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Prof. Michael Albrecht Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Corona

"Wir haben in Sachsen im Moment die Pandemie der Ungeimpften"

von MDR SACHSEN

Stand: 30. September 2021, 08:30 Uhr

Der Herbst steht vor der Tür und damit wächst bei vielen die Sorge, dass die Corona-Zahlen wieder ansteigen. Wie ist die Lage in Sachsen im Vergleich zum Vorjahr und welche Rolle spielt es, dass noch immer zahlreiche Menschen ungeimpft sind? Über diese und anderen Fragen hat MDR SACHSEN mit dem Medizinischen Vorstand des Uniklinikums Dresden, Prof. Michael Albrecht, gesprochen.

Am Freitag beginnt der Oktober. Einige denken da noch mit Grausen an das vergangene Jahr mit hohen Corona-Zahlen und Lockdown. Herr Prof. Albrecht, erwarten sie einen ähnlichen Herbst wie 2020?

Wir merken schon, dass A die Inzidenzen zunehmen. Das hat so ein bisschen stagniert die letzten Tage. Aber ich denke mal, das kommt wieder. Und B, dass wir immer noch, gerade in Sachsen, zu wenige geimpft haben. Es wäre toll, wenn 75 bis 80 Prozent geimpft werden. Dann wären wir echt geschützt. Insofern gehe ich davon aus, dass wir einen Anstieg sehen werden. Wir haben im Moment die Pandemie der Ungeimpften. Und da ist Sachsen leider vorne dran.

Nun wollten wir ja nicht mehr so oft auf die Inzidenz gucken, sondern auf die Situation in den Krankenhäusern. Merken Sie da schon irgendwas?

Nein. Wir haben im Moment absolut grünes Licht. Was wir sehen, ist das Alter der schweren Verläufe, die auf die Intensivstation kommen. Das sind zwar wenige, aber die sind deutlich jünger als im Frühjahr. Und vor allem sind die alle ungeimpft.

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InterviewProf. Albrecht: "Wir haben im Moment die Pandemie der Ungeimpften."

Ich habe mal gelesen, dass 99 Prozent der Patienten ungeimpft sind. Stimmt das?

Ja, genauso ist es. Also gerade die schweren Verläufe. Das sind bei uns eigentlich alle.

Wie oft hören Sie: Das stimmt doch gar nicht. Die Zahl ist einfach nur erfunden?

Ja, das kann man immer leicht behaupten, aber alle meine Mitarbeiter und ich haben im Frühjahr hier gekämpft. So etwas wollen wir nicht noch einmal erleben. Wir wussten nicht mehr, wo wir weitermachen sollen.

Sie sind ja einer, der auch immer mal die Politik berät. Ich mag das Wort gar nicht mehr aussprechen, aber sehen Sie im Herbst oder Winter erneut einen Lockdown auf uns zukommen?

Nein. Erstens hoffe ich nicht, dass wir es brauchen. Zweitens ist die Situation anders. Wir haben ja einen Vorteil. Das muss man ja auch mal sagen. Die Impfquote bei den sehr Alten und bei den Gefährdeten ist deutlich höher als der Durchschnitt. Die Patientenzahlen werden zwar ansteigen, aber gerade bei den Gefährdeten und bei den schweren Verläufen werden wir hoffentlich nicht mehr in die Situation kommen.

Neuerdings gibt es ja das Thema Booster-Impfung für Senioren. Wie sehen Sie das?

Die Empfehlung ist im Moment ziemlich beschränkt auf sehr alte, immungeschwächte oder gefährdete Personen. Wir sehen natürlich gerade im Moment auch bei den eigenen Mitarbeitern, bei denen die Impfung ein Dreivierteljahr her ist, dass die durchaus sehr niedrige Antikörper-Titer haben und sich auch wieder infizieren können. Ich denke, da gibt es schon eine harte Indikation. Jetzt muss man mal abwarten, ob man das breiter streuen muss.

Bisher sind Booster-Impfungen nur für bestimmte Zielgruppen vorgesehen. Bildrechte: dpa

Lassen Sie uns noch mal auf die Gs schauen: 3G, 2G, Österreich diskutiert sogar 1G, also Zutritt nur noch für Geimpfte. Die wollen sogar die Tests und die Genesenen komplett rauslassen. Für welches G sind Sie?

Ich habe ein gewisses Verständnis dafür. Aber da muss man mal ehrlich bleiben. Harte Regeln, wo man Nicht-Geimpfte quasi komplett ausschließt, sind natürlich auch ein ziemlich indirekter Impfzwang. Das Ganze hat damit zu tun, dass ich andere schütze und die Gesellschaft vor den Folgen der Pandemie bewahre. Und da halte ich es für eine schlechte Einstellung, wenn welche sagen: Sollen sich die anderen mal alle impfen lassen. Ich warte ab, und dann wird es schon vorbeigehen. Insofern ist es verständlich. Wie es dann wirklich handzuhaben ist, muss man von der Lage abhängig machen. Wenn wir im Herbst sehen, dass die Zahlen ansteigen und dass wir wirklich in Belastungssituationen der Krankenhäuser kommen, dann muss man diese Beschränkungen für Ungeimpfte machen.

Impfgegner argumentieren ja immer: Wenn sich alle impfen lassen, die das wollen, dann sind die ja geschützt, weil die Impfung wirkt. Und wenn ich mich nicht impfen lasse, ist es ja nur mein eigener Schutz.

Aber wenn sie dann erkranken, behandeln sie sich ja nicht zu Hause selber, sondern sie benutzen die Ressourcen von allen. Das heißt, wir alle kommen dafür auf. Wir belasten dann das Personal und die Krankenhäuser mit großen wirtschaftlichen Folgen. Und insofern ist es natürlich eine ziemlich egoistische und kurzsichtige Einstellung.

Quelle: MDR/sth/silz

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 30. September 2021 | 08:20 Uhr

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