Interview TU-Physiker aus Dresden: Trotz Atomausstieg "das komplette Feld der Reaktorphysik beherrschen"

Reaktorphysiker Carsten Lange trägt die Verantwortung für den Forschungsreaktor an der TU-Dresden. Trotz des deutschen Atomausstieges bleibt die Forschung in diesem Bereich eine wichtige Sache. Der Kernreaktor in Dresden habe längst nicht ausgedient, betont der 43-Jährige im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Carsten Lange ist seit 2015 Leiter des Ausbildungsreaktors an der TU Dresden.
Carsten Lange ist seit 2015 Leiter des Ausbildungsreaktors an der TU Dresden. Bildrechte: Madeleine Arndt

Frage: Herr Lange, in diesem Jahr schaltet Deutschland seine letzten drei Atomkraftwerke ab. Hat damit auch der Kernreaktor an der TU Dresden ausgedient?

Carsten Lange: Unsere Anlage wird für die Forschung, Lehre und Öffentlichkeitsarbeit genutzt. Das ist unabhängig von der kommerziellen Stromerzeugung durch Kernkraftwerke. Bei uns können Wissenschaftler Praktika durchführen, ihr Wissen in der Kernenergietechnik vertiefen und Versuche machen.

Sind diese Forschungen noch zeitgemäß?

Natürlich. Mit der Neutronenradiografie können wir beispielsweise Wasserstoffspeicher für Brennstoffzellen untersuchen, was bei Elektrofahrzeugen ein Thema ist. Gerade Neutronenradiografie finde ich hochspannend. Wir untersuchen elektronische Platinen, wie sie sich unter dem Einfluss von ionisierender Strahlung verhalten. Das ist wichtig für elektronische Schaltungen, die bei Teilchenbeschleunigern im medizinischen Bereich und in der Luft- und Raumfahrt zum Einsatz kommen. Die Anlage wird auch für die Reaktorsicherheitsforschung genutzt.

Wie sicher sind denn Kernreaktoren in Atomkraftwerken?

Grundsätzlich sind Kernreaktoren sicher ausgelegt. Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass der Betrieb jedes technischen Systems Risiken birgt. Mit neuen Reaktorkonzepten versucht man die Sicherheitsstandards zu erhöhen, so dass die Wahrscheinlichkeit für schwere Reaktorschäden sehr gering ist. Zum Beispiel werden Reaktorkonzepte im internationalen Rahmen diskutiert, in denen eine Kernschmelze aufgrund ihrer physikalischen Auslegung unmöglich ist. Wir in Deutschland müssen aufpassen, dass wir solche Entwicklungen trotz des deutschen Ausstiegs aus der Kernenergie in Zukunft weiterverfolgen können.

Warum ist das wichtig?

Der sichere Betrieb von kerntechnischen Anlagen im Ausland bleibt auch ein deutsches Sicherheitsinteresse. Forschung ist also weiterhin notwendig. Es ist notwendig, dass wir über diesen Weg Mitspracherecht in der internationalen Community behalten. Wenn etwa in Polen oder Tschechien nukleare Anlagen gebaut werden, sollte Deutschland in der Lage bleiben, diese Anlagen hinsichtlich der nuklearen Sicherheit bewerten zu können. Gerade auch, wenn neue Reaktorkonzepte umgesetzt werden. Wir müssen das komplette Feld der Reaktorphysik beherrschen, nicht nur die Simulation, sondern auch Experimente.

Nach Dresden kommen auch Spezialisten der Atomenergiebehörde, um sich schulen zu lassen?

Ja. Und wir entwickeln gerade eine neue Methode für die Kernmaterial-Inspekteure, die weltweit seitens der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) und EURATOM im Einsatz sind. Dabei soll mit Hilfe verschiedener Detektoren Kernmaterial in Atomkraftwerken relativ schnell kontrolliert werden können. Sie können mit dieser Methode bestimmen, ob Kernmaterial illegalerweise entwendet wurde oder nicht.

Sind Sie ein Befürworter von Atomenergie?

Ich bin ein Befürworter der Nutzung von Energieressourcen mit einer möglichst hohen Energiedichte und die nach Möglichkeit wenig Einfluss auf die Umwelt haben. Ja, hier sehe ich eine sehr große Chance der Nutzung von Nuklearenergie aufgrund der hohen Energiedichte. Und die bedeutet gleichzeitig, dass man weniger Abfall erzeugt. Daher glaube ich, dass es immer sinnvoll ist, in dieser Richtung zu forschen und auch kerntechnische Anlagen, wenn sie denn sicher ausgelegt sind, für die Erzeugung von Wärme und Strom zu nutzen.

Ein Problem bei Kernenergie ist aber der Atommüll, der über Jahrtausende hohe Strahlung absondert …

Ja. Die Brennstoffausnutzung ist heutzutage sehr gering und liegt bei drei bis zehn Prozent. Aber wir können die Brennstoffausnutzung um mehrere Faktoren erhöhen und gleichzeitig die langlebigen Reaktionsprodukte, den Atommüll, reduzieren. Es wird an Reaktorkonzepten geforscht, mit denen man diese Langzeitlagerung von langlebigen Transuranen wie Plutonium nahezu umgehen kann. Man hätte dann in circa 300 bis 500 Jahren eine Radiotoxizität, die dem natürlichen Uran in der Pechblende entspricht. Eine Endlagerung wäre dann nicht mehr notwendig.

Sie machen mit Ihrem Forschungsreaktor auch Öffentlichkeitsarbeit. Wozu?

Wir wollen aufklären und den Nutzen der Kernenergietechnik nahe bringen. Und wir wollen zeigen, wie man mit ionisierender Strahlung umgeht (Strahlung, die von radioaktiven Stoffen ausgeht, Anm. d. Red.), welche Arten von Strahlung es gibt, wie man sie misst und wie man sich vor ihr schützen kann. Wie hoch ist beispielsweise die Dosis in der Umgebung von Spaltmaterial von radioaktiven Stoffen, die im Rahmen der Kernspaltung entstehen? Schulklassen können bei uns theoretisch Erlerntes als Versuch durchführen.

MDR (ma)

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