener Impfangebote überhaupt noch über freiheitsbeschränkende Vorschriften diskutieren zu müssen. Ganz unabhängig von dem Problem mit der dürftigen Datenlage bei Inzidenzwerten.

Frust über niedrige Impfrate

"Jetzt im Moment haben wir das Problem, dass wir weit weg sind von der notwendigen Durchimpfungsquote. Und das machen sich Impfgegner nicht bewusst. Wir haben nicht viele Maßnahmen: Wir haben die Maske, wir haben den Abstand und am Ende das Verbot von Kontakten. Mehr gibt es nicht. Und als einzige aktive Maßnahme gibt es eine Impfung", erklärte der Mediziner MDR SACHSEN.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 13. August 2021 | 19:00 Uhr

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