Update Betroffene Reporter entsetzt über Gewalt bei Corona-Protest in Dresden-Laubegast

In Dresden-Laubegast versammeln sich seit Wochen sogenannte Kritiker der Corona-Maßnahmen. Darunter befinden sich Beobachtern zufolge auch häufig Rechtsextreme. Am Sonntag kam es zu einem Vorfall mit jungen Reportern. Sie stellten ein Video ins Netz, auf dem ein Angriff auf das Medien-Team zu sehen ist. Der Anzeige der Journalisten folgte eine Gegenanzeige der Angreifer. Nun ermittelt die Polizei - und die betroffenen Reporter wundern sich.

Angriff Laubegast
Gegen diese Männer, die das junge Reporterteam bei einem sogenannten "Corona-Spaziergang" angegriffen haben, wird jetzt ermittelt. Sie stellten eine Gegenanzeige gegen die Medienschaffenden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach dem Angriff auf zwei junge Journalisten und ihre Sicherheitsbegleiter in Dresden-Laubegast bei einer nicht angemeldeten Versammlung von Kritikern der Corona-Maßnahmen ist den Betroffenen das Ausmaß des Angriffs erst danach deutlich geworden. "Ich weiß nicht, wie das Ganze ausgegangen wäre ohne Begleitschutz. Die Aggressivität gegen uns wird im Nachhinein deutlich: Hämatome, Schmerzen, beschädigte Technik", sagte ein Betroffener MDR SACHSEN.

Reporter massiven Anfeindungen ausgesetzt

Die Reporter von vue.critique (Kritischer Blick) waren am Sonntag mit zwei privaten Security-Begleitern unterwegs, um über die Versammlung zu berichten. "Leider ist es so, dass in weiten Teilen Sachsens, insbesondere in Dresden für freie Journalisten Security gebraucht wird, wenn sie von Corona-Demonstrationen berichten wollen", erklärte einer der Reporter. Er berichtete MDR SACHSEN von weiteren Attacken sogenannter Corona-Spaziergänger in der Vergangenheit. "Massive körperliche Anfeindungen und diese Gewalt sind uns schon mehrfach entgegen geschlagen, auch in Laubegast."

Anzeige, Gegenanzeige bei der Polizei - zwei Verfahren

Die auf der Corona-Demo angegriffenen Sicherheitsmitarbeiter der Journalisten haben sich laut Polizei Dresden "offenbar mit Pfefferspray" gewehrt. Die Beamten vor Ort in Laubegast nahmen später die Personalien mehrerer Beteiligter auf und leiteten zwei Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung ein. Ein Verfahren richtet sich gegen die Journalisten und eines gegen die Teilnehmer der unangemeldeten Corona-Protestaktion. "Version eins ist aus Richtung der Spaziergänger - die haben es so geschildert, dass sich die Medienvertreter ihnen in den Weg gestellt und Nahaufnahmen gefertigt hatten. Das wollten die Spaziergänger verhindern", sagte Geithner.

Reporter formell Geschädigte und Tatverdächtige?

Die Perspektive der Medienschaffenden stelle sich so dar, "dass sie ganz normal ihren Job gemacht haben, also die Berichterstattung vor Ort, als sie plötzlich attackiert wurden aus der Gruppe der Spaziergänger heraus. Um dem überhaupt zu entkommen, sich sozusagen zu wehren, kam dann vom Begleitschutz der Einsatz des Pfeffersprays". Diese Anzeige und Gegenanzeige bringe beide Parteien in die Position sowohl als Geschädigte als auch formell als Tatverdächtige.

Reporter wundern sich über Vorwürfe

"Für uns ist es nach wie vor fraglich, wie man auf die Tatverdacht kommen kann, dass wir eine gemeinschaftliche schwere Körperverletzung begangen hätten", kritisierte einer der angegriffenen Reporter das Agieren der Polizei. Während das Medienteam am Sonntag durch Laubegast lief und dabei von Angreifern bedroht und verfolgt wurde, habe er einmal das Kommunikationsteam der Polizei und zwei Mal den Notruf gewählt. Das Pfefferspray sei aus Notwehr eingesetzt worden.

Wir wären nicht anders aus der Situation herausgekommen. Sonst würde heute auf der Straße in Laubegast noch Blut liegen.

weiterer betroffener Reporter vue.critique

Sprecher zeigt Verständnis für Kritik am Polizei-Vorgehen

Die Ermittlungen gegen das Medienteam nach der Gegenanzeige der Corona-Demonstranten stieß bereits am Sonntag in sozialen Medien auf viel Unverständnis und Kritik. Der Dresdner Polizeisprecher Geithner kann das "absolut nachvollziehen". Schließlich hätten sich die angegriffenen Medienschaffenden Schutz suchend an die Polizei gewendet und "dann quasi als Tatverdächtige" wiedergefunden. "Aber das ist halt unsere Rolle. Wenn es eine Anzeige gibt, sind wir zumindest verpflichtet, erst einmal die Grunddaten zu erfassen, um dann am Ende mal eine Würdigung herbeiführen zu können", sagte Geithner im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Nun ist es genau Aufgabe des Ermittlungsverfahrens herauszukriegen, was ist wirklich passiert und wer muss sich am Ende tatsächlich wofür verantworten.

Thomas Geithner Polizeisprecher Dresden

Video aus Laubegast geht viral

Bei den betroffenen Journalisten von vue.critique handelt es sich um zwei Gymnasiasten aus Dresden, die seit zwei Jahren Demonstrationen in Sachsen begleiten. Ihre Aufnahmen werden von regionalen und überregionalen Medien veröffentlicht. Vue.critique stellte auf dem eigenen Twitter-Account ein Video des Angriffs aus Laubegast online, das inzwischen viral gegangen ist. Die Reporter schrieben am Sonntag dazu: "Wir werden in #Dresden-Laubegast von Neonazis hunderte Meter verfolgt. Es gibt zahlreiche Tritte, Schläge mit versch. Gegenständen. Wir wählen den Notruf. Jetzt sind wir Beschuldigte einer gemeinschaftlichen schweren Körperverletzung."

Im Dresdner Stadtteil Laubegast versammeln sich seit Wochen Gegner der Corona-Maßnahmen. Darunter sind Beobachtern zufolge auch Rechtsextreme und Neonazis. Zuletzt wurde im Januar ein Pressevertreter angegriffen. Der mutmaßliche Täter wurde laut Polizei festgenommen. Gegen ihn wird wegen wegen Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt.

Reporter von vue.critique schon mehrfach gewaltsam angegriffen

Die jungen Reporter, die zur Jugendpresse Sachsen gehören, sind in der Vergangenheit immer wieder gewaltsamen Angriffen bei den Demonstrationen ausgesetzt gewesen. So unter anderem bei einem montäglichen Corona-Protest in Coswig (siehe Tweet unten). Oder auch bei den gewalttätigen Ausschreitungen von Dynamo-Hooligans im Mai 2021. Der Kameramann wurde dabei von einem Hooligan schwer verletzt und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, wie sie in einem Interview mit MDR exakt berichten.

MDR (dk,td,kk)/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 14. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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