AKW in der Ukraine Dresdner Experte: "Ein Atomkraftwerk darf nicht sich selbst überlassen werden"

Im Kampf um Saporischschja hatte es auf dem Areal des Atomkraftwerks gebrannt. In Tschernobyl war tagelang die Stromleitung zu den stillgelegten Reaktorblöcken unterbrochen. Wie steht es um die Sicherheit der Kernkraftwerke in den Kriegsgebieten? MDR SACHSEN hat mit Dr. Sören Kliem darüber gesprochen. Er ist Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit am Helmholtz-Zentrum in Dresden-Rossendorf.

Kernkraftwerk Saporischschja
Bei Gefechten in der Ukraine hatte es in einem Gebäude des Atomkraftwerks von Saporischja gebrannt. Die Feuerwehr gelangte wegen der Kämpfe zunächst nicht an den Brandherd, konnte einige Stunden später dann aber das Feuer löschen. Bildrechte: dpa

Herr Kliem, haben Sie die Nachrichten aus der Ukraine beunruhigt?

Ja, ein Kernkraftwerk ist schon ein sensibles Konstrukt. Da sollte man sich schon kümmern, dass dort nichts passiert. Das hat mich auch beunruhigt, was ich da gehört habe. Nicht so sehr wegen des havarierten Reaktorblocks in Tschernobyl. Aber in Saporischschja ist ja ein laufendes Kernkraftwerk, das durch russische Truppen eingenommen wurde.

Das Wichtigste ist, dass das Kraftwerk durch qualifiziertes Personal betrieben wird. Ein Kraftwerk darf man nicht sich selbst überlassen. Das muss überwacht werden. Und dafür braucht es qualifizierte Leute, die wissen, was sie tun.

Was würde passieren, wenn dieses Personal nicht mehr da ist?

Es kann zu Störungen kommen. Wenn es einen anormalen Betrieb oder Probleme gibt, dann kann man den Reaktor abschalten. Damit wird die Kettenreaktion sofort unterbrochen.

Allerdings gibt es das Problem der Nachzerfallswärme. Das führte auch zum Unglück in Fukushima in Japan. Man muss sich darum kümmern, dass die Nachzerfallswärme abgeführt wird. Normalerweise ist das kein Problem: Selbst bei abgeschaltetem Reaktor hat die Anlage Strom, um die Kühlung aufrechtzuerhalten und diese Nachzerfallswärme abzuführen.

Nun ist es in der Ukraine bereits flächendeckend zu Stromausfällen gekommen. Was macht man dann?

Wenn es Probleme in den Stromnetzen gibt, dann greift das System der Dieselgeneratoren. In Deutschland hatte man zum Beispiel pro Reaktorblock vier Dieselgeneratoren. Von denen ist aber einer ausreichend, um die Nachzerfallskühlung aufrechtzuerhalten.

Das Kraftwerk ist also autark und hat die entsprechenden Einrichtungen, um eben diese Sicherheitsvorkehrungen und die Kühlung aufrechtzuerhalten.

Wie lange müssen die Kühlsysteme in einem heruntergefahrenen Kraftwerk laufen?

Relativ lange. Da geht es um Jahre. Typischerweise müssen die Brennelemente drei bis vier Jahre mit Wasser gekühlt werden. Das passiert aber normalerweise nicht mehr im Reaktor, sondern im Abklingbecken, wohin die Brennelemente ausgeladen werden.

Dafür sind die Dieselgeneratoren aber nicht ausgelegt?

Der Dieselgenerator ist für die kurzfristige Überbrückung, typischerweise eine Woche, vorgesehen. Dann muss dafür gesorgt werden, dass innerhalb dieser Zeit entweder wieder Strom fließt oder Diesel angeliefert wird, um die Generatoren weiter zu betreiben.

Was passiert, wenn die Kühlung abbricht?

Dann würden die Brennstäbe anfangen zu schmelzen, so ähnlich wie ein Fukushima. Sie würden aufschmelzen und in den unteren Reaktorteil tropfen.

Zerstört das den Reaktor, so dass Strahlung austreten kann?

Nicht unbedingt. Das kann der Reaktordruckbehälter aushalten. Und dann gibt es noch die Betonschutzhülle um den gesamten Kreislauf des Reaktors herum. Diese Hüllen müssen nicht notwendigerweise kaputtgehen. Das hängt dann vom Szenario, von der Geschwindigkeit und verschiedenen anderen Sachen ab.

Sören Kliem beschäftigt sich mit Reaktorsicherheit am Helmholtz-Zentrum in Dresden-Rossendorf.
Bei seiner Forschung beschäftigt sich Dr. Sören Kliem unter anderem mit Störfallanalysen bei Kernreaktoren. Rechenprogramme werden genutzt, um Störfälle in Atomkraftwerken zu simulieren. Bildrechte: J. Grämer,HZDR

Also ist das Herunterfahren eines Kraftwerks erst einmal unproblematisch?

Ja. Das Herunterfahren eines Kraftwerkes ist ein normaler Vorgang, der auch einmal im Jahr nötig ist, um einen Teil der Brennelemente auszutauschen. Da produziert der Reaktor ebenfalls keinen Strom, aber die Kühlung wird aufrechterhalten.

Was beunruhigt Sie dennoch?

Wenn ein Kernkraftwerk in Schwierigkeiten gerät, ist das nicht ohne Risiko. Mich beunruhigt die Nähe zu den Kämpfen. Da kann immer etwas passieren. Sei es, dass ein Feuer ausbricht oder dass Raketen fehlgeleitet werden. Das sind Gefahren.

Könnte eine Rakete eine Reaktorkatastrophe auslösen?

So pauschal kann man das auch nicht sagen. Zum Beispiel wurden die deutschen Kraftwerke in den 1980er-Jahren so gebaut, dass sie einem Flugzeugabsturz standhalten. Also so pauschal kann man nicht sagen, wie ein Kraftwerk auf eine Rakete reagiert. Das ist Spekulation.

Ist ein zweites Tschernobyl möglich?

Die Reaktorblöcke in Tschernobyl hatten grundsätzlich ein anderes physikalisches Wirkprinzip. Die jetzt am Netz befindlichen Reaktoren der Ukrainer sind den westlichen Druckwasserreaktoren sehr ähnlich. Bei denen ist so eine Havarie, so eine Explosion, wie wir sie in Tschernobyl erlebt haben, nicht möglich. Selbst wenn etwas passieren würde, gibt es dieses Containment [Sicherheitsbehälter, Anm. d. Red.], das den größten Teil der radioaktiven Stoffe zurückhält. Die Angst vor einem zweiten Tschernobyl ist nicht begründet.

Ich kann es nur noch einmal betonen das Fachpersonal ist das Wichtigste, dass die sich darum kümmern, dass dort nichts passiert.

MDR (ma)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 12. März 2022 | 07:00 Uhr

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