Corona Impfung Mobile Impfteams kritisieren unzumutbare Zustände

Keine Impfungen in den Pflegeheimen, Wartezeiten bei der Impfstoffbeschaffung, Arbeit an der Belastungsgrenze, Frust bei den Impfwilligen und fehlende stationäre Angebote: Das kritisieren Ärzte, Pfleger und Helfer der vier mobilen Impfteams Dresden in einem offenen Brief. Sie fordern unter anderem eine größere Aufstockung der mobilen Impfangebote als bisher geplant.

Impfwillige warten in einer langen Schlange an der TU Dresden auf einen Impftermin.
Hausärzte und mobile Impfteams können der hohen Nachfrage nach Corona Impfungen derzeit nicht nachkommen. Hunderte Impfwillige müssten nach oft stundenlangem Warten wieder nach Hause geschickt werden. Bildrechte: dpa

Seit Ende Oktober empfiehlt die sächsische Impfkommission eine Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus für alle Menschen. Den sogenannten Booster wollen sich zunehmend mehr Menschen verpassen lassen. In den vergangenen fünf Wochen stieg die Nachfrage danach laut DRK Sachsen um 96 Prozent. Doch bei der extrem hohen Nachfrage kommen Hausärzte und mobile Impfteams nicht nach. Bei zahlreichen Hausärzten gibt es die nächsten Impftermine erst im Februar. Viele stellen sich daher bei den Impfaktionen der mobilen Teams an. Doch die müssen dann hunderte Impfwillige wegschicken, die sich oft schon stundenlang angestellt haben. Das sorgt für viel Frust – auf beiden Seiten.

Während die Corona-Inzidenzen auf Rekordhöhen steigen, gibt es nicht ausreichend Impfangebote für die Sachsen. Das kritisieren die Mitglieder der vier mobilen Impfteams Dresden in einem offenen Brief an die Landesregierung, das Gesundheitsministerium, an die Kassenärztliche Vereinigung und die Ärztekammer. Der Brief liegt dem MDR vor. In Dresden sind derzeit vier mobile Impfteams unterwegs, die zwischen mehr als zehn Standorten rotieren. Dazu gehören die TU Dresden, aber auch Gesundheitsämter, Rathäuser, Bürgersäle und Volkshochschulen.

Dort stehen in diesen Tagen Hunderte Menschen an. Oft schon bevor die mobilen Impfteams ankommen. "Mit dem Impfstoff, den wir dabeihaben, können wir 200 bis 280 Menschen impfen. Aber oft warten schon 300 bis 400 Leute vor der Halle. Die werden also gar nicht alle drankommen", sagt ein Mitglied des Impfteams Dresden, das anonym bleiben möchte. Unter den Wartenden seien auch Impfwillige, die nach eigener Aussage von ihren Hausärzten geschickt wurden. "Die sagen dann, dass sie beim Hausarzt frühestens einen Termin im Januar oder Februar bekommen."

Impfteams: "Geplante Aufstockung reicht nicht aus"

Sachsen hat diese Woche angekündigt, die Kapazitäten der mobilen Impfteams aufzustocken. Pro Tag sollen dann 6.000 Menschen statt wie bisher 3.000 geimpft werden können. Dafür soll es mehr Personal geben. Doch das reicht aus Sicht der mobilen Impfteams Dresden nicht aus. Die Teams bestehen in der Regel aus einem Arzt, zwei Schwestern und drei Helfern von den Hilfsorganisation Arbeiter-Samariter-Bund, Malteser-Hilfsdienst und Johanniter-Unfall-Hilfe und auch vom DRK.

"Wir haben uns schon mal gefreut, dass wir dann vier Ärzte haben, wenn wir mit zwei Impfteams unterwegs sind. Aber wir mussten dann schon mit der Kassenärztlichen Vereinigung streiten, dass die uns einen Mediziner zur Verfügung stellt. Jetzt haben wir immerhin drei", sagt das Mitglied des Impfteams. Doch parallel werde die Zahl der Helfer nicht aufgestockt. "Die müssen sich schon jetzt mit der extrem langsamen Technik auseinandersetzen, die wir fürs Impfen nutzen. Und die vielen Dokumente fertigmachen, die Ärzte fürs Impfen brauchen. Und sie müssen sich um die vielen Impfwilligen kümmern und auch deeskalieren. Das schaffen wir dann alles nicht mehr."

Problematisch: Umstellung bei Logistik für Impfstoff

Die mobilen Impfteams kritisieren in ihrem offenen Brief auch, Probleme bei der Lieferung des Impfstoffs würden sie bei ihrer Arbeit unnötig aufhalten. Die zentrale Impfstofflogistik des Bundes gibt es nicht mehr. Da wurde bestellter Impfstoff innerhalb von zwei bis drei Tagen schon geliefert. Moderna, Biontech und Co. müssen jetzt von Impfteams und auch Hausärzten 14 Tage im Voraus bestellt werden. Damit könne nur spät reagiert werden, wenn das Interesse an den Impfungen sich verändert. "Das merken wir jetzt: Die Booster-Impfung für alle wurde sechs Tag vor der Veröffentlichung der neuen 2G-Regeln freigegeben. Und das hat das Interesse am Impfen nach oben schießen lassen", sagt das Mitglied des Impfteams.

Offener Brief: In Pflegeheimen wäre die Auffrischung jetzt dringend nötig

In den Pflegeheimen sind die mobilen Impfteams derzeit gar nicht im Einsatz. Dabei wäre genau das jetzt dringend nötig, heißt es in dem offenen Brief. "Die Menschen in Pflegeheimen kommen nur ganz langsam über die Hausärzte an die Impfungen. Bei ihnen liegt die Impfung aber schon neun Monate zurück, die bräuchten dringend den Booster. Und wir wissen, dass es da mittlerweile Impfdurchbrüche mit schweren Folgen gibt", sagt das Mitglied des Impfteams. Inzwischen würden schon die Pflegeheime bei den Hilfsorganisationen anrufen, die bei ihnen im Januar oder Februar geimpft haben.

Das hat vor vier Wochen angefangen. Sie fragen, ob wir als Impfteam bitte kommen können. Doch wir müssen ablehnen, weil das politisch nicht gewollt ist.

Mitglied eines mobilen Impfteams

Das müsse als erstes geändert werden, so das Mitglied des Impfteams. Derzeit impfe man mit den niedrigschwelligen Angeboten vor Ort eher die Menschen, die einen Auffrischung im Vergleich mit den Älteren und Schwächeren noch nicht so nötig haben.

Ministerium prüft weitere personelle Verstärkung und Prämien

Das sächsische Sozialministerium teilte dem MDR hingegen mit, dass die Impfungen in den Pflegeheimen von den Hausärzten durchgeführt würden, die dort auch ansonsten im Einsatz seien. "Das läuft bereits seit Wochen und funktioniert meistens", schrieb das Ministerium auf Anfrage.

Darüber hinaus verwies das Sozialministerium auf mehrere Maßnahmen zur Unterstützung der Impfkampagne. Die angekündigte personelle Verstärkung für die Impfteams komme ab Montag zum Einsatz; Impfstoffe würden ebenfalls ab nächster Woche in kürzerer Frist geliefert. Der Einsatz von noch mehr Personal in den mobilen Impfteams werde am kommenden Dienstag im Kabinett beraten. Geprüft werde außerdem eine finanzielle Prämie für Ärzte, die am Wochenende impfen.

Impfen weit über die Kapazitätsgrenzen hinaus

Das Deutsche Rote Kreuz Sachsen kann die Kritik der vier mobilen Impfteams aus Dresden nachvollziehen. "Das sind unzumutbare Zustände für Impfwillige und die Teams bei den mobilen Einsätzen. Die Räumlichkeiten und das Personal sind auf 100 bis 150 Impfungen pro Einsatz ausgelegt. Doch die Teams aus Mediziner und Hilfsorganisationen arbeiten schon lange darüber hinaus. Am 9. November haben wir 4.700 mal geimpft, das war Rekord. Von den Kapazitäten her waren 3.000 Impfungen möglich", sagt Kai Kranich, Sprecher des DRK Sachsen. Die Impfteams müssten ertragen, dass sie Impfwillige wieder wegschicken müssen. Das sei eine enorme Belastung. "Wir suchen als DRK gerade bessere Orte für die Impfaktionen, um eine mögliche Aufstockung der Teams auch mit den passenden Orten verbinden zu können. Damit es dann auch Wartemöglichkeiten für die Menschen gibt, wenn sich der Andrang so weiterentwickelt", sagt Kai Kranich.

Sachsens Landesärztekammer (SLÄK) und Kassenärztliche Vereinigung (KVS) verlangen dagegen, die mobilen Impfteams des Deutschen Roten Kreuzes zum Jahresende auslaufen zu lassen. Das geht aus internen Schreiben hervor, die MDR Sachsen vorliegen. Aus Sicht der KVS könnten die niedergelassenen Ärzte die Impfungen vornehmen. Doch die kommen bei dem großen Andrang an Booster-Impfungen gar nicht nach. Laut Sozialministerium impfen aktuell nur 1.700 von 4.000 Praxen. Die Landesärztekammer antwortete auf Nachfrage des MDR, sie unterstütze die Anliegen der mobilen Impfteams Dresden. Die seien für eine schnelle Immunisierung der Bevölkerung unbedingt notwendig. Anderslautende Meldungen seien falsch, sagte SLÄK-Präsident Erik Bodendieck. Im Schreiben vom 4. November hingegen hatte die SLÄK das noch anders gesehen.

Quelle: MDR Sachsen

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 08. November 2021 | 19:00 Uhr

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