Aufreben Staatsweingut testet in Radebeul alte französische Rotweinsorte

Kennen Sie Gamay? Diese uralte französische Rotweinsorte kommt vor allem im Beaujolais vor. Das will das Staatsweingut Schloss Wackerbarth ändern und hat einen Versuchsanbau am Radebeuler Johannisberg gestartet. Ob wirklich im Elbtal Gamay-Spitzenweine erzeugt werden können, davon sind noch nicht alle Weinkenner überzeugt. Sie verweisen darauf, dass Gamay ein Sensibelchen sei.

Aufreben Wackerbarth
Winzer Falk Funke vom Staatsweingut Schloss Wackerbarth kontrolliert, ob die Pflanzmaschine die Jungreben korrekt in die Erde gebracht hat. Bildrechte: MDR/L. Müller

Das Sächsische Staatsweingut Schloss Wackerbarth stellt sich auf den Klimawandel ein und testet deshalb eine uralte französische Rebsorte mit rubinroten Trauben. Am Dienstag wurden in der Radebeuler Weinbergslage "Johannisberg" 6.500 Reben der Sorte Gamay gepflanzt. Wackerbarth-Chefin Sonja Schilg erwartet, dass ihre Mitarbeiter daraus einen Spitzenwein keltern. Bis es soweit sein wird, vergehen allerdings noch einige Jahre. Frühestens am Ende des dritten Sommers können erste Trauben geerntet werden. Spitzenrotweine lagern zudem mehrere Jahre bis zur Genussreife. Es handele sich auf der 1,3 Hektar großen Rebfläche um einen auf zehn Jahre angelegten Versuch., erklärt Schilg.

Rund 80.000 Euro kostet das Aufreben, das Staatsweingut will hierfür europäische Fördergelder beantragen. Wie hoch die Förderung ausfällt, stehe aber noch nicht fest, hieß es. Erst nach der Versuchszeit könne beurteilt werden, ob diese Rotweinsorte tatsächlich hierzulande für Spitzenweine tauge, so Schilg. Als früh gelesener Sektgrundwein soll der Gamay nicht genutzt werden.

Bildergalerie Der französische Gamay soll Sachsen erobern

6.500 Jungreben der Sorte Gamay hat das Staatsweingut Schloss Wackerbarth am Radebeuler Johannisberg gepflanzt. In weniger Jahren sollen daraus Spitzenweine entstehen.

Aufreben Wackerbarth
Eine Fachfirma aus Franken hat am Radebeuler Johannisberg die Gamay-Reben mit moderner Technik in den Boden gebracht. Dennoch sind geübte Handgriffe von Mitarbeitern unverzichtbar. Bildrechte: MDR/L. Müller
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Eine Fachfirma aus Franken hat am Radebeuler Johannisberg die Gamay-Reben mit moderner Technik in den Boden gebracht. Dennoch sind geübte Handgriffe von Mitarbeitern unverzichtbar. Bildrechte: MDR/L. Müller
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Till Neumeister, Weinbergsleiter im Staatsweingut, will die jungen Reben hegen und pflegen und in wenigen Jahren daraus Trauben für Spitzenweine produzieren. Bildrechte: MDR/L. Müller
Aufreben Wackerbarth
Die Edelreiser, auf amerikanische reblausresistente Unterlagsreben gepfropfte Gamay-Triebe, dürfen vor dem Pflanzen nicht austrocknen. Bildrechte: MDR/L. Müller
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In frühestens drei Jahren sind die kleinen Reben so groß, dass sie erste Trauben für eine wirtschaftlich sinnvolle Ernte tragen. Bildrechte: MDR/L. Müller
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Der Traktor bereitet den Boden vor dem Pflanzen vor, hinten sitzen zwei Mitarbeiter auf der Pflanzmaschine und sorgen für den reibungslosen Ablauf. Der Traktorist hält nach GPS die Spur. Bildrechte: MDR/L. Müller
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Gab es schon einmal Gamay in Sachsen?

Vor der Reblauskatastrophe, die Ende des 19. Jahrhunderts auch Sachsen heimsuchte, hätten schon einmal Gamay-Weinstöcke an den Elbhängen gestanden, ist sich Wackerbarth-Sprecher Martin Junge sicher. Eindeutige schriftliche Belege gebe es aber nur von Saale und Unstrut, wo Zisterzienser-Mönche diese Reben aus dem Burgund mitbrachten und anpflanzten, räumt er auf Nachfrage ein. Junge erklärt das so: "Wein wurde früher in sogenannten Gemischen Sätzen aus roten und weißen Sorten angebaut und gemeinsam gekeltert." Einzelnen Rebsorten sei damals kaum Beachtung geschenkt worden, meint der Unternehmenssprecher.

Die Reblaus Im 19. Jahrhundert brachte die Reblaus den Weinbau nahezu zum Erliegen. Gebietstypische Sorten und der Gemischte Satz - eine Kombination verschiedener Rebsorten in einem Weinberg - verschwanden. Erst mit den so genannten Pfropfreben konnte zur Jahrhundertwende ein Neuanfang gewagt werden. Das Verfahren der Pfropfrebe, bei der heimische Rebsorten auf resistenten amerikanischen Wurzeln gezüchtet wurden, ist mittlerweile gesetzlich vorgeschrieben. Durch den Fortschritt in der Rebzüchtung entstand ein ausgewähltes Sortiment von Standardsorten, die heute den deutschen Weinbau ausmachen. Die eingeschleppte Reblaus ist weiterhin in den Weinbergen. Sie hat einen sehr komplexen Lebenszyklus, wobei die Wurzelläuse in der Erde besonders gefährlich sind, da sie die Leitbahnen der wurzelechten Rebsorten zerstören und die Pflanzen zum Absterben bringen. (Deutsches Weininstitut)

Rebsorte vor allem aus dem Anbaugebiet Beaujolais bekannt

Gamay - erstmals im 14. Jahrundert erwähnt - ist heute vor allem aus dem französischen Weinbaugebiet Beaujolais bekannt und gelangt zumeist als leichter Jungwein, sogenannter Primeur, bereits im November - wenige Wochen nach der Ernte der Trauben - alljährlich auch in den deutschen Markt. Rebsortenreine Spitzenweine sind seltener zu finden. Allerdings bieten französische Winzer auch viele ihrer besten Rotweine als Cuvées aus mehreren fein abgestimmten Sorten an. Gamay taucht dann nicht einmal mehr auf dem Etikett auf.

Gamay-Ernte auf einem Hügel
In Frankreich ist Gamay eine etablierte Sorte. Hier die Weinlese im vergangenen Spätsommer. Bildrechte: dpa

Wackerbarth mit Gamay-Vorreiter in Deutschland

Mit seinem Gamay-Experiment dürfte Wackerbarth zu den Pionieren gehören. Vom Deutschen Weininstitut (DWI) hieß es auf Anfrage: "Leider liegen uns als DWI keine Daten zur Rebsorte Gamay vor, da die vorwiegend im Beaujolais angebaute Sorte als Rebsorte hierzulande bislang keine Rolle spielt." Angesichts des Klimawandels experimentierten die deutschen Weinerzeuger aber bereits mit neuen "südländischen" Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot und Shiraz/Syrah oder im Weißweinbereich mit Viognier. "Diese Rebsorten haben bislang allerdings nur einen Anteil von etwa einem Prozent an der Gesamtrebfläche in Deutschland", so das DWI. Bis neue an den Klimawandel angepasste Rebsorten bis zur Marktreife gezüchtet oder klimastabile Klone bekannter Sorten selektiert sind, vergehen nach DWI-Schätzung etwa 25 Jahre.

Gamay-Trauben
In Deutschland sind Gamay-Trauben eine echte Rarität, Weine werden bisher noch keine aus diesen roten Trauben ausgebaut. Bildrechte: Wackerbarth/Gayane Dreamstime.com

Winzer testen sieben Rebsorten auf Versuchsflächen in Sachsen

Wackerbarth ist nicht der einzige experimentierfreudige Weinbaubetrieb im Elbtal. Beim zuständigen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie haben den Angaben zufolge sächsische Winzer für die roten Rebsorten Nebbiolo, Gamay, Laurot, Cabaret Noir und Schwarzer Heunisch sowie die Weißweinsorten Viognier und Sauvignac Anbaueignungsversuche beantragt und genehmigt bekommen.

Dresdner Sommelier sieht Gamay-Versuch eher kritisch

Sommelier Silvio Nitzsche
Sommelier Silvio Nitzsche ist noch nicht überzeugt davon, dass es vom Gamay sächsischen Spitzenwein geben wird. Bildrechte: Sammlung Weinkulturbar Dresden

Der in der Weinszene weit über Sachsen hinaus bekannte Dresdner Sommelier Silvio Nitzsche bestätigt der Rebsorte zwar hohes Potenzial, warnt aber vor verfrühter Euphorie um Gamay-Spitzentropfen aus Radebeul. Kaum eine Rebsorte erfordere so ein "enormes Wissen, eine visionäre Stilkultur und eine fundierte Ausbauerfahrung", sagt er und ergänzt: "Bei kaum einer Rebsorte liegt der Quantensprung vom einfachsten Tankstellenbilligwein bis zur hochphilosophischen, tiefsinnigen und unbeschreiblich reife- und entwicklungsfähigen Einzigartigkeit so nahe wie beim Gamay."

Der größte Nachteil ist jedoch, dass sich mit einem Gamay kaum Geld verdienen lässt, da das Image fast gänzlich verbrannt ist und nur sehr langsam wieder aufgebaut wird. Den enormen Lagenanspruch und die punktierte Vinifizierung können wenige regionale Winzer garantieren.

Silvio Nitzsche Sommelier

Fäulnisschutz: Weinbauleiter setzt auf lockerbeerige Trauben

Der Weinbauleiter von Schloss Wackerbarth, Till Neumeister, lässt sich allerdings nicht entmutigen. Man habe einen Gamay-Klon ausgewählt, der lockerbeerige Trauben bringe. Damit soll die Botrytis-Fäulnis vermieden werden, zu der diese Rebsorte bei kompakten Trauben neigt. Sollte sich die Lage am "Johannisberg" mit teilweise sandig-lehmigen Boden als zu trocken erweisen, könne auch eine Bewässerung installiert werden. Neumeister ist sich sicher, dass er gemeinsam mit seiner Weinbergsmannschaft kerngesunde Trauben an seine Kolleginnen und Kollegen in der Kellerei des Staatsweinguts liefern kann. In Deutschland testen seit diesem Jahr auch Winzer an der Mosel die Rebsorte, auf einem nach Wackerbarth Angaben noch kleinerem Weinberg.

Quelle: MDR/lam

Wein und Wandern – Blick auf Weingut Lebuser 2 min
Bildrechte: P. Pieńkowski

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 04. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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