Finanzen in Corona-Zeiten Dresdner Vermögensverwalter: "Die Spekulationsblase wird platzen"

Die Corona-Pandemie setzt die Finanz-und Aktienmärkte unter Druck. Nach Turbulenzen ist der Aktienmarkt derzeit erstaunlich stabil. Trotzdem häufen sich die Warnungen vor einer Blase. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) rechnet bereits Anfang 2021 mit Insolvenzen, Kreditausfällen und hohen Belastungen für die Banken. Was bedeutet die Krise für unser Geld? MDR SACHSEN hat nachgefragt - bei Jens Richter, einem der wenigen staatlich geprüften Vermögensverwalter in Dresden.

Vermögendsverwalter Jens Richter
Jens Richter ist einer der wenigen staatlichen Vermögensverwalter in Dresden. Er betreut etwa 130 Kunden. Diese müssen entweder ein Einzelvermögen von mindestens 100.000 Euro besitzen oder können ab 5.000 Euro in einer Anlegergemeinschaft investieren. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Herr Richter, die Aktien der Impfstoffhersteller Biontech und Moderna steigen. Die Stimmung an der Börse ist in Teilen euphorisch. Eine gute Zeit zum Investieren?

Durch die negativen Zinsen und weltweit knapp 100 Billionen US-Dollar neuen Schulden ab 2008 wurden die Preise der Vermögenswerte wie Immobilien, Anleihen und Aktien nach oben getrieben. Die Leute bemerken dies an steigenden Mieten. Oder sie sehen die gestiegenen Aktienkurse im Fernsehen. Das heißt, die Kurse waren schon vor der Corona-Krise so weit oben, dass das Potenzial ausgeschöpft war.

Der Markt ist also überhitzt?

Seit der Finanzkrise 2008 wurde nicht nur mit Euphorie, sondern noch schlimmer mit Sorglosigkeit investiert. Immer wenn die Kurse sanken, kam die Notenbank und hat die Zinsen noch weiter gesenkt und noch mehr Geld auf den Markt gebracht. Mit der Corona-Krise kam, was passieren musste: Es ging heftig und es ging schnell nach unten.

Doch die Börse ist stabil, die Aktien steigen wieder!

Ja. Seit April wurden die Kurse wieder hochgeredet, mit Verweis auf den Impfstoff, der in ein paar Wochen da sein wird. Doch die Pandemie zieht sich, es wird in Deutschland noch immer nicht geimpft. Zurzeit sind die Kurse also viel zu hoch. Dem Mittelstand geht es schon jetzt deutlich schlechter als im Jahr 2009, als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreichte. Gleichzeitig sind durch die staatlichen Rettungsgelder Billionen zusätzliche Euro und US-Dollar auf dem Markt.

Vermögendsverwalter Jens Richter
Jens Richter arbeitet mit einer speziellen Software. Damit kann er die Aktienkurse aller Anbieter genau verfolgen - und auch entsprechende Markierungen vornehmen. Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Sind wir also wirklich in einer Spekulationsblase, wie viele warnen?

Auf jeden Fall. Die Kurse passen nicht zur wirtschaftlichen Realität.

Wird die Blase platzen?

Banken versuchen ständig, Optimismus zu verbreiten, damit sie nach dem Motto "Leute, seht her, es ist alles gut." Wertpapiere verkaufen können. Nach der Gelddruckorgie erwarten deren Chefvolkswirte jedoch bereits wieder steigende Zinsen. Und jeder der großen Marktteilnehmer weiß, auf welchen luftigen Höhen wir schweben. Aber sie sind alle gezwungen, weiterzumachen, bis die Blase platzt. Ich denke, es wird eine größere Korrektur geben müssen. Die Frage ist nur noch wann.

Was schätzen Sie?

Das ist schwer zu sagen. Eigentlich sind wir schon überfällig, wenn nicht immer wieder Geld rein gepumpt worden wäre. Wir haben jetzt gewaltige Zunahmen von Corona-Infektionen und auch Todesfälle in den USA. Es wird also erwartet, dass noch mal Anfang des Jahres Rettungsgelder im großen Umfang reingeschoben werden. Aber selbst unsere Kanzlerin hat ja gesagt, wir können damit nicht ewig weitermachen. Also irgendwann sind die Schulden so hoch, dass sie nicht mehr zurückzuzahlen sind.

Die Finanzmärkte sind durch Corona unter Druck. Haben Ihre Mandantinnen und Mandanten Sie nervös angerufen, was sie tun sollen?

Es ist eher andersherum gewesen. Ich habe sie angerufen und die Strategien beraten. Als seriöser Vermögensverwalter und staatlich geprüfter Finanzportfolioverwalter agiere ich vorsichtig, eher wie ein Kaufmann und nicht wie ein Spekulant. Das heißt, wenn die Kurse zu weit gestiegen sind, verkaufe ich die Wertpapiere. Das kann manchmal vielleicht zu früh sein, doch besser als zu spät. Ich mache den Job seit 30 Jahren und bin mit meinen Kunden vor allen Börsencrashs ausgestiegen. Doch es gibt auch andere Ansätze. Manche Anleger fahren mit den Kursen ganz hoch und dann auch mit ganz runter.

Wenn eine Spekulationsblase wirklich platzt, was sind die Folgen?

Das wird wahrscheinlich schlimm werden. Wie auch nach der Finanzkrise ab 2009 wird in der Corona-Krise schon jetzt versucht, die Folgen abzufedern. Beispielsweise hat die Regierung das Kurzarbeitergeld um ein ganzes Jahr bis Ende 2021 verlängert. Wenn bis dahin keine Korrektur erfolgt, bleiben zu niedrige Zinsen bei zu hohen Schulden und Kursen. Viel hängt auch davon ab, wie schnell wir es schaffen, die Pandemie zu überwinden.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 08.12.2020 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

haxo vor 51 Wochen

Seit 15 Jahren fabulieren "Profis" immer wieder über einen Crash. In der Zwischenzeit haben optimistische Anleger viel Geld verdient.
Klar, dass irgendwann eine Korrektur kommt und wer von den Crash-Propheten am längsten durchgehalten hat und am Vortag noch mal wieder seine Warnung ausgesprochen hat, wird der neue Guru. Alle anderen können sagen: "Hab ich ja schon immer gesagt" ;-)

Also ich bin eher der Renditejäger und sichere mein Portfolio mit den Standardmaßnahmen ab.
Da braucht man kein Dauer-"Mahner und Warner" zu sein ;-)

hal9ccc vor 51 Wochen

Das ganze viele frisch gedruckte Geld kann ja nur noch in den Aktienmarkt fließen - wo sollte es auch sonst hin? Anleihen bringen Negativzinsen ... Von daher wird es zunächst erst noch eine richtig krasse Bubble geben, Bitcoin wird auf 100000 gehen... Die Bubble wird erst platzen, wenn der Mann im Bus auch voll investiert ist... Das kann natürlich ein staatlich geprüfter Finanzberater nicht ahnen

kleinerfrontkaempfer vor 51 Wochen

Die Börsenlegende Andre Kostolany hat einmal denUnterschied zwischen kurzfristiger Spekulation und der langfristigen Beteiligung an Unternehmen wie folgt erklärt:" Man nehme als Beispiel einen Wanderer und seinen Hund .Der Wanderer ist der innere Wert eines erfolgreichen Unternehmens, der langsam, aber stetig steigt. Der Hund ist der Aktienkurs, der mal frech vorausläuft, mal etwas hinterherhechelt. Die Frage ist: Will man die wilden Sprünge des Hundes vorhersagen, wie es der Spekulant tut? Oder will man sich am langsamen Aufstieg des Wanderers orientieren wie der Langfristanleger? Ich rate zu Letzterem".

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