Reisebericht Schiffs-Quarantäne, Ausgangssperre ab 17 Uhr – ein Sachse auf Kuba

Von Reisen raten Behörden derzeit ab. Auch Kuba gilt als Corona-Risiko-Gebiet. MDR SACHSEN-Reporter Wolfram Nagel hat das Fernweh gepackt, er war trotzdem dort. In seiner persönlichen Reportage erzählt er, was die Corona-Pandemie für Kuba bedeutet und wie er die Insel erlebt hat - und er sagt auch, warum diese Reise wenig an Urlaub erinnerte.

Corona-Test an Bord eines Schiffes - Wolfam Nagel beim Corona-Test
Wolfram Nagel ist nicht nur MDR SACHSEN-Reporter, sondern auch Karibik- und Segelfan. Mitten in der Pandemie reiste er nach Kuba, um zu erfahren, wie die Menschen dort mit der (Dauer-)Krise umgehen. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Fahrt nach Kuba auf See

Mehr als drei Tage und Nächte kämpft der über 100 Jahre alte Motorsegler gegen hohe Wellen und starken Nordostwind. Abgelegt hat die "Stahlratte" des Berliner "Vereins zur Förderung der Segelschifffahrt" in der Marina von Isla Mujeres vor der Halbinsel Cancún in Mexiko.

Alle Mitreisenden sind in den vergangenen Jahren bereits auf der "Stahlratte" gefahren, als Crew oder als zahlende Gäste. Es soll eine Abschiedsreise sein. Weil das Schiff wegen Corona ein Jahr lang keine Häfen in der Karibik anlaufen konnte, fehlt nun das Geld für notwendige Reparaturen. Es wird verkauft und fährt demnächst zurück nach Europa.

Schon mehrmals habe ich die Insel als Journalist besucht, habe über die Situation der Kirchen, der jüdischen Gemeinden von Havanna und Santiago berichtet, auch über die politische Entwicklung nach dem Tod von Fidel Castro. Nun möchte ich wissen, wie das Land die Corona-Pandemie bewältigt – auch im Unterschied zu Deutschland. Eine wahrscheinlich seltene Gelegenheit in diesen Zeiten.

Fünf Tage Quarantäne an Bord der "Stahlratte"

Am Morgen legt das Schiff in Cienfuegos am Südufer von Kuba an: "Marina Merlin". Grün gekleidet, mit Maske und Visier, klettern zwei Ärzte der internationalen Klinik an Bord. Sie messen Fieber, testen. Der PCR-Test kostet 30 Dollar. Das Ergebnis kommt nach 20 Stunden. Fünf Tage darf die Besatzung nicht von Bord. Nach einem erneuten Test sind alle frei, können sich auf der gesamten Insel bewegen. Den Kubanern hingegen ist es verboten, die Provinzgrenzen zu überschreiten.

Männer sitzen an Holztisch, im Hintergrund medizinisches Personal
Bei der Ankunft muss die Crew fünf Tage auf der "Stahlratte" in Quarantäne bleiben. Erst dann ist der Landgang möglich. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Die Bar in der Marina ist geschlossen. Der kleine Laden hat nur stundenweise geöffnet. Es gibt dort ohnehin nur Alkohol und Wasser.

Der Malecón, wo sonst hunderte junge Kubaner flanieren, ist fast menschenleer. Die Läden rings um die Plaza sind fast alle geschlossen, ebenso die Restaurants, wo wir früher bei Mojito Livemusik gehört haben. Was Kuba sonst kulturell ausmacht, Theater, Straßenmusik, Kino, Ballett, alles steht still, sagt eine deutsche Unternehmerin, die in Havanna lebt.

Geschlossener Laden in Kuba
Geschlossene Läden – kein seltener Anblick auch in Kuba. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Kuba setzt auf Corona-Sicherheit

Mit seinen gut elf Millionen Einwohnern ist Kuba bisher relativ gut durch die Pandemie gekommen. Rund 93.000 Menschen haben sich seit März 2020 mit dem Coronavirus infiziert. Die Zahl der Toten beträgt 532 (Stand 21.04.). Geschützt wird vor allem die ältere Bevölkerung. Deren Lebenserwartung ist mit rund 80 Jahren höher als die in den USA. Diese Zahlen werden täglich der WHO gemeldet und aktualisiert. Kuba hat keinen Grund, sie zu schönen. Im Gegenteil: Der Lockdown wird zentral gesteuert und ist entsprechend gründlich. Die Menschen halten sich an die Maskenpflicht und auch an die Ausgangssperre ab 17 Uhr.

Straße auf Kuba mit Obststand
Leer gefegte Straßen und kein Andrang am Obststand. Ab 17 Uhr herrscht Ausgangssperre auf Kuba. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Aber sind die Preise für Einheimische nicht zu hoch? Immer wieder frage ich mich das beim Blick auf die langen Schlangen vor den Lebensmittelläden. Weil die Kubaner nach wie vor Waren auf Zuteilung bekommen, verhungert niemand: Reis, Öl, Backwaren gibt es für sie für wenige Pesos. Anderes müssen sie in Devisenläden kaufen. Am 1. Januar wurde der CUC abgeschafft, der Peso Convertible. Der offizielle Kurs zum Euro beträgt 1:25. Getauscht wird aber eins zu vierzig oder fünfzig. Immer wieder fühle ich mich an DDR-Zeiten erinnert.

Männer in Seenot

Draußen auf dem offenen Meer hatten wir von der prekären Versorgungslage nichts mitbekommen – auch nicht, als wir in einer der Lagunen südlich von Trinidad ankerten. Erst, als wir nachts Hilferufe hören, rückt uns die dramatische Situation des Inselstaates ins Bewusstsein. Ein paar Männer treiben in einem selbst gebauten Segelboot manövrierunfähig in den hohen Wellen. Bis zu den britischen Cayman-Inseln wären es noch 70 Seemeilen gewesen. Ohne Hilfe wären sie ertrunken. 

Der Preis für die seit einem Jahr geltenden Corona-Restriktionen in Kuba ist hoch. Die Wirtschaft liegt am Boden. Das Land nimmt kaum noch Devisen ein, weshalb Lebensmittel und andere Güter nicht importiert werden können. So fehlt es zum Beispiel an Weißblech für Bierbüchsen. Es gibt also kein Bier. Verschlimmert wird die katastrophale Versorgungssituation durch das unter Trump verschärfte Embargo. 

Cayo Largo soll coronafreie Zone sein

Gerne wäre ich zur Thälmann-Insel gefahren, im Gürtel der Cayos und Riffe vor der Schweinebucht. Aber dafür hat die "Stahlratte" einen zu großen Tiefgang. Wir ankern vor Cayo Largo, wandern auf weißem Strand, fahren mit dem Dinghi zur kleinen Leguaninsel, am Rande der Mangroven. Heile Natur, fast ohne Plastikmüll. Vor Betreten der Bar in der Marina wird abermals Fieber gemessen. Freudig begrüßt uns der Hafenkapitän und der Barkeeper. "Cayo Largo, die einzige Insel ohne Corona", sagen sie. Wir sind willkommen. "Bienvenidos cuba socialista" . So stand es an einer Mauer in der Hafeneinfahrt von Cienfuegos, bis ein Hurrikan das "Willkommen" weggefegt hat. 

Segler bringen Geld. Sie bekommen sogar importiertes Bier aus Spanien, wenn sie wollen. Auf der Speisekarte stehen Fisch und Pommes. Und es gibt Mojito. Aber Feierlaune kommt nicht auf. Auch nicht bei den Arbeitern, die seit Tagen die Stege reparieren. Sie sitzen am Nachbartisch, trinken Bier und Rum für den gleichen Preis.

Taverne in Cayo Largo
Eine geöffnete Taverne in Cayo Largo. Wo sonst das Leben pulsiert, herrscht gähnende Leere. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Im einzigen geöffneten Souvenirladen kann man Kuba-Hemden, Taucherbrillen, Flossen und Zigarren kaufen. Die Tauchschule ist verwaist. Bei meinem letzten Besuch bereiteten sich dort dutzende Touristen aus aller Welt auf Rifftouren vor. Im einzigen Lebensmittelladen fragen wir nach Tomaten, Ananas und Limonen. Wir bekommen Eier und Eis – fresa y chocolate, Erdbeere und Schokolade. Eine Erinnerung an den berühmten kubanischen Film des Regisseurs Tomás Gutiérrez Alea aus dem Jahr 1993.

Mehr Religionsfreiheit durch Corona

Immer waren die Türen der Kathedrale von Cienfuegos an der Plaza José Marti geschlossen. Erstmals durfte ich eintreten, nach einer Schuh- und Handdesinfektion. Gottesdienste finden nur in kleinem Rahmen statt. Aber die Menschen haben einen Platz fürs Gebet. Es richtet sich an die Nationalheilige "Virgen de la Caridad del Cobre".

Leere Kirchenbänke in der "Catedral de la Purísima Concepción" in Cienfuegos
Kirchen sind geöffnet aber leer, wie die "Catedral de la Purísima Concepción" in Cienfuegos. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Schon die Ostermesse wurde im Staatsfernsehen übertragen. Auch an den Sonntagsmessen können die Kubaner seitdem auf diese Weise teilnehmen. Traditionelle Zeremonie der Santería oder ausschweifende Gottesdienste der Freikirchen hingegen sind verboten, waren sie doch immer wieder Quelle von Corona-Hotspots in Kuba.

Kuba lässt ausländische Segler einlaufen

Kuba ist eine der wenigen Inseln in der Karibik, die ausländische Segler einlaufen lässt. Wer Einschränkungen in Kauf nimmt, kann dennoch in Ressorts wie Varadero oder Cayo Coco Urlaub machen. Verglichen mit Kuba klagen wir in Deutschland auf sehr hohem Niveau über den Verlust von Freiheiten. Sehnlichst warten die Menschen auch dort auf ein Ende der Pandemie.

Klinik für Corona-Tests auf Kuba - 24 Stunden geöffnet
Die "Clínica International" in Cienfuegos hat 24 Stunden geöffnet. Hier werden Coronatests durchgeführt und hier soll bald geimpft werden. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Sie setzen dabei auf ihr gutes Gesundheitssystem und die bevorstehenden Impfungen. Das Land entwickelte sogar eigene Vakzine wie Soberana 02. Nach der erfolgreichen dritten Testphase sollen nun alle Kubaner geimpft werden. Mit Geduld und stoischer Gelassenheit ertragen sie die Krise. Auch das könnten wir von der Insel lernen, wenn wir sie mit den Zahlen in Deutschland, den USA oder Brasilien vergleichen. Immerhin: Für den Sommer bieten Reisebüros wieder Reisen an. 

Für mich ist die Reise mit der "Stahlratte" zwar der Abschied von einem Schiff, nicht aber von Kuba.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sachsenspiegel | 25. April 2021 | 19:00 Uhr

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