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Glashütte und seine Uhrenmanufakturen sind untrennbar miteinander verbunden. Bildrechte: imago/momentphoto/Killig

HandwerkDie Stadt der Zeit: Glashütte und seine Uhrmacher - Teil 1

von Ralf Geißler, MDR SACHSEN

Stand: 15. August 2022, 05:19 Uhr

Seit 177 Jahren werden im sächsischen Glashütte Uhren gefertigt. Ihre Genauigkeit wird in der gesamten Welt geschätzt. Doch erst seit Februar genießen Glashütter Uhren einen besonderen Markenschutz. Wie kam der zustande? Und wie wurde Glashütte überhaupt zum Zentrum der deutschen Uhrmacher-Kunst? MDR-Reporter Ralf Geißler hat die Kleinstadt bei Dresden besucht. Lesen Sie hier Teil 1.

Wer in Glashütte aus der Regionalbahn steigt, ist schon mittendrin in der Stadt der Zeit. Rechts und links der Gleise reihen sich Uhrenmanufakturen aneinander: Lange & Söhne, Großmann, Tutima oder Glashütte Original. Selbst das Bahnhofsgebäude gehört inzwischen einem Uhrenhersteller. Zu Uhrmacher Thilo Mühle muss man allerdings ein paar Minuten laufen. Seine Manufaktur Mühle, ein Familienbetrieb in fünfter Generation, liegt am Stadtrand.

"Mein Vater hat mal festgelegt: Das erste, was Sie auf unseren Uhren sehen, ist die Zeit", erzählt er. "Es gibt sicherlich viele andere Marken, unabhängig jetzt mal von dem Ort hier in Glashütte, wo Sie erst einmal ein Buch lesen müssen, damit Sie verstehen: Wo kann ich die Zeit jetzt ablesen." Seine Marke zeichne sich durch deutsche Tugenden aus. "Dieses Form-follows-function. Weniger ist mehr zum Beispiel", so Mühle. "Das sind so typische Attribute bei uns."

Der Herzschlag des Uhrwerks

Mühle, sportlicher Typ, 54 Jahre alt, legt eine Armbanduhr auf die Zeitwaage. Das Spezialgerät hat mit einer Waage allerdings wenig gemein. Es nimmt mit einem empfindlichen Mikrofon die Geräusche im Inneren eines Uhrwerks auf und verstärkt sie. "Der Herzschlag eines Uhrwerks. Ganz original aufgenommen", sagt Mühle.

Wenn Thilo Mühle dieses Ticken hört, guckt er wie ein kleiner Junge zu Weihnachten. Dabei kann er es jeden Tag hören. Der Manufaktur-Chef führt zur Vitrine mit seinen Modellen: Armbanduhren für Piloten, Sportler, Seenotretter. Die günstigen sind ab reichlich 1.000 Euro zu haben. Mühles Mitarbeiter setzen diese Uhren von Hand zusammen - aus hunderten Einzelteilen, aus Zahnrädern, Schräubchen und Federn, mit Lupe und Pinzette. Die Einzelteile fertigt Mühle vielfach ebenfalls selbst. Dabei hilft allerdings eine Maschine im Keller.

Komplexe Maschinen zur Produktion von Kleinteilen

"Hier haben wir Fräszentren, wo wir unsere Flachteile produzieren. Die Maschinen kommen aus Süddeutschland in Bayern", erzählt Mühle. Die Maschinen seien sehr komplex. "Die neue Maschine hat zum Beispiel einen 100-Werkzeugwechsler. Also man kann 100 Werkzeuge vorhalten für komplizierte Arbeiten, für eine komplizierte Platine zum Beispiel." Hinter einer gläsernen Wand bewegen sich Roboterarme hin und her. Sie bearbeiten ein Metallplättchen, das so groß ist, wie eine 1-Euro-Münze. Hinten raus fällt das Fundament eines mechanischen Uhrwerks: die Platine, auf der alles andere aufgebaut wird.

Thilo Mühle, Chef der Manufaktur Mühle, freut sich über das Ticken einer Uhr immer noch wie ein kleiner Junge zu Weihnachten. Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

"Das ist zum Beispiel mal so eine komplexe Dreiviertel-Platine, welche wir bei uns im Chronographen verbauen. Das ist ein Teil, was man auf so einer Maschine fräsen kann", erklärt Mühle. Das ist eine Seite, dann wird es umgespannt und dann wird die zweite Seite gefräst. Und da sehen sie schon die Komplexität. Sie haben verschiedene Tiefen, sie haben Radien, Bohrungen, Gewinde. Das ist dann schon eine sehr komplexe Sache."

Schutz der Herkunftsbezeichnung Glashütte

Mühle ist stolz darauf, dass er viele Bauteile selbst fertigt. Denn das ist Voraussetzung dafür, dass er auf seine Uhren das Qualitätssiegel Glashütte schreiben darf. Die Herkunftsbezeichnung ist seit Februar besonders geschützt – durch eine Verordnung des Bundesjustizministeriums. "Grundsätzlich bringt die Verordnung für alle Unternehmen, die hier vor Ort sind, Rechtssicherheit. In der Hinsicht, dass wir eine klare Regelung haben, was man erfüllen muss, um den Schriftzug Glashütte, also unsere Herkunftsbezeichnung, auf dem Ziffernblatt zu verwenden", sagt er. "Und das ist ein großer Fortschritt, dass es jetzt über die Verordnung eine ganz klare Regelung gibt."

Früher gab es oft Streit: Ab wann ist eine Uhr wirklich aus Glashütte? Dürfen wenigstens die Zeiger aus China kommen, das Uhrwerk aus der Schweiz? Seit Februar gilt: Wesentliche Schritte wie die Montage des Uhrwerks, des Ziffernblatts, das Setzen der Zeiger und das Ingangsetzen müssen in Glashütte erbracht worden sein. Darüber hinaus müssen sämtliche Herstellungsstufen mindestens zur Hälfte in der sächsischen Kleinstadt erfolgen.

Für diesen besonderen Schutz hat vor allem Uwe Ahrendt gekämpft, Chef der Uhrenmanufaktur Nomos. "Jetzt ist Glashütte so geschützt wie Parmaschinken oder Champagner. Und in Deutschland gibt es eigentlich daneben nur noch die Solinger Verordnung für den Solinger Stahl", sagt Ahrendt. "Die ist aber von 1938 und jetzt gibt es die zweite Verordnung und die ist noch ganz frisch. Und da sind wir natürlich alle sehr glücklich."

Glashüttes Uhrmacher kennen sich zum Teil seit Schulzeiten

Ahrendt sitzt im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Glashütte. Der Unternehmer hat es gekauft, modernisiert und die Verwaltung von Nomos darin angesiedelt. Der ausgediente Bahnsteig 3 dient ihm als Terrasse. Vom Bahnsteig aus kann Ahrendt auch die Gebäude der anderen Manufakturen sehen, glänzende Fassaden inmitten einer eher dörflich wirkenden Kleinstadt. Die Uhrmacher kennen sich teilweise seit Schulzeiten.

"Also jeden Tag sieht man sich jetzt auch nicht. Aber man kennt sich. Aber das ist jetzt kein Problem", sagt er. "Jeder trägt auf seine Art und Weise, seine Qualität, mit seinem Anspruch, Uhren von Glashütte in die Welt hinaus. Das ist für den Standort eher positiv."

Ganz so harmonisch, lief es allerdings nicht immer. Vor zwanzig Jahre stritten Nomos und Mühle vor Gericht über die Nutzung der Herkunftsbezeichnung Glashütte. Als Folge dieses Rechtsstreits musste Mühle 2007 sogar Insolvenz anmelden. Doch wo, wenn nicht in Glashütte, heilt Zeit Wunden? Heute sticheln die Firmenchefs nur noch zwischen den Zeilen über die Konkurrenz.

"Wir haben die schönen Uhren. Nomos hat nach Glashütte zwei Dinge gebracht: das eine ist bezahlbare Uhren. Das heißt früher kosteten die Taschenuhren ein Jahresgehalt von einem Beamten. Das ist jetzt nicht mehr so", erzählt Ahrendt. "Also bei uns fängt das bei 1.000 Euro an bis 4.500 Euro. Ich glaube, wir haben auch das Design nach Glashütte gebracht. Unsere Uhren sind ja sehr klar, sehr aufgeräumt, sehr simpel. Wenig pling-pling an der Uhr, sondern klar strukturiert."

Ehemalige Kirche gehört zur Uhrenmanufaktur

Ahrendt läuft von seinem Büro raus auf den Bahnsteig. Der Manufaktur-Chef wirkt trotz seines selbstbewussten Auftretens müde, unter seinen Augen deuten sich Augenringe an. Gestern sei es spät geworden, sagt Ahrendt. Nach zwei Jahren Corona habe die Belegschaft endlich mal wieder gefeiert. Die Party stieg gleich gegenüber, am Hang in einer ausgedienten katholischen Kirche. Die gehört auch seiner Firma.

Uwe Ahrendt, Chef der Uhrenmanufaktur Nomos in Glashütte, hat seine Manufaktur im ehemaligen Bahnhofsgebäude. Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

"Die haben die nicht mehr gebraucht. Und da haben die zwei, drei Kirchen jetzt vor vier oder fünf Jahren verkauft. Und wir haben mitgeboten", sagt er. "Es gab keinen zweiten Bieter und dann haben wir sie bekommen. Es ist auch schwer zu erreichen für die älteren Bürger, wenn man da so hochgeht, den steilen Berg."

Schöne Uhren sind ja auch eine Art Religion. Und das Wort Messe ist mehrdeutig. Neue Modelle präsentiert Nomos nun regelmäßig in dem ausgedienten Gotteshaus. Die Firma ist deutscher Marktführer für mechanische Armbanduhren in der Preisklasse bis 4.500 Euro. Verkauft wird auch in New York, Hongkong oder Schanghai. Gebaut aber in Glashütte. In der Stadt, die am Ortseingang von sich sagt: "Hier lebt die Zeit."

"Ich glaube in München oder Berlin oder in Hamburg ist Uhren bauen schwieriger als in Glashütte. Und ich glaube, auch durch die über 175 Jahre hat man wie so ein Uhren-Gen für diese Feinheit", erzählt Ahrendt. "Diese kleinen Teile haben ja einen Durchmesser wie ihr Haar. Also 3,4 Sechshundertstel. Das ist schon verdammt klein."

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MDR (ali)

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Die Reportage | 15. August 2022 | 19:05 Uhr

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