Dresden und Ostsachsen Anti-jüdische Verschwörungstheorien in der Pandemie: Neues Bündnis gegen Antisemitismus

In der Pandemie sind antisemitische Verschwörungsideologien wieder präsent geworden. Um dagegen vorzugehen und jüdisches Leben von "Mensch zu Mensch erfahrbar zu machen", hat sich ein Bündnis gegen Antisemitismus in Dresden und Ostsachsen gegründet.

Dr. Nora Goldenbogen, Präsidentin des Landesverbandes Sachsen der jüdischen Gemeinden.
Für Nora Goldenbogen, Präsidentin des Landesverbandes Sachsen der jüdischen Gemeinden, war das Attentat in Halle eine Zäsur. Bildrechte: imago images/Sven Ellger

Nora Goldenbogen kann sich genau an diesen Tag erinnern. Den Tag, an dem ein 28-jähriger Rechtsextremist in Halle so viele Juden wie möglich töten wollte, ausgerechnet am Tag des Versöhnungsfestes Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag. "In einer Pause des Festrituals in Dresden ging ich nach Hause, um mich zu erholen", erklärte die Präsidentin des Landesverbandes Sachsen der jüdischen Gemeinden am Sonntag zur Auftaktveranstaltung des neu gegründeten Bündnisses gegen Antisemitismus. "Dort ereilten mich die Nachrichten."

Goldenbogen spricht seit vielen Jahren für jüdische Gemeinden. Doch an dieser Stelle wird ihre Stimme kurz brüchig. "Diese schrecklichen Erlebnisse haben wir nicht erwartet. Sie bleiben für immer mit Jom Kippur verbunden." Für Goldenbogen war dieser Tag eine Zäsur.

Mit Halle hat sich etwas Grundlegendes verändert. Die Gefahr ist nicht mehr abstrakt und verbal. Sie ist real und kann Leben kosten.

Nora Goldenbogen Präsidentin des Landesverbandes Sachsen der jüdischen Gemeinden

Bündnis aus 26 Vereinen und Initiativen

Um gegen den stärker werdenden Antisemitismus vorzugehen und jüdisches Leben sichtbarer und erfahrbarer zu machen, haben sich 26 Vereine und Initiativen aus Dresden und Sachsen zum "Bündnis gegen Antisemitismus" zusammengeschlossen. "Wir erleben eine drastische Zunahme antisemitischer Straftaten", erklärte Robert Kusche, Geschäftsführer des Vereins RAA Sachsen, die Opfer rechtsextremer Gewalt beraten. Um gegen Antisemitismus vorzugehen, müsse jüdisches Leben sichtbarer werden.

Mehrere Personen posieren für ein Gruppenfoto vor und auf einer Bühne.
Zusammen gegen Antisemitismus: Ein neues Bündnis aus 26 Vereinen und Initiativen will jüdisches Leben sichtbarer machen, hieß es zum Auftakt im Kleinen Haus des Dresdner Schauspiels. Bildrechte: MDR/Tominski

Viel Engagement in Ostsachsen

In dem Bündnis engagieren sich unter anderem das Kulturbüro Sachsen, das Internationale Begegnungszentrum St. Marienthal, die Initiative "Stolpersteine für Weißwasser", die Jüdische Gemeinde Görlitz/Zgorzelec, Umgebung e.V. und viele andere. Finanziert wird das Bündnis vorerst für zwei Jahre von der "Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) sowie der "Weiterdenken" – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen und dem Alternativen Kultur- und Bildungszentrum AKuBiZ.

Alter und neue Antisemitismus

"In der Pandemie mussten wir mit ansehen, wie Denkmuster alter Ideologien plötzlich wieder lebendig wurden", erklärte Christian Avenarius, Referatsleiter im Bereich "Gesellschaftlicher Zusammenhalt" im sächsischen Sozialministerium. "Wir mussten mit ansehen, wie die Opfer der Shoa verhöhnt wurden."

Christian Avenarius, SPD, Referatsleiter im Bereich "Gesellschaftlicher Zusammenhalt" im sächsischen Sozialministerium
Bildrechte: imago/Sven Ellger

Antisemitismus ist gleichzeitig alt und erschreckend neu.

Christian Avenarius Referatsleiter im Bereich "Gesellschaftlicher Zusammenhalt" im sächsischen Sozialministerium

Avenarius betonte: "Von daher kann nicht genug gewürdigt werden, dass dieses Bündnis ins Leben gerufen worden ist."

Pandemie befördert Antisemitismus

Nora Goldenbogen sieht auch in der Pandemie einen Grund für den steigenden Hass auf jüdische Menschen. "Pandemien sind historisch gesehen schon immer Momente, in denen Antisemitismus sichtbar wurde. Das geht zurück bis in die Zeit der Pest", erklärt die Historikerin, die lange Zeit die Jüdische Gemeinde in Dresden leitete. Es sei erschreckend, "wie jüdische Verschwörungstheorien wieder aktiviert werden".

Antisemitismus
Antisemitismus hat während der Pandemie zugenommen. Bildrechte: colourbox.com

Judenstern auf Demos

Für Goldenbogen und viele andere Menschen der jüdischen Gemeinden in Sachsen sind die aktuellen Entwicklungen nur schwer zu ertragen. "Wir waren alle fürchterlich erschrocken, als sich Demonstranten auf Kundgebungen gegen Corona-Maßnahmen plötzlich den gelben Stern anhefteten", erklärte Goldenbogen. "Sich gleichsetzten, mit den Menschen, die einst systematisch ermordet wurden." Sie selbst kenne Chemnitzer, die den gelben Stern als Kinder noch tragen mussten. "Mit dem gelben Stern wurden sie zum Abschuss freigegeben", erklärt Goldenbogen. "Diese Symbol-Entlehnung ist schwer auszuhalten."

Jüdische Gemeindemitglieder selbst Corona-Kritiker und AfD-Anhänger

Doch Goldenbogen ist nicht naiv. Die Realität ist nicht schwarz-weiß und nicht einfach. Vor allen Dingen komplex. "Es gibt natürlich auch Juden mit anderen politischen Auffassungen", erklärt die Historikerin. "Es gibt auch eine jüdische Gruppe bei der AfD. Darüber streiten wir intern seit Jahren heftig."

Dr. Nora Goldenbogen, Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden Sachsen
Bildrechte: studioline photography

Wir haben auch Leute, die auf Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen gehen. Damit müssen wir auch leben und umgehen.

Dr. Nora Goldenbogen Präsidentin des Landesverbandes Sachsen der jüdischen Gemeinden

Engagement auch in Kleinstädten und auf dem Land

Petra Schickert vom Kulturbüro Sachsen würdigte die vielen Initiativen abseits der Großstädte. "Ich finde es gut, dass viele Engagierte das Thema in kleine Städte tragen". Dort gebe es oft noch viel Unwissen und wenig Berührungspunkte.

"Wir möchten den Menschen vor Ort zeigen: Das ist gar nicht so weit weg. Das hätte Euer Nachbar sein können", erklärt Franziska Stölzel, die mit der Initiative "Stolpersteine für Weißwasser" gerade den ersten Stolperstein in Weißwasser in der Lausitz gelegt hat. Anne Kleinbauer engagiert sich mit dem soziokulturellen Zentrum "Hillersche Villa gGmbH" für Projekte um den jüdischen Friedhof in Zittau.

Mehrere Personen bei Podiumsdiskussion.
Zum Auftakt des Bündnisses diskutierten Mitglieder der Bündnispartner über aktuellen Antisemitismus in Ostsachsen. Bildrechte: Katharina Wüstefeld

Viele kamen aus der Ex-Sowjetunion

Elkaterina Kulakova kam 2005 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Dresden. "Etwa 95 Prozent der Gemeindemitglieder sprechen hier russisch. Auch ich rede mit Akzent, wie sie unschwer erkennen dürften", erklärt sie. "Ob es sich bei Angriffen gegen uns um Fremdenhass oder Antisemitismus handelt, ist manchmal schwer zu unterscheiden." Die Dresdner Gemeinde habe vor dem Krieg etwa 5.000 Mitglieder gehabt, am Ende der DDR jedoch nur ganz wenige. "Viele Juden kamen nach der Wende aus der ehemaligen Sowjetunion", erklärt Kulakova. Für sie sei die Gemeinde auch als soziale und kulturelle Instanz enorm wichtig. " Deshalb engagiert sich Kulakova für den Verein "Bikkur Cholim zu Dresden", der Krankenbesuche für Gemeindemitglieder organisiert.

"Antisemitismus ist nicht nur gefährlich für Juden, sondern für das ganze Land", erklärt die Opernsängerin. Sie freut sich, dass sich "viele junge Menschen engagieren". "Das macht mir Hoffnung."

* Der Mythos einer "jüdischen Weltverschwörung" gehört zu einer klassischen Verschwörungstheorien, die bis in das vorletzte Jahrhundert zurückgeht. Ihren schriftlichen Höhepunkt fand sie in den um 1900 entstandenen "Protokollen der Weisen von Zion". Während der Pandemie sind verschiedene antisemitische Ideologien wieder aktiviert worden. Dabei handelt es sich natürlich um anti-jüdische Verschwörungstheorien und nicht um jüdische Verschwörungstheorioen, wie wir fälschlicherweise in der ersten Fassung des Textes geschrieben haben.

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