Insektensterben Bestäubungsökologin der TU Dresden: Ohne Hummeln keine Tomaten

Die Bestäubungsökologin Katharina Stein der TU Dresden spricht am Sonntag im Botanischen Garten in Dresden über ihre Forschung. Jahrelang hat sie in Westafrika zur Bestäubungsleistung von Bienen für die Ernteerträge von Baumwolle und Sesam geforscht. Doch nicht nur das weltweite Insektensterben macht ihr Sorgen, sondern auch die Situation in Deutschland. Mit MDR SACHSEN hat sie darüber gesprochen.

Menschen auf einem Feld
Bestäubungsökologin Katharina Stein bei ihrem Forschungsprojekt in Burkina Faso. Bildrechte: Jasper Sehrt

Frage: Sie haben in Westafrika zur Bestäubungsleistung von Bienen für die Ernteerträge von Baumwolle und Sesam geforscht. Was haben Sie dabei herausgefunden?

Doktor Katharina Stein: Es ging bei dem Forschungsprojekt um den Beitrag, den Bienen zum Ernteertrag leisten können. Oft wird in Westafrika so gezüchtet, dass sich die Pflanzen selbst bestäuben. Wir haben den Bestäubungsverlust simuliert und die Bestäubung mit Hilfe von Bienen untersucht. Das Ergebnis zeigt eine Steigerung der Ernteerträge bei Baumwolle um 60 Prozent, wenn die Biene als Bestäuber im Feld unterwegs ist. Außerdem erhöht sich auch die Qualität der Früchte bei Bestäubung.

Die Unterschiede zwischen Pflanzen mit Insektenbestäubung und mit Selbstbestäubung sieht man in Deutschland zum Beispiel an Erdbeeren. Wenn sie von der Biene bestäubt werden, sind die Früchte groß. Bei der Selbstbestäubung sind die Beeren eher klein und krumpelig.

Bei der Selbstbestäubung sind die Beeren eher klein und krumpelig.

Dr. Katharina Stein

Sind nur Bienen als Bestäuber wichtig?

Dass ein Insekt in einer Blüte rumwerkelt, heißt noch nicht, dass es ein Bestäuber ist. Es gibt zum Beispiel auch Nektarräuber. Die Insekten planen ja auch keine Bestäubung, sondern es passiert nebenbei. Nach Rind und Schwein ist sie das drittwichtigste Nutztier der Welt. Aber in den Tropen bestäuben zum Beispiel auch Kolibris (Bananen) und Fledermäuse (Tequila) die Pflanzen. Auch Käfer und Fliegen können eine Rolle spielen. Tomaten brauchen zum Beispiel Hummeln. Nur die schaffen es durch Körperbewegung die Vibration zu erzeugen, die die Tomatenpflanze braucht, um die Pollen freizugeben.

Der weltweit wichtigste Bestäuber ist die Biene.

Dr. Katharina Stein

Wie ist die Situation in Deutschland?

In Deutschland ist vor allem die Schmetterlingsfauna gefährdet. Aber auch die Diversität bei Bienenarten geht zurück. Diese Bestäuber, vor allem die Wildbienen, werden aber für zahlreiche Pflanzenarten gebraucht. Ein Supermarkt in Hannover hat 2018 mal alle Produkte, die von Bestäubung abhängen, aus dem Sortiment genommen, um darauf aufmerksam zu machen. Rund 60 Prozent aller Waren wurden aus den Regalen geräumt. Das betraf vor allem Obst und Gemüse, aber auch Kaffee und Kakao.

Was muss sich in der Landwirtschaft ändern?

Große Monokulturflächen machen keinen Sinn, zum Beispiel die riesigen Rapsfelder. In der Mitte dieser Felder findet kaum Bestäubung statt. Die Bienen fressen sich am Rand satt und fliegen nicht bis in die Mitte. Es gibt bereits einen umfangreichen Katalog der Wissenschaft, was leicht umgesetzt werden kann. Aber die konventionelle Landwirtschaft setzt davon fast nichts um. Kleinflächige und diverse Anbauweise zum Beispiel. Und Blühstreifen an den Rändern von Feldern, in denen Nistraum für Bienen ist.

Was können Menschen in der Stadt für die Insektenvielfalt tun?

Städte sind inzwischen insektendiverser als das Umland. Es gibt bepflanzte Balkone, Kleingärten und Dachbegrünungen. In den Gärten bieten sich kleine Ecken mit Blühmischungen an. Am besten einheimisches Saatgut, das eine bunte Mischung hat und daher über mehrere Monate blüht. Auch Totholz und ein paar Brennnesseln bieten Nistplätze und Nahrung für Insekten. Insektenhotels können zusätzlich helfen. Aber natürlich bringt es nichts, wenn man einen englischen Rasen pflegt und dann einfach ein Insektenhotel draufstellt.

Am besten legt man sich in seinem Garten faul in die Hängematte, lässt eine Ecke wild wuchern und mäht nicht zu oft den Rasen. Wenn der Nachbar fragt, einfach sagen, dass man etwas gegen das Insektensterben tut.

Dr. Katharina Stein

Veranstaltung "Triff die Koryphäe unter der Konifere" Bereits zum dritten Mal gibt es unter den Koniferen im Botanischen Garten Dresden einiges über aktuelle Forschung zu erfahren. Am Sonntag, dem 15. August um 15:30 Uhr stellt sich die Bestäubungsökologin Dr. Katharina Stein den Fragen der Gäste.

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Quelle: MDR/al

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