Aktion "Barber Angels" schneiden Bedürftigen in Dresden kostenfrei die Haare

21. Mai 2023, 18:22 Uhr

Ein Haarschnitt hat nicht nur mit Eitelkeit zu tun. Stattdessen geht es darum, gepflegt zu sein und sich wohlzufühlen. Doch was für viele Menschen selbstverständlich ist, können sich Obdachlose und Menschen mit wenig Geld nicht leisten. Der Friseurbesuch ist für sie häufig unerreichbar. Die "Barber Angels" wollen das ändern. Einmal im Monat schneiden die Friseurinnen und Friseure auch in Sachsen kostenfrei die Haare. MDR SACHSEN hat sich das in Dresden einmal angesehen.

Entspannt sitzt die 69 Jahre alte Annerose auf ihrem Stuhl. An diesem Sonntag ist die Dresdnerin ins Lindenhaus der Heilsarmee gekommen, um sich von den "Barber Angels" kostenfrei frisieren zu lassen. "Ich war zum letzten Mal vor fünf Jahren beim Friseur. Das hat damals über 50 Euro gekostet. Mir wird das einfach zu teuer", sagt die Rentnerin.

Bereits zum dritten Mal nehme sie an dem Friseurtermin der "Barber Angels" teil. Bisher sei sie jedes Mal sehr zufrieden gewesen. "Das ist einfach herrlich. Es fühlt sich so gut an, wenn der Kopf wieder etwas luftiger ist. Außerdem mag ich auch die freundliche Atmosphäre hier", schwärmt Annerose.

Ich war zum letzten Mal vor fünf Jahren beim Friseur. Das hat damals über 50 Euro gekostet. Mir wird das einfach zu teuer.

Annerose Rentnerin aus Dresden

Rockeroutfits sollen Menschen Hemmschwelle nehmen

Dass sich die Menschen wohlfühlen, liegt auch Claudia Mihaly-Anastasio am Herzen. Die Friseurin aus Freital leitet den Verein "Barber Angels Brotherhood" in Sachsen. "Schon durch unsere Rocker-Outfits wollen wir eine Niederschwelligkeit signalisieren, damit die Leute keine Hemmungen haben, zu uns zu kommen. Das würde mit einem Gucci-Kleid nicht funktionieren", sagt die 48-Jährige.

An diesem Sonntag ist sie mit 19 weiteren Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die in ihrer Freizeit bedürftigen Menschen helfen wollen. Das Team besteht aus Friseuren, Kosmetikern und Helfern, die sich um organisatorische Dinge kümmern. "Der soziale Abstieg kann ja wirklich jeden treffen. Wir hatten auch schon ehemalige Rechtsanwälte und Kapitäne bei unseren Aktionen."

Der Großteil der Menschen, die sich von den "Barber Angels" die Haare schneiden ließen, seien Obdachlose. "Es fällt uns zudem auf, dass es viel Altersarmut gibt", sagt Mihaly-Anastasio. In Dresden kämen im Schnitt 50 bis 60 Menschen zu den Terminen.

Der soziale Abstieg kann ja wirklich jeden treffen. Wir hatten auch schon ehemalige Rechtsanwälte und Kapitäne bei unseren Aktionen.

Claudia Mihaly-Anastasio Leiterin der "Barber Angels" in Sachsen

Besucher erhalten auch Mittagessen, Hygieneprodukte und Lesebrille

Einer von ihnen ist diesmal auch der 80 Jahre alte Harald. Dem Dresdner Rentner ist der Friseur ebenfalls viel zu teuer. "Das geht ganz schön ins Geld", sagt er. Bei den "Barber Angels Sachsen", die im Wechsel alle vier Wochen in Dresden, Leipzig und Chemnitz frisieren, war er aber auch schon länger nicht mehr. "Für mich ist das anstrengend, draußen lange in der Sonne zu warten", erklärt der 80-Jährige. Dennoch ist er froh, dass er sich wieder mal durchgerungen hat, vorbeizuschauen. "Es ist ein gutes Gefühl, vom Profi frisiert zu werden."

Neben dem kostenfreien Haarschnitt profitieren die Besucherinnen und Besucher noch von weiteren Angeboten im Lindenhaus. So erhalten sie Tomatensoße mit Reis als warme Mahlzeit und es werden Beutel mit Hygieneartikeln wie Duschbad und Rasierer ausgegeben. Auch Lese- und Sonnenbrillen können ausgewählt und mitgenommen werden. "Da sind wir unseren vielen Sponsoren wirklich sehr dankbar. Ohne sie wäre das nicht möglich", betont Claudia Mihaly-Anastasio.

Ehrenamtliche wollen Aktion nicht an die große Glocke hängen

An die große Glocke hängen möchte sie die Hilfsaktion dennoch nicht. Im Vordergrund sollen die Menschen und ihre Bedürfnisse stehen. Selbtdarstellung ist tabu. Das hat auch der 44 Jahre alte Marko verinnerlicht. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er im Team von Claudia Mihaly-Anastasio mit. Für ihn ermöglicht die ehrenamtliche Arbeit vor allem einen Perspektivwechsel.

"Die Einzelschicksale sind immer wieder bewegend. Das sind Dinge, die weit weg von meinem Alltag sind, aber eigentlich jedem passieren können", sagt Marko und fügt an: "Mir ist es lieber, den Menschen konkret mit meiner Arbeit zu helfen, als einfach anonym Geld zu spenden." Darüber hinaus gibt es für ihn noch einen weiteren Aspekt, der das Engagement für ihn interessant macht: "Ich arbeite sonst allein. Bei den 'Barber Angels' komme ich hingegen mit Kollegen aus anderen Städten in Kontakt und kann mich mit ihnen austauschen."

Barber Angels Brotherhood - Im Jahr 2016 gründete Claus Niedermaier die "Barber Angels Brotherhood" in Biberach.
- Seit 2019 gibt es die "Barber Angels" in Dresden, später kamen dann auch Leipzig und Chemnitz dazu.
- Einmal im Monat gibt es in Sachsen im Wechsel einen Termin in Dresden, Leipzig und Chemnitz.
- In Dresden frisierten die "Barber Angels" zunächst in der Bahnhofsmission, bevor es dann ins Lindenhaus ging.

MDR

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