Ermittlungen Neue Öffentlichkeitsfahndung nach Dynamo-Gewalttätern

Die schweren Ausschreitungen am Rande des Aufstiegsspiels von Dynamo Dresden Mitte Mai haben Dresden und ganz Sachsen erschüttert. Durch die Auswertung von Videomaterial hat die Polizei schon 150 Tatverdächtige identifiziert. Jetzt fahndet sie erneut öffentlich nach 20 Tatverdächtigen.

Framegenau: Hinterkopf eines Mannes mit Fasson-Haarschnitt und dunklen Haaren. Der Mann blickt auf zwei Computerbildschirme.
Die Ermittler schauen sich die Videosequenzen von den Ausschreitungen genau an und versuchen, Tatverdächtige zu identifizieren. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Mehr als 150 Tatverdächtige konnte die Soko "Hauptallee" nach den schweren Ausschreitungen am 16. Mai bereits identifizieren. Nun sucht die Polizei erneut mit Fahndungsfotos nach 20 weiteren Personen, denen sie nach umfassender Videoanalyse verschiedene Straftaten vorwirft.

Enrico Lange, Leiter der Sonderkommission "Hauptallee", hat ein ehrgeiziges Ziel: Möglichst jeder, der sich an den Ausschreitungen rund um das Aufstiegsspiel von Dynamo Dresden beteiligt hat, soll eindeutig identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden - trotz Mund-Nasen-Schutz oder gar Vermummung. Dafür arbeiten sich seine "Videoauswerter" Bild für Bild durch Unmengen von Videomaterial. Bei Personen, von denen die Beamtinnen und Beamten auf diese Weise brauchbare Bilder erhalten, sie aber nicht selbst identifizieren können, bittet die Polizei nun die Öffentlichkeit erneut um Mithilfe.

Hoher Druck auf die Täter

Eine Öffentlichkeitsfahndung gilt als letztes und schärfstes Mittel, um Tatverdächtige zu fassen. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte möglicherweise auch Unschuldiger wird zunächst polizeiintern gefahndet. Erst wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, kann eine öffentliche Fahndung mit Fotos der mutmaßlichen Täter über Presse und Medien genehmigt werden.

Nach der ersten Öffentlichkeitsfahndung im Zusammenhang mit den Krawallen im Mai hat sich laut Kriminalrat Enrico Lange der erste Tatverdächtige bereits eine halbe Stunde nach der Veröffentlichung seines Fotos gestellt. 

Eine solche Öffentlichkeitsfahndung erhöht den Druck auf die Tatverdächtigen enorm. Einige haben beispielsweise erzählt, dass Kollegen oder Bekannte angekündigt hatten, zur Polizei zu gehen, wenn sie sich nicht selbst stellen.

Enrico Lange Leiter der Soko "Hauptallee"

Weil Fahndungsfotos sofort zurückgezogen werden müssen, sobald die gesuchte Person identifiziert werden konnte, verlinkt MDR Sachsen hier die ständig aktualisierte Seite der Polizeidirektion Dresden:

Hauptquartier der Pixelfahnder

Ein länglicher Raum, in dem ein Tisch in U-Form steht. Auf dem Tisch befinden sich zahlreiche Computer.
So sieht das Hauptquartier der Soko "Hauptallee" aus. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Weil Presse und Medien eine wichtige Rolle spielen bei der Verbreitung von solchen Fahndungsaufrufen, gestattet die Soko "Hauptallee" dem MDR SACHSEN Dreharbeiten bei den Videoauswertern der Soko "Hauptallee". Wegen des sensiblen Drehorts ist das keineswegs selbstverständlich: Die Beamtinnen und Beamten dürfen wegen der Gefahr von Bedrohungen oder Racheakten nicht erkannt werden. Zudem hängen an mehreren Stellwänden zum Teil großformatige Fotos bereits ermittelter Tatverdächtiger, die keineswegs aus dem MDR SACHSENSPIEGEL erfahren sollen, dass die Polizei in den kommenden Tagen bei ihnen vor der Tür stehen wird.

Ein Großraumbüro voller Rechner also, in dem es sehr viel zu sehen gibt, aber aus datenschutzrechtlichen und ermittlungstaktischen Gründen vergleichsweise wenig zu zeigen.

Puzzle aus Tausenden von Teilen

Bild für Bild arbeiten sich die Auswerter der Soko "Hauptallee" durch Videomaterial aus verschiedenen Quellen: darunter eigene Aufnahmen der Polizei, Clips aus sozialen Medien, Überwachungsvideos aus Straßenbahnen der Dresdner Verkehrsbetriebe, aber auch Rohmaterial von Journalistinnen und Journalisten, die bei den Ausschreitungen teilweise selbst Opfer von Gewalttaten wurden.

Eine Sekunde Videomaterial kann aus bis zu 60 Einzelbildern bestehen. Die Beamtinnen und Beamten suchen den jeweils besten Moment, in dem beispielsweise ein mutmaßlicher Täter die Maske abnimmt, um ein Bier zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen und sich in Richtung der Kamera dreht. In anderen Situationen schneiden die Auswerter Sequenzen zusammen, die die Tatbeteiligung des Verdächtigen dokumentieren.

Keinesfalls "Jacke wie Hose"

Identifizierung: Ein Mann mit Mundschutz schaut auf einen Bildschirm, auf dem eine vermummte Person zu sehen ist. die vermummte Person ist am Bildschrim mit Pfeilen sowie Beschriftungen markiert.
Anhand von zahlreichen Details ordnen die Ermittler die Taten bestimmten Personen zu. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Bildausschnitte, in denen teilweise vermummte Tatverdächtige Straftaten begehen, müssen anderen Bildern und Sequenzen zugeordnet werden, in denen sie möglicherweise besser zu erkennen sind oder weitere Straftaten verüben. Dafür vergleichen die Auswerter auch auf den ersten Blick unauffällige Kleidungsstücke. Ein Beamter, der aus den genannten Gründen anonym bleiben muss, dokumentiert detailgetreu Gemeinsamkeiten beim äußeren Erscheinungsbild in verschiedenen Standbildern aus unterschiedlichen Aufnahmesituationen.  

Wir haben hier ein recht seltenes Schuhmodell, die vielen Details, wie die Embleme an der Hose und vor allem das Gesicht, das sich mit anderen Bildern sehr gut vergleichen lässt. Ich denke schon, dass das vor Gericht Bestand haben wird.

Ermittler Soko "Hauptallee"

Männlich, sächsisch, bisher unbekannt

Der in sozialen Medien vielfach geäußerten Behauptung, zu den Krawallen seien Hooligans aus dem gesamten Bundesgebiet angereist, erteilt Soko-Chef Lange eine klare Absage: Fast alle der bisher ermittelten Tatverdächtigen kämen aus Dresden oder der näheren Umgebung, maximal noch aus den Landkreisen Bautzen oder Mittelsachsen. Nur fünf von mehr als 150 seien weiblich, gegen diese würde überwiegend wegen Beleidigung ermittelt. Hätte es sich tatsächlich um hinlänglich polizeibekannte Gewalttäter gehandelt, wären die Ermittlungen weit weniger aufwändig.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 12. Juli 2021 | 19:00 Uhr

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