ARD-Themenwoche Stadt - Land - Wandel Radebeul - Sorgenfalten im Dresdner Speckgürtel

Um sich das Problem der Bevölkerungsentwicklung vor Augen zu führen, muss Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche nicht mal vor die Tür gehen. Denn wenn sein Haus Stellen ausschreibt, dauert es deutlich länger als noch vor ein paar Jahren, bis diese besetzt werden können. Verglichen mit anderen Kommunen in Sachsen steht Radebeul noch ganz gut da. Zu- und Wegzug halten sich die Waage. Doch auch hier hinterlässt die Bevölkerungsentwicklung Spuren. Nun gibt es wichtige Zahlen und Fakten.

Landesbühnen Sachsen
Die Landesbühnen Sachsen haben ihren Stammsitz in Radebeul. Das Kulturangebot spielt für viele Zugezogene eine wichtige Rolle. Bildrechte: imago/Torsten Becker

Mit einer erstmals durchgeführten Bürgerbefragung wollte die Stadt Radebeul der Frage auf den Grund gehen: Wer sind unsere Bürger und was wollen sie? Sie hat im Juni dieses Jahres 652 Fragebögen verschickt. Und zwar ausschließlich an über 18-jährige Menschen, die im Jahr 2018 nach Radebeul gezogen und überwiegend im erwerbsfähigen Alter sind.

Größtes Problem in Sachsen: Arbeitskräftemangel

Doch warum ausgerechnet 2018? "Das hängt damit zusammen, dass wir zwischen der Heimatfraktion und der Lebensabschnittfraktion unterscheiden", erläutert OB Bert Wendsche (parteilos). Während die Heimatverbundenen ohnehin planen, für immer in der Stadt zu wohnen und sich gesellschaftlich einzubringen, sehen die anderen Radebeul eher als Zwischenstation. Sie haben einen guten Job, bleiben etwa fünf Jahre, genießen die Vorzüge, bringen sich aber kaum ein.

In Radebeul wohnen viele Auspendler

Und genau da wolle die Stadt ansetzen. Bevor die Menschen, die zur Lebensabschnittsfraktion gezählt werden, Radebeul wieder den Rücken kehren, sollen sie davon überzeugt werden, sich dauerhaft niederzulassen. Und das nicht nur, um die Kulturangebote in Anspruch zu nehmen und die Nähe zu Dresden auszukosten. Oberbürgermeister Wendsche, der als Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages Einblick in die gesamtsächsische Entwicklung hat, erhofft sich davon vor allem einen Schub für den Arbeitsmarkt.

Um den in Sachsen extrem hohen Arbeitskräftemangel abzuwenden, müssten mehr Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter bleiben oder herziehen, sagt Wendsche. Der Ruf nach Fachkräften stehe angesichts der dramatischen Lage derzeit erst an zweiter Stelle. "Die Frage ist, ob wir unser Wohlstandsniveau halten können. Das müssen wir ganz offen diskutieren."

Zugezogene suchen Landidylle und Großstadt zugleich

Rund 25 Prozent der Angeschriebenen haben den dicken Fragenkatalog ausgefüllt und zurückgeschickt. Das sei eine gute Quote, mit der man arbeiten könne, meint der Stadtchef. Eine der Erkenntnisse: Der überwiegende Teil – nämlich 71 Prozent der Zugezogenen – stammt gebürtig aus Sachsen. Die Neubürger versuchen dabei, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die Sehnsucht nach ländlicher Idylle und die gleichzeitige Nähe zur Großstadt Dresden.

71 Prozent der Zugezogenen stammen aus Sachsen

Tolle Villen, aber das Miteinander fehlt

So ähnlich war das auch bei Sabine B. Sie zog 2014 mit ihrer Familie nach Radebeul. Die vierköpfige Familie wollte damals dem Berliner Großstadttrubel entkommen. "Erwartungen hatte ich zwar keine", erzählt sie MDR SACHSEN. "Wir wollten nur schön wohnen und beruflich bedingt nah an der Autobahn sein." Dabei habe sie zuerst Moritzburg im Blick gehabt. Doch dort sei sie nicht fündig geworden. So wurde es Radebeul. Bereut habe sie es nie. "Ich finde die Stadtgestaltung schön mit den Villen und Vorgärten. Das hat allerdings auch wieder den Nachteil, dass jeder sein eigenes Ding macht. Mir fehlt ein bisschen das Miteinander der Einwohner."

Angebote für größere Kinder und Jugendliche fehlen

Ein als Obstgarten gestalteter Spielplatz vor einem Wohnhaus
34 Spielplätze gibt es in Radebeul. Problem: Viele junge Familien kennen sie nicht. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Bei der Frage, ob sich ihre Erwartungen erfüllt haben, antwortete die Mehrheit mit "Ja". Positiv bewertet wurden vor allem das Angebot an Kita-Plätzen, die kulturellen Möglichkeiten und die Wanderwege. Abzüge gab es für die hohe Verkehrsbelastung in der Stadt und die Angebote für Jugendliche.

Was bei der Befragung auch deutlich wurde: Bei der Kommunikation ist noch Luft nach oben. Dass viele Befragte angaben, keine Spielplätze zu kennen, hat die Stadtverwaltung angesichts von 34 Spielplätzen dann doch überrascht. Genauso wie die Tatsache, dass vielen Zugezogenen städtische Angebote wie Bibliothek, Stadtgalerie oder Sternwarte völlig unbekannt waren.

Dass es fast drei Dutzend Spielplätze in Radebeul gibt, hat dann auch Sabine B. überrascht: "Echt, 34? Wo sind die denn alle?" Bei den Freizeitangeboten für ältere Kinder könnte auf jeden Fall noch was passieren, findet sie. Unlängst im Ostsee-Urlaub habe ihre Tochter mit Begeisterung einen Trimm-dich-Pfad entdeckt und gemeint: "So etwas müssten wir in Radebeul auch haben." Das sieht Sabine B. auch so. "Das ist ja auch ein Treffpunkt, wo Menschen zusammenkommen."

OB Wendsche und sein Kommunikationsteam haben sich anhand der Angaben aus den Fragebögen Notizen in ihr Hausaufgabenheft gemacht. Fußwege, Radwege, Kinder- und Jugendangebote, Kommunikation - da kam einiges zusammen. Bei der Überlegung, wie die Informationen zu den Menschen kommen, setzen sie insbesondere auf die neue Radebeuler Bürger-App, die beispielsweise auch einen Spielplatzfinder hat. Die App soll weiter verbessert werden und mehr Nähe zur Bürgerschaft bringen. Doch auch die Schulen und Kitas sollen als Kommunikator stärker einbezogen werden.

Keine freien Flächen - Radebeul baut nach oben

Bei einer der drängendsten Fragen dieser Zeit – (bezahlbaren) Wohnraum – sieht der Radebeuler Oberbürgermeister für seine Stadt kaum noch Spielraum. Im Prinzip gebe es in der Stadt kein Bauland mehr, für Eigenheime schon gar nicht, sagt er. Auf den wenigen freien Flächen, die noch bebaut werden können, entstehen Mehrgeschosser. Er sei froh, dass immerhin 30 Prozent des Wohnraums in Radebeul von gemeinwohlorientierten Genossenschaften vermietet werden, so Wendsche. "Eine soziale Ausgewogenheit ist nur im Bestand möglich", betont er mit Blick auf steigende Mieten in den Ballungszentren.

Autos fahren auf einer Straße, dahinter ist eine Baustelle für ein mehrgeschossiges Haus
Dieses Wohngebiet ist eines der letzten, das in Radebeul gebaut wird. Dann gibt es schlichtweg kein Bauland mehr. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Die Durchschnittsmiete in Radebeul beträgt laut OB Wendsche aktuell 6,12 Euro je Quadratmeter. "Klar ist aber auch: Ein Neubau kostet heutzutage so viel, dass es mit einem normalen Gehalt nicht mehr finanzierbar ist. Entweder es wird subventioniert, oder es werden viele Menschen ausgeschlossen." Dieser Widerspruch geht auch in Radebeul nicht geräuschlos über die Bühne. Im September 2019 gab es eine Protestaktion gegen den Bau einer Luxuswohnanlage. Den Quadratmeterpreis von 4.700 Euro könne sich kein Normalverdiener leisten, kritisierten die Initiatoren damals.

Kommt die Jugend zurück?

Ein junger Mann sitzt auf einem Fischerboot
Der 18-jährige Tom aus Radebeul will nach dem Freiwilligendienst an der Ostsee und dem Studium in Berlin zwar wieder Richtung Heimat. Aber ihn wird es eher nach Dresden als nach Radebeul ziehen. Bildrechte: privat

Mit der ersten Neubürgerbefragung will es die Stadt nicht auf sich beruhen lassen. Oberbürgermeister Bert Wendsche kündigte regelmäßige Evaluierungen an. Aktuell werde auch eine Befragung von Weggezogenen ausgewertet, die Aufschluss darüber geben soll, was vor allem junge Menschen wegtreibt. Dass sie mit 18 Jahren Radebeul verlassen, sei normal, so Wendsche. Mit dem hohen Anteil an Akademikereltern, deren Kinder nach dem Abitur studieren, seien diese naturgemäß erst einmal für ein paar Jahre weg. Aber wie bekommt man sie wieder zurück?

Für den 18-jährigen Tom Uslaub sieht es derzeit nicht nach einer Rückkehr nach Radebeul aus. Nach seinem Bundesfreiwilligendienst auf der Insel Rügen wird er nach Berlin zum Studium gehen. Dann, so der Plan, wäre er schon gern in Dresden, "wegen der Kulturangebote und der Nähe zu meiner Familie, die ich hier an der Ostsee schon ganz schön vermisse". Nur Radebeul schließt er erst mal aus. "Es ist ruhig dort, das weiß ich zu schätzen. Aber das brauche ich erst, wenn ich älter bin."

Zahlen und Fakten zur Bürgerbefragung Die erste Neubürgerbefragung wurde im Juni 2021 durchgeführt. 652 Männer und Frauen über 18 Jahren wurden angeschrieben, die 2018 nach Radebeul gezogen sind. 160 von ihnen haben geantwortet, was einer Quote von 25 Prozent entspricht. Dabei waren die Frauen deutlich auskunftsfreudiger als die Männer, denn sie machen 62 Prozent der Antworten aus.

Gefragt wurde unter anderem nach Geburtsort, Bildungsgrad, Grund des Zuzuges sowie die Zufriedenheit mit den städtischen Angeboten. Die drei wichtigsten Kriterien für den Umzug nach Radebeul waren die Nähe zu Dresden, der Arbeitsmarkt, das ÖPNV-Angebot. Gut bewertet wurden die Kinderbetreuung und die Landschaft, Abzüge gab es unter anderem bei der Barrierefreiheit und den Angeboten für Jugendliche. Zudem gaben viele Befragte an, bestimmte städtische Angebote gar nicht zu kennen.

Verbesserungen wünschten sich die Befragten vor allem bei:
* Fußwegen
* Verkehr
* Kinder- und Jugendangeboten
* Radwege
* Spielplätze
* Sauberkeit und Ordnung

ARD-Themenwoche Stadt - Land - Wandel

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Dresden | 08. November 2021 | 16:30 Uhr

1 Kommentar

Graf von Henneberg vor 27 Wochen

Spielplätze? Fehlen? In Radebeul hat man (althergebracht und wie es sich gehört) ein Grundstuck mit mind. 1.000 m2 Grundstücksfläche. darauf steht dann ein Wohnhaus - da kann das Kind - und auch dessen Freunde spielen. Und auch Kinder aus der z.B. vermieteten Wohnung des Wohnhauses. Und dann gibt es noch die 35 Spielplätze der Gemeinde. Bei 32.000 Einwohner sind das ca. je 1.000 Einwohner ein Spielplatz. Zu wenig?

Städtische und Vereinsangebote gibt es hinreichend in Radebeul. Aber diese findet man nicht auf einer App. Da muß man mal als Neubürger (Zugezogener) den Finger ziehen und durch Radebeul laufen. z.B. einfach mal den 13 Brücken - Weg lang. oder über die Mohrenstraße zur Sternwarte.

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