Corona-Demonstrationen Die zwei Seiten einer Demo gegen die Corona-Impfpflicht?

Protest statt Impfungen – jede Woche demonstrieren in Dresden Hunderte gegen die Impfpflicht. Welche Ängste treiben sie um und warum kommt immer wieder der Vorwurf auf, viele Demonstrierende machten sich dabei mit Rechtsextremisten oder Querdenkern gemein? Es gibt offenbar mehrere Seiten auf einer Demo.

Die Kinderärztin ist inzwischen verzweifelt. Ingrid Heimke geht aufgrund der anstehenden Impfpflicht im Gesundheitswesen seit Wochen in Dresden auf die Straße. In der Altstadt läuft die 40-Jährige bei einem Corona-Protest mit und hält ein Plakat hoch. Darauf steht: "Dialog statt Zwang" – sie ist bereit mit MDR exactly zu sprechen.

"Ich sehe die Ängste der Menschen, sich mit dem Coronavirus zu infizieren", sagt Ingrid Heimke. Diese seien zum Teil auch gut begründet. Doch aus Sicht der Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin dürfe man darüber nicht andere wichtige Sachen aus den Augen verlieren und müsse eine Balance finden. "Die Art und Weise, wie diese Nachweispflicht innerhalb von zehn Tagen durchs Parlament gepeitscht wurde, das hat mich absolut schockiert", sagt sie, während sie beim Interview in ihrer Praxis sitzt.

Die einrichtungsbezogene Impfpflicht ist beschlossen: Ungeimpfte im Gesundheitswesen könnten bald ihre Jobs verlieren. Alles Quatsch, sagt Ingrid Heimke und meint: Getestet sei genauso gut wie geimpft oder genesen. 2G mache keinen Sinn. Es gebe verschiedene Studien: Einige sagten, dass Geimpfte das Virus in erheblichen Ausmaß übertrügen. Andere besagten, dass es keinen Unterschied gebe und weitere, dass Ungeimpfte stärker übertrügen. "Aber Fakt ist, dass diese aktuellen Impfstoffe keine sterile Immunität erzeugen." Damit sei für sie nicht nachvollziehbar, warum ein gesunder, getesteter Mensch ausgegrenzt werden sollte.

Kinderärztin: Habe Auswirkungen des Lockdowns erlebt

Einschränkungen zum Schutz der Älteren und Vulnerablen, das lehnt Ingrid Heimke weitestgehend ab. Dass Masken, Isolation und Impfungen eine noch höhere Zahl von Toten verhindert haben, darüber verliert sie trotz mehrfacher Nachfragen kein Wort. In ihrer Praxis hat sie die Auswirkungen des Lockdowns erlebt und eine Zunahme psychischer Krankheiten bei Kindern gesehen. Auch, dass die Sächsische Impfkommission die Covid-Impfung für Kinder ab fünf Jahren kürzlich uneingeschränkt empfohlen hat, greift die Ärztin sichtlich an.

"Ja, ich kann immer Daten produzieren", sagt Ingrid Heimke. Doch reichten diese Daten aus, um über einen Menschen zu entscheiden, der noch 70 Jahre vor sich habe und zu sagen: Alles ist sicher? "Das regt mich einfach tierisch auf. Dass man sein Amt dafür missbraucht und sich hinstellt und sagt, das ist sicher. Das kann niemand sagen. Das ist gelogen", sagt sie und bricht dabei in Tränen aus. Ihre große Sorge: Kinder mit einem Stoff zu impfen, der nach wie vor nur eine bedingte Zulassung hat, könnte die falsche Entscheidung sein.

Besteht die Gefahr als Corona-Leugner abgestempelt zu werden?

Trotz aller scheinbarer Offenheit fällt es Ingrid Heimke schwer, über dieses Thema zu reden: "Also, ich nehme das Klima als sehr gereizt wahr." Sie überlege ihre Worte genauer, wolle niemanden verletzen und auch nicht falsch verstanden werden. Ihre Erfahrung sei: Wer sich öffentlich gegen die Corona-Maßnahmen äußere, laufe Gefahr, als Corona-Leugner abgestempelt zu werden.

Teilnehmer einer Demo
In Dresden demonstrieren auch viele Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich komme mir auch ehrlich gesagt, für dumm verkauft vor, wenn ich für eine freie Impfentscheidung demonstrieren gehe und am nächsten Tag in der Zeitung lese, dass da Impfgegner unterwegs waren. Das ist so platt und so billig", sagt Ingrid Heimke. Sie sei keine Impfgegnerin. Sie impfe jeden Tag in ihrer Praxis. "Wenn ich aber mehr Angst vor den Reaktionen des Staates habe, als vor der eigentlichen Krankheit, dann ist da irgendetwas schiefgelaufen." Die zweifache Mutter ist Mitglied im Ärzteverein "Für eine individuelle Impfentscheidung", postet Videos im Internet – und geht auf Demos.

Auf Demos werden auch Polizei und Journalisten angegriffen

Dorthin gehen auch Finn und Louis. Die Redaktion hat die Namen der beiden 18-Jährigen geändert. Sie wollen unerkannt bleiben, weil sie auf Corona- und anderen Demos filmen und fotografieren. Dabei werden die angehenden Abiturienten immer wieder attackiert. Sie nennen sich "Vue Critique" – also "Kritischer Blick”. Ihre Aufnahmen veröffentlichen sie auf Twitter oder stellen sie anderen Journalisten zur Verfügung.

Teilnehmer einer Demo
Finn und Louis filmen und fotografieren auf Corona- und anderen Demos. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es ist wichtig zu zeigen, wer läuft dort mit, was für Akteure spielen eine wichtige Rolle", erklärt Finn seine Motivation. Diese Demos würden immer pressefeindlicher, die Gewalt nimmt zu – auch gegenüber der Polizei und gegenüber Medienschaffenden.

MDR exactly begleitet die beiden beim angemeldeten Protest in der Dresdner Altstadt Mitte Februar. Das Motto: "Gesundheitswesen zeigt Gesicht für eine freie Impfentscheidung". Kurz vor Beginn steigt die Anspannung von Finn und Louis. "Wir gucken, was für Leute da sind, um das halt für uns dann halt einzuordnen, wie gefährlich kann es tatsächlich für uns werden." Auf Telegram und in verschiedenen Sozialen Medien riefen auch rechte Gruppen auf: "Kommt in OP-Kitteln zur Demo".

Bei Corona-Protesten immer wieder Zeichen von "Freien Sachsen" oder "Reichsbürgern"

An dem Protestzug nehmen rund 1.000 Menschen teil, darunter Fachkräfte aus den Gesundheitsberufen, aber es gibt auch Teilnehmer, die Mützen in den Farben des deutschen Kaiserreichs tragen: schwarz-weiß-rot – ein bei sogenannten Reichsbürgern beliebtes Erkennungsmerkmal. Die Demo-Spotter Finn und Louis sind an diesem Tag, anders als sonst, ohne Personenschützer unterwegs.

"Ich habe bisher noch keine anderen Medienvertreter gesehen und ich find es einfach wichtig, auch wenn die Demos in einer hohen Frequenz stattfinden, da trotzdem ein Auge drauf zu haben", sagt Finn. Er und Louis haben im Januar und Februar an 35 Demonstrationen teilgenommen.

Neben Transparenten von Pflegefachkräften sind an diesem Tag auch Fahnen der "Freien Sachsen" zu sehen, einer vom sächsischen Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften Kleinstpartei. Auch die Dresdner AfD-Fraktion zeigt Präsenz. Deren Pressesprecher Heiko Müller hält Finn einen Flyer für eine Petition gegen die Impfpflicht vor die Kamera und sagt: "Hier lesen bildet. Na nehmen, nicht bloß filmen sollste."

Es sei kein Zufall, sondern ein gezieltes Störmanöver, meint der Fotojournalist. "Er und aber auch andere Akteure der AfD sind in der Vergangenheit immer wieder aufgefallen, Medienschaffende zu bedrängen." Diese spielten eine wichtige Rolle, um dem ganzen einen parlamentarischen Anstrich zu geben. Sie versuchten sich auf die Seite des Protests zu schlagen und so Stimmen abzugreifen.

Fotojournalisten und Demonstranten diskutieren

Etwas später rücken zwei Demoteilnehmer Finn und Louis auf die Pelle. Einer von ihnen greift Louis in die Kamera. Die Männer fühlen sich von den beiden Fotojournalisten falsch dargestellt, sagen sie. "Das hast Du letzte Woche geschrieben: Querdenker-Szene, Neonazis und Reichsbürger. Und jetzt wo ich das lese, denke ich, dass ein großer Teil denen zugehörig ist." Finn antwortet, dass er das nicht geschrieben habe, sondern: "Wir schreiben, dass 1.000 Menschen hier langgezogen sind, darunter waren erneut Reichsbürger und Neonazis."

Teilnehmer einer Demo
Bei Corona-Demos kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es wird hitzig diskutiert. Der Demonstrant sagt: "Ihr habt doch so eine Vollmeise. Ihr spaltet, ihr zerstört diese Gesellschaft." Der Vorwurf an die Demonstranten würde lauten, dass sie sich nicht von Reichsbürger und Nazis abgrenzen würden. "Zeig mir die doch mal", die Reichsbürger und Nazis.

Es bleibt bei einer verbalen Auseinandersetzung. Wie hoch das Gewaltpotential einiger Demoteilnehmer sein kann, haben Finn und Louis bereits erleben müssen. In einem Jahr Demo-Berichterstattung haben sie fast 600 Gigabyte Material gesammelt. Sie zeigen MDR exactly eine spezielle Aufnahme.

Angriff bei Demo in Freital

Im Anschluss an eine Corona-Demonstration mit rund 300 Teilnehmern Ende Dezember in Freital sind Finn und Louis angegriffen worden. Als die beiden auf dem Weg zum Auto waren, wurden sie von einer Gruppe Männer attackiert. Diese riefen: "Auf sie!" Sie greifen in die Kamera, in die Gesichter, halten sie fest und rennen hinter ihnen her. Nur durch das Eingreifen ihrer Personenschützer können sie sich in Sicherheit bringen. "Das war bedrückend", sagt Louis. "Ich glaub so schnell bin ich vorher noch nie gerannt."  Wer sie attackiert hat, wissen sie nicht.

Auch auf den Aufnahmen von anderen Corona-Demos sind heftige Gewaltausbrüche, die sich gegen sie und andere Pressevertreter richten, zu sehen. Auch Polizisten geraten immer wieder ins Visier. "Man hat ganz klar gesehen, dass sich Menschen, die sich selbst vielleicht früher in der bürgerlichen Mitte verortet haben, sich in den letzten zwei Jahren massiv radikalisiert haben", sagt Finn. Diese hätten sich an extrem rechte Kräfte gewandt. Das zeige sich exemplarisch auf diesen Demos.

Eine Demo, auf der sich Ingrid Heimke mit Finn und Louis trifft, wird von Marcus Fuchs unterstützt. Der Kopf der Dresdener Querdenken-Bewegung liefert Know-how und Equipment. Die Verbindung von Querdenken und den Demos des Gesundheitswesens, Ingrid Heimke sieht sie gelassen. "Das ist eigentlich ganz beruhigend zu sehen, dass es Leute aus der Mitte der Gesellschaft sind, ganz normale Leute und eben viele Kolleginnen und Kollegen im weitesten Sinne." Der Demoanmelder selbst möchte anonym bleiben. Er arbeitet in einem Krankenhaus und fürchtet um seinen Job.

Ein Anfang zum Dialog?

Dass auf der Demo auch Symbole zu sehen sind, die von der der rechtsextremistischen Szene genutzt werden, stört Ingrid Heimke nicht. Mit Nazis verbinde sie nichts. Dass sie von anderen dafür gehalten werde, werde sie nicht davon abhalten, zu dem zu stehen, was ihr wichtig sei. "Ich kann bei einer Demonstration nicht bei jedem Teilnehmer abprüfen, was er denkt. Aber ich habe mich hier nicht mit Nazis verabredet, sondern mit anderen Leuten aus dem Gesundheitswesen, die sozusagen an der Basis arbeiten und sehen, was hier läuft."

"Jeder hat die Möglichkeit irgendwie zu demonstrieren", antwortet Finn. "Und ob man sich jetzt einer Demonstration, die quasi vom radikalen Kern der Querdenker-Szene hier in Dresden organisiert und angeleitet wird, anschließt oder irgendwas eigenes macht, das ist halt jedem selbst überlassen." Ingrid Heimke habe sich offensichtlich dazu entschlossen, dieser Querdenken-Demonstration anzuschließen. "Das ist ihr gutes Recht, ihre Entscheidung." Ingrid Heimke antwortet: "Wir müssen ja nicht alles an einem Abend bereden. Wir haben miteinander geredet. Ist das schon mal gut. Es ist ein Anfang."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt - die Story | 02. März 2022 | 20:15 Uhr

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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