Mitgliederschwund Wie ein Dresdner Fitnessstudio nach dem dritten Lockdown wieder startet

Auf Laufbändern und Steppern trainieren Frauen und Männer unterschiedlichen Alters. Wären da nicht die Trainer mit FFP2-Masken und der Azubi mit Eimer, Lappen und Desinfektionsmittel zwischen den Trainingsgeräten, erinnerte nur wenig an die Pandemie. Studioleiter Chris Gottwald verweist darauf, dass die Fitnessstudios in Sachsen gerade den dritten Lockdown in knapp zwei Jahren hinter sich haben. Der Neustart sei geglückt: Schon am ersten Tag nach dem jüngsten Lockdown seien 490 Besucher gekommen.

Ein Mann stemmt liegend zwei Kleinhanteln.
Trainer Laurenz Domschke hat während der Lockdowns zu Hause trainiert. Scheint geklappt zu haben. Bildrechte: MDR/L. Müller

Studiobetreiber Chris Gottwald hat erst am Montag geöffnet, obwohl er seit Freitag gedurft hätte. "Unser Start sollte perfekt verlaufen, das Personal vorbereitet und die Mitglieder informiert sein", sagt er. Die Trainierenden säubern ihre Geräte nach der Benutzung. Freiwillig und ohne zu motzen, betont Gottwald. Überhaupt sei die Stimmung im "Activ Sports" neben der Dresdner Uniklinik recht locker.

Unsere Mitglieder sind froh, dass Training wieder möglich ist. Viele kommen mehrmals die Woche, Sport ist ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens.

Chris Gottwald Fitnessstudio-Betreiber in Dresden

Fitness von Jugendlichen bis zu Senioren

Die Altersspanne der gut 2.000 Mitglieder liege zwischen 16 und 90 Jahren. Der älteste Hobbysportler war gleich am ersten Tag nach Wiedereröffnung gekommen, sagt Gottwald. Für viele Seniorinnen und Senioren sei das Fitnessstudio in Blasewitz auch ein sozialer Treffpunkt, wo sie sich nicht nur fit hielten, sondern sich auch unterhalten und Bekannte treffen könnten. "Das hat vielen unserer Mitglieder schon sehr gefehlt", sagt der Studioleiter.

Ein junger Mann desinfiziert Trainingsgeräte
Das Aufgabenspektrum von Azubi Marvin Domonkos hat sich erweitert. Neben dem Empfang und der Betreuung von Mitgliedern muss er nun auch Impfnachweise kontrollieren und zwischendurch die Geräte reinigen. Bildrechte: MDR/L. Müller

Online-Kurse haben sich nicht bewegt

Gottwald und sein Team hätten versucht, Kontakt zu den Mitgliedern zu halten. Bis zum zweiten Lockdown wurden auch Online-Kurse angeboten. Diese hätten sich allerdings nicht bewährt. Mitunter gab es technische Probleme bei der Übertragung, zudem könnten die ausgebildeten Trainer bei den Übungen Haltungsfehler kaum korrigieren – ganz abgesehen davon, dass die Kraft- und Ausdauergeräte für gezieltes Training im Fitnessstudio stehen und bei niemandem zu Hause.

Während der Lockdowns waren Online-Kurse für Fitness- und Gesundheitsanlagen eine der wenigen Möglichkeiten den Mitgliedern ein Sportangebot anzubieten. Weniger um Einnahmen zu generieren, sondern vielmehr um den Kontakt mit den Mitgliedern und unter den Mitgliedern zu pflegen und zu mehr Bewegung zu animieren.

DSSV - Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheit-Anlagen

Gottwald schätzt, dass die Pandemie sein Studio etwa 20 bis 30 Prozent der  Mitglieder gekostet habe – trotz verschiedener Angebote zur Verlängerung der Mitgliedschaft oder dem Aussetzen der Beiträge. Auf Schleuderpreise zur Neukundengewinnung wolle er aber verzichten. Dies sei nicht nachhaltig.

Ein Mann steht in einem Fitnesstudio vor Geräten und hält einen Mundschutz in der Hand.
Studiobetreiber Chris Gottwald blickt optimistisch in die Zukunft. Er rechnet auch mit neuen Mitgliedern. Derzeit muss er aber einen Rückgang verbuchen. Bildrechte: MDR/L. Müller

Trainer bleiben bei der Stange

Seine Mannschaft hat Gottwald nach eigenen Angaben in der Pandemie halten können, wenngleich auch zeitweise Kurzarbeiterregelungen genutzt werden mussten. Dazwischen habe man das Personal auch geschult - vor allem für Auszubildende und Studenten sei das wichtig gewesen, weil ihnen wegen der fehlenden Kunden die Praxis fehlte.

Medizinisch indizierte Reha-Kurse durften immer angeboten worden. Das wiederum habe die Sportler geärgert, wenn sie draußen bleiben mussten und durch die Fensterscheiben sahen, wie die Reha-Patienten ihr Übungen machen durften. Während der drei Schließungsphasen hat Gottwald das Studio sanieren lassen. "Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht."

Verband: Fitnessstudios in Sachsen besonders lange betroffen

Beim DSSV, dem Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheit-Anlagen, bestätigt man, dass nirgendwo Fitnessstudios so oft so flächendeckend dicht machen mussten, wie in Sachsen. Verbandssprecher Alexander Wulfs sagte: Nach einem zögerlichem Start nach dem zweiten Lockdown im Sommer konnten viele Studios wieder Neumitglieder gewinnen und eine positive Entwicklung feststellen, die ab Oktober und November 2021 wieder durch strenger werdende Regeln und vermehrte Infektionszahlen zunichte gemacht wurden.

Konkrete Zahlen über Insolvenzen in der Branche lägen dem Verband nicht vor, hieß es. Bleibt die Corona-Lage angespannt, seien weitere Schließungen zu befürchten. Ins Gewicht falle dabei unter anderem, dass monatelange keine Neuverträge geschlossen worden seien. In den ersten beiden Wochen dieses Jahres sei die Zahl der Neuverträge im Vergleich zu 2020 kurz vor Corona um zwei Drittel geringer ausgefallen. Der Verband macht dafür die 2G- und 2G+-Regeln verantwortlich.

Der Branchenverband fordert eine Anpassung von Überbrückungshilfen für Fitnessstudios, die Mitgliedsbeträge weniger berücksichtigt. Die Antragsberechtigung beginne ab einem Verlust von 30 Prozent, viele Fitnessstudios lägen mit 20 bis 30 Prozent knapp darunter.

Zahlen aus der Branche

  • Deutschlandweit sank der Umsatz der Fitnessstudios im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 24,5 Prozent auf 4,16 Milliarden Euro.
  • Die Zahl der Mitglieder mit Vertrag in einem deutschen Fitnessstudio verringerte sich im selben Zeitraum um 11,6 Prozent auf gut 10,3 Millionen Menschen.
  • Rund jeder achte Bundesbürger ist weiterhin Mitglied in einer der 9.538 Anlagen (Fitnessstudios und Fitnesscenter).
  • Ende 2020 arbeiteten rund 176.900 Mitarbeiter in Fitnesstudios oder haben diese betrieben. Dies entspricht einem Verlust von 40.500 Arbeitsplätzen und damit einen Rückgang um 18,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
  • Mehr als die Hälfte der Fitnessstudioleiter, -betreiber oder -inhaber schätzte vor einem Jahr die wirtschaftliche Lage als schlecht ein.

Quelle: DSSV-Erhebung bis Ende 2020

Quelle: MDR(lam)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 17. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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