Geschichte Die Stadt der Zeit: Glashütte und seine Uhrmacher - Teil 2

Seit 177 Jahren werden im sächsischen Glashütte Uhren gefertigt. Ihre Genauigkeit wird in der gesamten Welt geschätzt. Doch erst seit Februar genießen Glashütter Uhren einen besonderen Markenschutz. Wie kam der zustande? Und wie wurde Glashütte überhaupt zum Zentrum der deutschen Uhrmacher-Kunst? Ralf Geißler hat die Kleinstadt bei Dresden besucht. Lesen Sie hier Teil 2.

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Das Uhrmachermuseum in Glashütte gibt Einblick in die wechselvolle Geschichte der Glashütter Uhrenindustrie von den Anfängen 1845 bis in die jüngste Gegenwart. Bildrechte: MDR/Benjamin Jakob

Wie das Uhren-Gen nach Glashütte kam, kann man im Museum erfahren. Das Gebäude am zentralen Platz könnte man wegen seiner Uhr auf dem Dach auch für das Rathaus halten. "Das früheste und damit älteste Stück in unserer Sammlung ist eine Taschenuhr, wie sie hier zu sehen ist. Aus dem Jahr 1847", erzählt Museumsdirektor Ulf Molzahn. Er führt durch die Ausstellung, die zunächst vom Niedergang des Bergbaus und von der Armut in Glashütte berichtet. 1845 schrieb der sächsische König 7.800 Taler für jenen aus, der neue Arbeitsplätze in die nahezu mittellose Region bringt. Eine frühe Form der Wirtschaftsförderung:

"Es ist dann Ferdinand Adolf Lange zu verdanken, dass er die Ausschreibung gewinnt. Also er bewirbt sich um dieses Projekt und schlägt die Fabrikation von Uhren vor", erzählt Molzahn. "Das hat er gelernt, er war Uhrmacher, war in Europa unterwegs, auf Wanderschaft wie das damals üblich war und kommt mit ganz besonderen Ideen in seine Heimat zurück. Und diese Projektausschreibung war wie für ihn gemacht. Er schlägt die Produktion von Uhren vor."

Ursprünglich Fertigung von Taschenuhren

Lange fertigt in Glashütte zunächst Taschenuhren. Armbanduhren waren noch unbekannt. Anfangs werden die Zeitmesser noch mit der Aufschrift "Glashütte bei Dresden" beworben. Doch schon bald können die Uhrmacher den Verweis auf die nahe gelegene sächsische Hauptstadt streichen. Glashütte steht fortan für sich. Denn die Uhrmacher können etwas, was andere nicht können: Genauigkeit. Und das spricht sich rum.

"Heute setzen wir es voraus, dass, wenn wir eine Uhr kaufen, dass sie genau geht", sagt Molzahn. "Das ist Mitte des 19. Jahrhunderts eine ganz große Herausforderung, der sich Lange stellt und mit ganz großem Enthusiasmus ein solches Werk entwickelt, das höchst präzise läuft."

"Jede weitere Funktion heißt in der Uhrmacherei Komplikation"

Lange verkauft seine Uhren bald über Sachsen hinaus. Denn in der Region selbst gibt es gar nicht genug Leute, die sich seine Taschenuhren leisten können. Und der Gründer verfeinert sie immer weiter. "Also es gibt Komplikationen. Das ist das Schöne an der Uhrmacherei. Alles was über die Drei-Zeiger-Uhr hinausgeht ist eine weitere Funktion", erzählt der Museumsdirektor. "Aber jede weitere Funktion heißt in der Uhrmacherei Komplikation. Das ist eine wunderschöne Beschreibung dessen, was der Uhrmacher da eigentlich leistet. Er macht die Uhr technisch kompliziert und das ist sie natürlich dann auch in der Herstellung."

Das Komplexe, zugleich aber auch Feingliedrige macht bis heute den Ruf der Glashütter Uhren aus. Was ihn dauerhaft manifestiert: Unternehmer Lange bildet aus. Er ermutigt seine Lehrlinge, eigene Firmen zu gründen, die ihm zunächst zuliefern. So wächst ein immer größeres Geflecht aus kleinen bis mittelgroßen Firmen heran, die schließlich die Stadt prägen. 1878 entsteht in den Räumen, die heute das Museum beherbergen, die Deutsche Uhrmacherschule.

Deutsches Uhrenmuseum Glashütte
Das Deutsche Uhrenmuseum Glashütte hat früher die Deutsche Uhrmacherschule unter seinem Dach beherbergt. Bildrechte: MDR/Henrik Flemming

Ausbildung in Glashütte als Qualitätsmerkmal

"Es gehörte zum guten Ruf und machte den Lebenslauf eines Uhrmachers besonders und schön, wenn derjenige schreiben konnte, dass er seine Ausbildung in Glashütte gemacht hat", sagt Molzahn. "Und es gehörte auch zum guten Ton eines Meisters des Faches hier einmal gelehrt zu haben." Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ulf Molzahn führt durch die Nachkriegsabteilung seines Museums. Der Historiker erzählt, dass es zwei große Brüche in der Geschichte der Glashütter Uhrenfertigung gab, die auch das Aus hätten bedeuten können. Am Ende des Zweiten Weltkriegs besetzte die Rote Armee die Stadt. Und das Verständnis der Siegermacht für die Uhrenproduktion war nur mäßig ausgeprägt - zumal in Glashütte auch Messinstrumente für Hitlers Armee gefertigt wurden. Die Sieger nahmen deswegen erst einmal alles mit, was sie bekommen konnten, erzählt der Historiker.

"Man hat umfänglich demontiert. In der Nähe von Moskau hat man dann die erste Moskauer Uhrenfabrik, sozusagen Glashütte 2.0 aufgebaut. Man hat aber zugelassen, dass Glashütte wieder Uhren herstellt", sagt Molzahn. "Und so hat man sich zusammengetan und wieder Uhren produziert."

Verstaatlichung der Uhrenmanufakturen in der DDR

Ab 1951 verstaatlicht die DDR die verbliebenen Uhrenhersteller. Sie werden in einem sogenannten Kombinat zusammengefasst. Auf den Armbanduhren steht nun das Siegel GUB, Glashütter Uhrenbetriebe. Und die Produktpalette wird erweitert. "Hier in Glashütte hat man neben Uhren zum Beispiel auch die Zeitschaltuhr für die WM66, für die allseits beliebte und auch gehasste Waschmaschine gebaut beziehungsweise für Wärmedecken Zeitschaltuhren", erzählt der Museumsdirektor. "Oder für Instrumente im Dresdner Flugzeugbau. Das sind also Dinge, die neben der Uhr hergestellt wurden."

Doch fernab dieser Spezialaufträge fertigt Glashütte in allen DDR-Jahren ununterbrochen mechanische Armbanduhren. Teilweise werden sie nach Westdeutschland exportiert. Den Boom der digitalen Quarzuhr bekommt die Stadt nur am Rande mit. Nach der Wiedervereinigung entsteht die Idee, ins Hochpreissegment einzusteigen – Qualitätsuhren für die ganze Welt zu machen. Die Skepsis der Einheimischen ist groß. Doch der Urenkel des Gründers von Lange & Söhne, Walter Lange, geht voran. Er gründet im Alter von 66 Jahren die Familienmanufaktur neu.

"Er hat die Tür geöffnet. Und deshalb passt Initiator sowohl für die Anfangsjahre als auch für die Zeit nach 1989/90", so Molzahn. "Ich will nicht ausschließen, dass es auch ohne Lange gegangen wäre. Aber dann später."

MDR (ali)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Die Reportage | 15. August 2022 | 19:05 Uhr

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